Den dritten Tag in Folge fällt der deutsche Hitzerekord: 41,7 Grad, gemessen in Brandenburg. Und pünktlich kehren alte Sätze zurück. Sie halten der Prüfung nicht stand.
Deutschland kommt aus den Rekorden nicht mehr heraus. Am Sonntag gegen 16 Uhr wurden in Coschen im Osten Brandenburgs 41,7 Grad gemessen, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte. So heiß war es hierzulande noch nie, seit 1881 das Wetter aufgezeichnet wird.
Und es war erst der jüngste Akt. Der Wert aus Coschen löst die 41,5 Grad ab, die noch am Samstag im sachsen-anhaltischen Möckern-Drewitz gemessen wurden. Schon am Freitag hatte Saarbrücken mit 41,3 Grad einen Rekord gebracht. Drei Tage, drei Bestmarken.
Auch die Nacht zum Sonntag schrieb Geschichte: Mit 29,4 Grad in Kubschütz war es die heißeste seit Messbeginn, der alte Wert von 2003 lag mehr als zwei Grad darunter.
Während in Leipzig wegen der Hitze die Straßenbahnen stillstehen und Frankreich in der Hitzewelle laut Gesundheitsbehörden rund 1000 zusätzliche Todesfälle verzeichnet, fällt im Netz wieder dieser eine Satz: „Früher war es doch auch heiß.“
Er klingt harmlos. Ist er nicht. Wir prüfen die vier beliebtesten Einwände – und schauen, was übrig bleibt.
Stimmt, einzelne heiße Tage gab es immer. In Potsdam kletterte das Thermometer nach DWD-Daten schon 1959 auf 38,4 Grad.
Nur: Die 40-Grad-Marke fiel in Deutschland laut DWD überhaupt erst am 27. Juli 1983, in den bayerischen Orten Kösching und Gärmersdorf. Gut hundert Jahre nach dem ersten Messwert. Wer behauptet, in den 70ern bei offiziell gemessenen 40 Grad im Freibad gelegen zu haben, irrt sich ziemlich sicher.
Entscheidend ist ohnehin nicht der eine Ausreißer, sondern die Häufigkeit.
Und die explodiert. Der gern beschworene „Supersommer“ 1976 brachte bundesweit 10,2 heiße Tage, rechnet der DWD vor. Klingt nach viel, bis man die Gegenwart danebenlegt: 17,3 solcher Tage im Jahr 2022, 12,5 im Jahr 2024.
In der Region Berlin/Brandenburg hat sich die Zahl der Tage über 30 Grad nach DWD-Zahlen fast verdoppelt: von 6,5 pro Jahr (1961–1990) auf 11,5 (1990–2019).
Auch richtig. Eiszeiten kamen und gingen, die Kleine Eiszeit ließ im 17. Jahrhundert die Flüsse zufrieren.
Der Unterschied ist das Tempo. Wofür die Natur früher Jahrtausende brauchte, das schafft der Mensch heute in Jahrzehnten.
Und es ist ein globaler Trend, kein lokaler Ausschlag. Auf der Nordhalbkugel war das vergangene Jahrzehnt das wärmste seit mehr als 125.000 Jahren, wie das Umweltbundesamt unter Berufung auf den Weltklimarat IPCC festhält. Das zeigen Klimaarchive wie Eisbohrkerne und Baumringe, nicht bloß Erinnerungen.
Beliebt, weil es so einleuchtet: Die Sonne heizt die Erde, also wird sie es jetzt eben auch tun.
Nur strahlt die Sonne seit den 1980er-Jahren eher schwächer – und trotzdem wird es heißer. Die beiden Kurven, jahrzehntelang im Gleichschritt, sind auseinandergelaufen.
Würde die Sonne den Takt vorgeben, müsste die Temperatur ihrem Elfjahresrhythmus folgen. Das tut sie nicht. Den Beitrag der Sonne zur Erwärmung seit 1980 nennt das Portal klimafakten.de unter Verweis auf die Forschung vernachlässigbar.
Das Lieblingsargument der Zahlenspieler: 0,04 Prozent der Luft, wie soll das etwas ausmachen?
Die Physik kümmert das wenig. Es kommt nicht auf die Konzentration an, sondern auf die Wirkung.
Ohne den natürlichen Treibhauseffekt läge die Erde laut Umweltbundesamt im Schnitt bei minus 18 Grad. Sie wäre unbewohnbar. Erst die Spurengase machen daraus lebensfreundliche knapp 15 Grad. Diese Strahlungswirkung ist seit dem 19. Jahrhundert im Labor messbar – und genau diese Schraube dreht der Mensch seit der Industrialisierung immer weiter.
Jeder dieser Sätze trägt einen wahren Kern. Das macht sie so beliebt.
Doch sie kippen an dem Punkt, an dem aus einem Detail ein Freispruch wird. Aus einem heißen Tag von 1959 wird dann ein Beweis gegen Tausende Messreihen. Und gegen das Thermometer vom Samstag.
2024 bleibt in Deutschland das wärmste Jahr seit Messbeginn. 2025 war laut Umweltbundesamt immer noch das achtwärmste Jahr seit 1881.
Weltweit war 2024 das erste Kalenderjahr mit mehr als 1,5 Grad über vorindustriellem Niveau, meldete der EU-Klimadienst Copernicus. Die zehn wärmsten Jahre hierzulande liegen allesamt im 21. Jahrhundert.
Ja, früher war es auch mal heiß. Aber nicht so – und nicht im Juni.
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