Europa erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Frankreich erlebte den heißesten Tag seit 1947. Doch das ist erst der Anfang. Eine Analyse.
Es ist eine Zahl, die vieles deutlich macht: Während sich die Erde insgesamt um rund 1,4 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau erwärmt hat, liegt Europa bereits bei etwa 2,4 Grad über dem Wert von 1850 bis 1900. Das geht aus Daten des Copernicus Climate Change Service der EU hervor. Damit ist unser Kontinent der mit Abstand am schnellsten heizende der Welt – und die Hitzewelle dieser Tage führt uns mit brutaler Deutlichkeit vor Augen, was diese Statistik im Alltag bedeutet.
Frankreich erlebte in dieser Woche den heißesten Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1947. Der nationale Temperaturindikator – ein Durchschnitt aus Tag- und Nachtwerten an dutzenden Stationen – erreichte 30 Grad Celsius. In der südwestfranzösischen Gemeinde Pissos kletterte das Quecksilber auf 44,3 Grad.
Paris verzeichnete mit 40,9 Grad einen neuen Juni-Rekord. Auch Großbritannien meldete mit 36,1 Grad in Gosport (Hampshire) seinen heißesten Juni-Tag der Geschichte – der alte Rekord von 35,6 Grad aus dem Jahr 1957 wurde übertroffen. Spanien wiederum erlebte mit Tagesdurchschnittswerten von 28,17 Grad die heißesten späten Junitage seit Beginn der Messungen 1950.
Die menschlichen Kosten sind erschreckend: Allein in Frankreich starben mindestens 48 Menschen durch Ertrinken, als sie sich abkühlen wollten, zwei Kleinkinder kamen in überhitzten Autos ums Leben. In Spanien starben zwei ältere Menschen an Hitzschlag. Italiens Gesundheitsministerium setzte 16 Städte – darunter Florenz, Mailand, Rom, Turin und Verona – auf die höchste Hitzewarnstufe.
Die zugrunde liegende Dynamik ist eindeutig. Laut Copernicus sind die Durchschnittstemperaturen in Europa seit Mitte der 1990er-Jahre um etwa 0,56 Grad Celsius pro Dekade gestiegen – mehr als doppelt so schnell wie im globalen Mittel. Doch warum gerade Europa? Die Klimawissenschaft hat in den vergangenen Jahren mehrere Faktoren identifiziert, die zusammenwirken.
Die Arktis als Brandbeschleuniger: „Europa ist mit der Arktis verbunden, die sich viel schneller erwärmt als der Rest des Planeten“, erklärt Ben Clarke, Forscher für Extremwetter und Klimawandel am Imperial College London, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.
Die Arktis ist laut Copernicus bereits 3,2 Grad wärmer als in vorindustrieller Zeit. Verantwortlich dafür ist die sogenannte Albedo-Rückkopplung: Helles Eis und Schnee reflektieren einen Großteil der Sonnenstrahlung zurück ins All. Schmelzen sie, kommen darunter dunklere, wärmeabsorbierende Flächen wie Land oder Meer zum Vorschein. „Wenn das Meereis schmilzt, führt das zu einer stärkeren Wärmeaufnahme, was wiederum die Gewässer weiter erwärmt und mehr Eis schmelzen lässt“, so Clarke.
Weniger Schnee, mehr nackte Erde: Auch in Europa selbst schrumpft die Schneedecke. Im vergangenen Jahr lag die schneebedeckte Fläche zu ihrem jährlichen Höhepunkt rund ein Drittel unter dem Durchschnitt, so Copernicus. Das Ergebnis: mehr freiliegender Boden, der Wärme aufnimmt – besonders in Skandinavien und im europäischen Russland. Copernicus-Direktor Carlo Buontempo bestätigt: Viele Regionen, die früher eine Woche oder mehr Frost hatten, erleben dies nicht mehr, wodurch dunkles Land statt weißem Schnee freigelegt wird.
Das Paradox der sauberen Luft: Eine besonders ironische Komponente ist der Erfolg europäischer Luftreinhaltepolitik. Strengere Luftqualitätsvorschriften haben seit den 1980er-Jahren die Aerosolemissionen reduziert. Doch diese winzigen Schwebeteilchen hatten einen kühlenden Effekt, weil sie Sonnenlicht reflektieren und Wolken reflektierender machen. „Während eine Reduktion der Luftverschmutzung enorm wichtig für die Atemwegsgesundheit ist, erhöht sie auch die Sonneneinstrahlung an der Oberfläche“, erklärt Clarke.
Besonders besorgniserregend sind Veränderungen in der Atmosphärenzirkulation. Hochdrucksysteme, die stabiles Wetter und höhere Temperaturen bringen, sind in Europa häufiger geworden. „Wenn man sich die letzten 20, 30 Jahre ansieht, gab es besonders im Sommer eine Häufung jener antizyklonalen Bedingungen, die Hitzewellen wahrscheinlicher machen“, so Buontempo. Ob diese Zunahme dem Klimawandel oder einer „statistischen Fluktuation“ geschuldet ist, bleibt wissenschaftlich umstritten.
Die aktuelle Hitzewelle wird durch ein Wetterphänomen namens Omega-Blockade angetrieben, das Temperaturen bis zu 18 Grad über den Normalwert drückt. Es ähnelt der Form des griechischen Buchstabens Omega – mit einem ausgebeulten Mittelteil, der Hitze über Regionen für längere Zeiträume einschließt.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei auch der Jetstream, das Band starker Westwinde, das normalerweise kühle Atlantikluft nach Europa lenkt. In den vergangenen Jahrzehnten teilt sich der Jetstream über Europa häufiger in zwei Äste auf – eine Zone schwacher Winde dazwischen lässt Hitze tagelang stagnieren. Eine Studie aus dem Jahr 2022 ergab, dass fast die gesamte jüngste Zunahme an Häufigkeit und Intensität von Hitzewellen in Westeuropa mit diesen länger anhaltenden „Doppel-Jet“-Mustern zusammenhängt. Beim verheerenden Hitzesommer 2003, der bis zu 70.000 Tote in Europa forderte, hielt ein solcher Doppel-Jet 29 Tage lang an.
Die Erwärmung verläuft nicht überall gleich. Laut Copernicus haben sich Ost- und Südosteuropa sowie Teile Mitteleuropas einschließlich der Alpen in den vergangenen 30 Jahren um 0,5 bis ein Grad Celsius pro Dekade erwärmt. West- und Südwesteuropa sowie das subarktische Finnland, Norwegen und Schweden um 0,2 bis 0,5 Grad pro Dekade. Den traurigen Spitzenplatz hält Svalbard: Der norwegische Arktis-Archipel verzeichnete eine Erwärmung von 1,5 bis zwei Grad pro Dekade.
Die Klimawissenschaft ist sich einig: Wiederkehrende Hitzewellen sind ein klares Kennzeichen der globalen Erwärmung, und sie werden häufiger, länger und intensiver werden, getrieben durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Lizzie Kendon, Klimawissenschaftlerin an der University of Bristol, bringt es auf den Punkt: „Wir erwarten steigende Temperaturen und das Brechen von Temperaturrekorden aufgrund des Klimawandels.“ Was sie als „außergewöhnlich“ bezeichnet, sind die Spannen, mit denen Rekorde derzeit überboten werden.
Besonders alarmierend ist der globale Kontext: Steigt die Feuchtkugeltemperatur über 35 Grad, kann der menschliche Körper sich nicht mehr durch Schwitzen kühlen – egal, wie viel man trinkt oder im Schatten ruht. Klimamodelle zeigen, dass dichtbesiedelte Regionen wie der Persische Golf, Südasien und die nordchinesische Tiefebene diese Schwelle bis Ende des Jahrhunderts überschreiten könnten.
Europa, lange Zeit klimatisch verwöhnt, lernt gerade schmerzhaft, was Anpassung bedeutet – von schließenden Schulen über Stromausfälle in Mailand und Turin bis hin zu französischen Atomkraftwerken, die ihre Leistung um sieben Prozent drosseln mussten, weil das Kühlwasser zu warm wurde. Der französische Arbeitsminister Jean-Pierre Farandou brachte die neue Realität auf eine simple Formel: Frankreich sei dabei, zu erkennen, ein heißes Land geworden zu sein. Die Gesellschaft, so warnte er, müsse sich anpassen.
Die Frage ist nur: schnell genug?
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