Nicht an allen Messstellen werden die neuen EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid eingehalten. Das Umweltressort setzt auf Wachstum bei der Elektromobilität, doch ob das reicht, ist offen.
Nicht an allen Messstellen werden die neuen EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid eingehalten. Das Umweltressort setzt auf Wachstum bei der Elektromobilität, doch ob das reicht, ist offen.
Das hohe Verkehrsaufkommen sorgt an der Nordstraße auch für hohe Stickstoffdioxidwerte. Zu hoch für die ab 2030 geltenden Grenzwerte. Frank Thomas Koch
Wenn ab 1. Januar 2030 europaweit neue Grenzwerte für Stickstoffdioxid gelten, würde Bremen nach heutigem Stand an mindestens zwei großen Hauptverkehrsachsen die Werte nicht einhalten. Das betrifft die Nordstraße als wichtige Verbindung unter anderem zwischen Holzhafen und B75 sowie den Dobben als innerstädtischen Verkehrsknotenpunkt. An beiden Standorten passieren täglich über 20.000 Fahrzeuge die dort nach Vorgaben der Europäischen Union (EU) platzierten verkehrsnahen Messstationen. Dass Abgase aus dem Verkehr die Hauptquelle für hohe lokale Stickstoffdioxidkonzentrationen sind, gilt als unstrittig.
Aktuell liegen die berechneten Jahresmittelwerte für Stickstoffdioxid von 26 (Dobben) und 27 (Nordstraße) Mikrogramm je Kubikmeter Luft unter dem heute gültigen Grenzwert von 40 Mikrogramm. Weil sich dieser Wert ab 2030 aber auf 20 Mikrogramm halbiert, könnte spätestens ab 2028 ein "erhöhter Handlungsbedarf im Verkehrssektor" bestehen, wie es im Jahresbericht des Bremer Luftüberwachungssystems heißt.
Umweltzonen sind Folge der EU-GrenzwerteWas das konkret bedeutet, führt der Bericht nicht aus, aber in zahlreichen anderen Kommunen haben regelmäßig überschrittene Grenzwerte unter anderem zu Fahrverboten geführt. So dürfen beispielsweise in Stuttgart seit Juli 2020 Dieselfahrzeuge der Abgasnorm Euro 5 und schlechter nicht mehr in die Innenstadt. Die Existenz von Umweltzonen in vielen Städten mit entsprechenden Fahrverboten für bestimmte Fahrzeuge geht ganz grundsätzlich auf die jetzt noch einmal verschärfte EU-Luftqualitätsrichtlinie zurück. Das gilt auch für die 2005 eingerichtete Bremer Umweltzone.
In Bremen haben in der Vergangenheit außerdem zu häufig überschrittene Tageshöchstwerte beim Feinstaub schon einmal zu einem Aktionsplan geführt, der vor allem auf großräumige Verkehrslenkung gesetzt hat, um Lkw von den betroffenen Straßenzügen möglichst fernzuhalten. Ob Ähnliches auch diesmal zu erwarten oder auch nur machbar wäre, ist derzeit aber offen.
Keine gesundheitlich unbedenkliche KonzentrationHintergrund der ab 2030 verschärften Grenzwerte bei Feinstaub und Stickoxiden sind veränderte Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). An deren Vorgaben hatte sich die EU bei ihrem Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm orientiert. Seit 2021 hat die WHO diesen Grenzwert jedoch auf nur noch zehn Mikrogramm abgesenkt. Der Grund sind neue Langzeitstudien, an denen auch Regionen mit sehr geringer Schadstoffbelastung beteiligt waren. Sie zeigten, dass auch bei Konzentrationen weit unter dem Richtwert von 40 Mikrogramm gesundheitliche Folgen nachweisbar sind.
Stickstoffdioxid führt laut Bundesumweltamt zu Entzündungsreaktionen in den Atemwegen. Zusätzlich verstärkt es die Wirkung anderer Schadstoffe in der Luft. So verursacht es Akuteffekte wie Atemnot, Husten, Bronchitis, die sich zu chronischen Atemwegs- und Lungenerkrankungen entwickeln können. Die Europäische Umweltagentur (EEA) hat für die EU rund 417.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr durch Stickoxide berechnet.
Wenn die EU jetzt ab 2030 ihren Grenzwert für Stickstoffdioxid auf 20 Mikrogramm halbiert, ist das vor diesem Hintergrund eine eher abgeschwächte Reaktion auf die neueren Erkenntnisse und Empfehlungen der WHO. Dennoch setzt sie damit nicht nur Bremen, sondern zahlreiche Kommunen unter Druck. Eine Auswertung des WDR von Daten des Umweltbundesamtes hat ergeben, dass bundesweit etwa ein Drittel der Stationen die künftigen Stickstoffdioxid-Grenzen für Tages- oder Jahreswerte überschreitet. In Berlin und Hamburg ist es sogar die Hälfte.
Bremer Luft besser als in vielen anderen KommunenSo gesehen steht Bremen noch gut da, wenn zwei von acht Stationen Werte über dem künftig Erlaubten liefern. Der Tagesmittelwert von 50 Mikrogramm ab 2030 wurde in den zurückliegenden zwölf Monaten sogar nur dreimal überschritten, an zwei Tagen am Dobben und an einem Tag in der Nordstraße. Dreimal pro Jahr und Station ist gestattet, ohne dass Sanktionen zu befürchten sind.
Weil Bremen bis auf die erhöhten Stickoxide insgesamt eine gute Luftqualität aufweist und auch bei allen übrigen Parametern inklusive Feinstaub schon heute die angekündigten strengeren Grenzwerte einhält, überwiegt aktuell im Umweltressort noch das Prinzip Hoffnung. Bis 2030 werde insbesondere durch eine beschleunigte Elektrifizierung und emissionsärmere Antriebstechnologien im Verkehr weniger Schadstoffausstoß erwartet, heißt es im Jahresbericht des Bremer Luftüberwachungssystems. Sollten allerdings – ähnlich wie 2005 – Aktionspläne und ein Luftqualitätsfahrplan erstellt werden müssen, so sind daran auch das Verkehrs- und Wirtschaftsressort beteiligt.
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