Suchmaschinen waren über drei Jahrzehnte hinweg das Tor zum Internet. Sie führten uns in die entlegensten Ecken des Netzes. Doch durch die KI-Suche bleiben wir auf Googles Antwortseiten hängen, prangert unsere Kolumnistin an.
Wir schreiben das Jahr 1996: Ich notiere mir auf einem Block URLs aus Zeitschriften, um sie später Zeichen für Zeichen in den Browser einzutippen. Ich bin zu dem Zeitpunkt zehn Jahre alt und das Open Web liegt mir zu Füßen. Also fast. Denn noch ist es wahnsinnig schwierig, neue Websites zu finden.
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Julia Kloiber arbeitet als Mitgründerin der feministischen Organisation Superrr Lab an gerechten und inklusiven digitalen Zukünften. Für die gedruckte Ausgabe von Technology Review schreibt sie regelmäßig eine Kolumne. (Foto: Oliver Ajkovic)
Dann: Yahoo! Die Suchmaschine tritt in mein Leben und befreit mich ein für alle Mal von handgeschriebenen URL-Zetteln. Eine schlichte Liste mit zehn Treffern. Ganz simpel, ohne Werbung und sonstigen Schnickschnack. „Im Internet surfen“ wird nach und nach von „googeln“ abgelöst. Suchmaschinen werden das Tor ins World Wide Web. Sie führen mich zu Portalen, durch die ich immer wieder neue, abgelegene, skurrile, informative und heimelige Orte des Internets entdecke. Ich lande auf Blogs, in Foren, auf selbst programmierten Websites und krieche unzählige Rabbit Holes hinab.
Mit den Jahren wird die schlichte Liste mit zehn Treffern allerdings um allerlei Nerviges angereichert: Werbung, bezahlte Platzierungen und SEO-optimierte Inhalte. Rückblickend wirkt all das noch erstaunlich harmlos. Denn Google wird demnächst dank Künstlicher Intelligenz von einer Suchmaschine zu einer Antwortmaschine.
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Wir surfen dann nicht mehr mit dem Surfbrett auf den weiten Ozean hinaus, sondern sitzen – wie bei der Biennale-Performance von Florentina Holzinger – auf einem Jetski in einem gefluteten Raum und drehen Runde um Runde im Kreis.
Kein Entkommen aus der Google-Suche?Denn geht es nach Google, sollen wir die KI-generierten Suchzusammenfassungen künftig gar nicht mehr verlassen. Sie sollen alle Antworten und alles Wissen liefern, von dem Google meint, dass wir es brauchen. Aus dem Tor wird eine weitere Kammer. Dabei hänge ich doch schon in diversen Social-Media-Echokammern fest und verirre mich nur noch selten ins „richtige Internet“.
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Ein KI-freier Suchmaschinenkonkurrent bringt es so auf den Punkt: Ein Browser, der für dich surft, ist wie ein Roboter, den du mit Freunden zum Abendessen schickst und der dir anschließend eine Zusammenfassung des Abends liefert.
Hinzu kommt, dass die KI gar nicht so selten ziemlich danebenliegt. Eine Analyse der New York Times zeigte, dass rund zehn Prozent der KI-generierten Antworten von Google fehlerhaft waren. Bei mehr als 14 Milliarden Suchanfragen pro Tag bedeutet das Millionen falscher Antworten pro Stunde. Das wird insbesondere dann zum Problem, wenn Menschen, wie Studien zeigen, nur noch halb so häufig auf Links klicken, wenn eine KI-Zusammenfassung angezeigt wird.
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Innerlich höre ich Cory Doctorow „Enshittification“ raunen. So läuft es oft mit digitalen Plattformen. Zuerst dienen sie den Nutzer:innen, dann den Werbekunden und schließlich vor allem sich selbst. Wäre ich Pessimistin, würde ich dem Open Web noch fünf Jahre geben.
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Was also tun? Dass ich nicht die Einzige bin, die keine Lust auf KI hat, zeigen die Downloadzahlen von DuckDuckGo. Sie stiegen nach Googles KI-Ankündigung zeitweise um bis zu 30 Prozent. In Großbritannien hat die Wettbewerbsbehörde Google inzwischen dazu verpflichtet, Medienhäusern die Möglichkeit einzuräumen, die Nutzung ihrer Inhalte für KI-generierte Suchzusammenfassungen abzulehnen. Noch liegt der Marktanteil von Google Search bei rund 90 Prozent. Doch dass solche Dominanz nicht für immer gilt, hat uns der technisch abgehängte Internet Explorer eindrucksvoll gezeigt.
Ich jedenfalls möchte nicht, dass „googeln“ durch „die KI fragen“ ersetzt wird. Ich bin im Internet nicht ständig auf der Suche nach Antworten auf Fragen, sondern um Neues zu entdecken und mich inspirieren zu lassen. Mein Tor zu den spannenden, informativen und abgelegenen Ecken des Internets sind Newsletter geworden. Handkuratiert von Menschen. Ohne Login, Datenabsaugen und KI-Optimierung landen sie ganz oldschool in meinem Posteingang. Irgendwie bin ich damit wieder bei den Linklisten angekommen. Nur dass ich sie heute nicht mehr aus Zeitschriften abschreibe.
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