Neuber antwortet auf Niggemeiers Antisemitismus-Vorwurf. Dieser habe 2000 Wörter auf einen Absatz reduziert und diesen auch noch falsch rezitiert.
Hey Stefan,
du hast einen Text in der Berliner Zeitung gelesen. Vermutlich. Zumindest teilweise. Na gut, sagen wir: Du hast ihn dir angesehen, bis dein innerer Skandal-Detektor „Bingo!” gerufen hat. Und dann hast du mit dem Schwung eines alternden weißen Mannes, der genau weiß, wo die nächste Pointe wirkt, alles Übrige beiseitegeschoben wie ein ungezogenes Kind die Erbsen an den Tellerrand.
Das Ergebnis ist beeindruckend. Du hast einen Text von rund 2.000 Wörtern auf einen einzigen Absatz eingedampft und aus diesem wiederum die Botschaft destilliert: „Die Juden sind an allem schuld.“ Geschrieben hat das bei uns niemand. Aber du hast es gelesen, als ob Opa Niggemeier sein mutmaßliches NSDAP-Parteibuch Anfang Mai 1945 nie hätte verbrennen müssen.
Entweder war das ein Akt ideologischer Befreiung im Hause Niggemeier, oder es war einfach nur eine Spielart kreativer Textrezeption. Wenn du in der Textinterpretation noch etwas mehr Eigenleistung zeigst, musst du dich demnächst selbst der KI-Nutzung verdächtigen.
Schauen wir uns kurz an, was in dem Text zur Nutzung von KI im Journalismus außerdem noch stand – nur damit wir wissen, was du alles nicht behandelt hast. Es ging um:
– die Ludditen und die schlesischen Weber,
– den Taschenrechner, vor dem in den Siebzigern auch schon alle Angst hatten,
– Google Maps, ohne das heute selbst Kulturkritiker wie du nicht mehr zum Bäcker finden,
– die ziemlich naheliegende Frage, warum jahrzehntelang niemand ein Problem damit hatte, dass Politiker ihre Reden von Referenten, Ghostwritern und PR-Beratern schreiben lassen, ausgerechnet bei zwei Buchstaben („KI”) aber plötzlich die Empörungsorgel auf Hochtouren läuft.
– 109 Milliarden US-Dollar KI-Investitionen in den USA gegenüber 20 in Europa und
– und die nicht ganz abwegige These, dass das eigentliche Problem im Fall Voigt nicht das Werkzeug war, sondern der Umstand, dass er den von der Maschine generierten Text offenbar nicht einmal gegengelesen hat.
Über all das: Kaum ein Wort von dir. Stattdessen gute 6000 Zeichen über einen einzigen Absatz, den du dann auch noch deutlich aufladen musstest, damit der Skandal richtig knallt. Das ist, mit Verlaub, kein Qualitätsjournalismus, das ist Bullshit-Bingo.
Der fragliche Absatz argumentierte ungefähr so: Es sei argumentativ schräg, ausgerechnet die KI-Formulierung einer Holocaust-Gedenkrede zu skandalisieren, wenn an der Entwicklung dieser KI maßgeblich Nachkommen der Opfer beteiligt waren. Das kann man für einen Kategorienfehler halten. Man kann es für rhetorisch ungeschickt halten. Alles legitim. Auch wenn unser Text argumentativ etwas komplexer war, was dir, warum auch immer, entgangen zu sein scheint.
Was man aber nicht ohne Weiteres daraus machen kann, ist: „Die Juden kontrollieren die Welt.“ Das steht nämlich nirgends. Wirklich nicht. Auch nicht zwischen den Zeilen. Auch nicht in unsichtbarer Tinte. Auch nicht, wenn man den Text gegen das Licht hält und schielt.
Du aber, lieber Stefan, hast hier einen Interpretationssprung vollzogen, der selbst die Olympia-Weitsprungrekorde wie einen vorsichtigen Schritt über eine Pfütze aussehen lässt. Du machst aus „Jüdische Gründer spielen wichtige Rollen in der KI-Branche“ (eine statistisch nicht ganz von der Hand zu weisende Beobachtung und auch kein Skandal) eine antisemitische Weltverschwörungstheorie.
Das ist methodisch ungefähr so überzeugend, wie wenn ich dir eine Nähe zum Dritten Reich unterstellen würde, weil in „Stefan Niggemeier“ drei der fünf Buchstaben von „NSDAP“ vorkommen.
Besonders charmant fand ich übrigens den Moment, in dem du raunend andeutest, der Text der Berliner Zeitung sei „vermutlich“ selbst KI-generiert. Dein Beweis: Formulierungen, die dir „KI-typisch“ vorkommen. Belege: keine. Methodische Grundlage: Bauchgefühl. Eleganzfaktor: überschaubar. Andere haben das besser verstanden.
Damit hast du, ganz nebenbei, das neue Killer-Argument des publizistischen Loser-Zeitgeists entlarvt. Was mir nicht passt, ist halt KI. Das hat einen gewissen blockwartigen Charme. Zu Zeiten von Opa Niggemeier reichte es, einen Text als „undeutsch“ zu disqualifizieren, später dann wurde hierzulande eben gefragt, ob die Uhr bei den Abendnachrichten Striche hatte. Heute genügt ein „Klingt nach KI“.
Allerdings – nur als Hinweis unter Kollegen – funktioniert dieses Argument in beide Richtungen. Wenn man jetzt deinen Text mit demselben kriminalistischen Spürsinn durchliest, den du gerade an den Tag gelegt hast, fällt auf: Dieser fast manierierte Rhythmus, diese Vorliebe für viele lange, komplexe Sätze, die in plötzlicher Pöpelei enden, der Trend zu rhetorischen Fragen, dieses leicht überzogene Pathos beim moralischen Schlussakkord – ich sage ja nichts. Ich frage nur.
Der eigentlich interessante Befund ist ja nicht, dass der Text der Berliner Zeitung einen polemischen Absatz enthält. Den hätte man mit ein bisschen handwerklichem Geschick in zwei Sätzen erledigt. Aber das hätte natürlich keine Empörungswelle erzeugt, keine Shares, kein Raunen in den Timelines, kein „Endlich sagt es mal einer!” in den befreundeten Feuilletons. Also musste der ganz große Antisemitismus-Vorwurf her, garniert mit Ad-hominem-Spitzen („Welcher denkende Mensch formuliert so?”).
Das alles ist publizistisch wirkungsvoll. Es bedient zuverlässig das Publikum, das es bedienen soll. Und es ist eine Kolumne, mit der du, sei dir ehrlich gegönnt, noch ein bisschen Geld verdienst, um gegen Mitbewerber auf dem Zeitungsmarkt zu schießen.
Mit einer redlichen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand hat es allerdings nur sehr peripher zu tun. Du hast 90 Prozent des Textes ignoriert, einen Absatz zum Hauptthema erklärt, ihm Aussagen zugeschoben, die er nicht enthält, und das Ganze wie Joseph Goebbels den Applaus 1943 im Berliner Sportpalast verstärkt.
Das ist keine Textkritik. Das ist eine nach Zeile bezahlte Themaverfehlung.
Jede Redaktion muss selbst entscheiden, was sie unter „Qualitätsjournalismus“ versteht. Ich fürchte, dass die SZ-Redaktion ihre Entscheidung bereits getroffen hat. Ich gönne sie ihr und dir von Herzen.
Die Webstühle laufen übrigens trotzdem weiter. Auch ohne deine Genehmigung.
Also, allet Jute, Alter, und lies beim nächsten Mal vielleicht zwei Absätze mehr. Oder vielleicht sogar den ganzen Text.
Dein aufmerksamer Leser
Harald Neuber
Nachrichtenchef der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Berliner Zeitung
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