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Tour de France: Was Führungskräfte vom Team Tudor Pro Cycling lernen können

Дата публикации: 03-07-2026 05:16:00

Das Schweizer Radteam Tudor Pro Cycling beschreitet in der Radwelt ganz neue Wege. Intensives Training ist natürlich Pflicht, aber die Kür sieht man hier beim Faktor Mensch. Drei Lektionen für Führungskräfte aus dem Inneren eines besonderen Hochleistungsteams.

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Ein Nachmittag im Januar, Trainingslager an der spanischen Mittelmeerküste. Vor einem Hotel schrauben Mechaniker in großen Trucks an Rädern, Coaches steigen aus, die Köpfe über Tablets gesenkt, Radschuhsohlen klackern über Pflastersteine. Radsport ist perfekt abgestimmte Logistik – jeder Handgriff darauf ausgerichtet, Fahrern und Staff größtmöglichen Fokus zu ermöglichen. Wir spüren schnell: Fahrer wie Staff sind gern hier. Die Stimmung ist konzentriert und hochprofessionell, zugleich ungezwungen und familiär.

Für Tudor Pro Cycling, 2022 vom zweifachen Olympiasieger Fabian Cancellara und dem Unternehmer Raphael Meyer gegründet, ist es die zweite Tour. Vergangenes Jahr ermöglichte eine Wildcard das Debüt – und das Team fuhr auf Anhieb vorn mit: Am ersten Tag sprintete Matteo Trentin auf Rang fünf, Tudor wurde bestes Team des Tages. Auf der 15. Etappe stand Julian Alaphilippe auf dem Podium, Michael Storer holte den Kampfgeist-Preis. Drei Wochen aggressiv vorn dabei, mehrfach nah am Etappensieg – am Ende sicherte sich das Team die Tour-Einladung für 2026. Neben den Gründern prägen heute Fahrer wie Alaphilippe, Marc Hirschi, Trentin und Storer das Bild, dazu ein hochprofessioneller Staff um Head Coach Sebastian Deckert und Head of Innovation Kurt Bergin-Taylor.

Wer auf diesem Niveau mitfährt, muss bei Technik und Training Weltklasse sein. Doch das Schweizer Team setzt auf einen weiteren Vorsprung: den Faktor Mensch. „Training ist der eine Hebel, den wir verstellen können“, sagt Bergin-Taylor. „Aber wir können nicht verstellen, ob jemand gut geschlafen hat, ob die Familie in Ordnung ist, ob er glücklich oder depressiv ist. Menschen sind hochkomplexe Systeme, keine Inputs und Outputs.“

Der Leitgedanke, den wir im Camp immer wieder beobachten: Menschen stellt man nicht per Gangschaltung auf Maximum. Aber man kann ihnen helfen, ihr Optimum zu finden. Drei Facetten zeigen, wie dieses Optimum im Tudor-Team entsteht.

Den Menschen sehen – über seine Funktion hinaus

Die positive Stimmung, die wir wahrnehmen, ist kein Zufall, erklärt Klassikerspezialist Marco Haller. Mit Mitte 30 ist er in einem Alter, in dem Profis oft abgeschrieben werden. „Vor einem Jahr dachte ich, bald ist Schluss. Jetzt ist wieder Energie da, ich spüre: Da geht noch mehr.“ Für den Wechsel zu Tudor nahm er zunächst weniger Gehalt in Kauf – dafür kamen Freude und Leistung zurück. „Wenn ich mich wohlfühle, kommt die Leistung auch.“

Als seine Tochter zur Welt kam, reagierte das Management sofort: „Gratulation, Marco – von wann bis wann bist du zu Hause? Mach das unbedingt.“ Im Radsportgeschäft nicht selbstverständlich. Früher, so Haller, habe oft nur gezählt, wie viele Rennen man fährt und was im Vertrag steht.

Von diesem Ansatz grenzt man sich bei Tudor bewusst ab. Am Abend, in der Teambesprechung, schließt Cancellara mit einer Bitte: „Dankt auch euren Familien. Sie verzichten viele Tage im Jahr auf euch. Sie machen möglich, dass wir morgen wieder mit Stolz unser Trikot tragen.“ Wir spüren: Wer den Menschen hinter der Funktion sieht, bekommt am Ende mehr zurück – nicht nur Resultate, sondern Verbundenheit und Loyalität.

Stärken nutzen – ohne sie überzustrapazieren

Am nächsten Tag begleiten wir Head Coach Deckert über Stunden beim Training im Auto. Er achtet akribisch auf Dinge, die in keiner Datenanalyse stehen: Wer sich in Pausen zurückzieht und wer Witze macht, wer unsicher ist und andere um Rat fragt. Solche Beobachtungen helfen, Stärken gezielt zu fördern – und für ein Rennen die richtigen Charaktere zusammenzustellen. Michael Storer, heute Kletter-Leader, ist so ein Beispiel: Bei seinem früheren Team nie richtig angekommen, bekommt er hier Raum, sich mitzuteilen. Die Coaches hören ihm zu.

Wer eng dran ist, erkennt aber auch, wann eine Stärke in eine Schwäche kippt. In der Forschung spricht man dabei von einem „overuse of strengths“. Julian Alaphilippe, zweifacher Weltmeister und Team Leader, ist das „Social Animal“ des Teams: Er heitert die anderen auf, kümmert sich – eine klare Stärke. Doch manchmal müsse man ihn vor genau ihr schützen, sagt Deckert. Etwa, wenn er trotz empfindlichem Magen lange überspielt, dass ihm die neue Ernährung zu schaffen macht. Oder wenn er immer neue Anfragen von Journalisten und Fans annimmt, um niemanden zu enttäuschen – bis es zu viel wird. Nähe stellt sicher, dass Menschen in ihrem Optimum bleiben, statt am Maximum auszubrennen.

Raum schaffen – durch unternehmerische Geduld

Damit Menschen ihr Optimum überhaupt finden, braucht es Raum. Und den schafft erst eine Haltung, die langfristig denkt. „Wir sind die Firma, die ein Radteam macht – nicht ein Radteam, das sich zufällig wie eine Firma verhält“, sagt CEO Meyer. Performance auf höchstem Niveau ist der Anspruch, die Erwartung der Sponsoren klar. Doch der Weg dorthin zählt genauso. Alle seien sich sicher: „Wenn wir die richtigen Dinge tun, kommt der Erfolg von allein.“

Diese Haltung verlangt Disziplin gegen die eigene Ungeduld. Höhentraining, eigene Sportpsychologen, der nächste Karriereschritt junger Fahrer – vieles ist geplant, aber Schritt für Schritt. So entsteht Fokus statt Dauerhektik: Wer nicht permanent am Limit fährt, hat den Kopf frei für sein Optimum. Statt auszubrennen, entwickelt sich jeder im Team weiter.

Auch in der Zielsetzung zeigt sich das. Endresultate seien schwer planbar, sagt Deckert, Leistung und Einsatz jedoch schon. Deshalb gibt es im Team offene Diskussionen darüber, ob es heißt: „Wir holen einen Etappensieg“ oder „Wir tun alles dafür, eine Etappe zu gewinnen.“ Dass die Balance zwischen Ambition und Leistungsdruck unabhängig von Hierarchien immer neu ausgehandelt wird und auch unbequeme Themen auf den Tisch kommen – auch das zeichnet ein High-Performance-Team aus.

Wichtige Fragen für Manager

Tudor geht durch den Fokus auf den Faktor Mensch im Radsport neue Wege. Im Kern steht eine Frage, die für Führung in jedem Unternehmen entscheidend ist: Was sehen wir als die Schlüsselelemente von Hochleistung?

Gerade wenn Technologie heute allen nie da gewesene Chancen eröffnet, gewinnt langfristig nicht, wer die besten Tools hat. Sondern wer den Mut hat, Menschen zu sehen und sie entlang ihrer Stärken und Bedürfnisse zu entwickeln – auch wenn das ein Vielfaches an Geduld, Demut und Fleißarbeit verlangt.

Wenn am 4. Juli in Barcelona das Peloton losrollt, wird Tudor Pro Cycling an Etappenergebnissen gemessen. Doch unabhängig vom Resultat wirft das Team für Manager wichtige Fragen auf.

1. Sehen wir Menschen als Ressource, die Vorgaben abliefert? Oder als Persönlichkeiten, die Topleistung vor allem in ihrem Optimum bringen?

2. Richten wir Führung an Werten aus, die auch dann gelten, wenn es unbequem wird? Oder denken wir primär in KPIs und Checklisten?

3. Geben wir Menschen den Raum und die Zeit, sich zu entwickeln? Oder maximieren wir kurzfristig – und setzen aufs Spiel, was wir eigentlich aufbauen wollten?

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