Am Berliner Ensemble inszeniert Hausherr Oliver Reese den Episoden-Roman "Glücklich die Glücklichen" von Yasmina Reza. Die Klischees blühen – und das Ensemble glänzt in Monologen.
Theater "Glücklich die Glücklichen" am BE Reigen der unglücklichen Mittelschicht
Amelie Wilberg tritt in einer pinken Sprechstundenhilfen-Uniform auf die leere Bühne des Berliner Ensemble und kann es kaum abwarten, ihrer Großtante im Altenheim (respektive: uns, dem Publikum) von einem Mann zu erzählen. Ein Mann, der seine Mutter immer zu jenem Krebsarzt begleitet, bei dem sie arbeitet. "Er ist alt. Könnte sogar sein, dass er vierzig ist", sagt sie aufgeregt. "Aber ich mag Ältere gern."
Diese Figur, Virginie, ist 25 Jahre alt und zum ersten Mal verliebt. Wie sie sich darüber freut, mit ihm stumm im Aufzug zu fahren – und gleichzeitig über seine schwerkranke Mutter, die diese "Treffen" ermöglicht, das ist abgründig komisch. "Ich gefalle ihm, das ist doch klar, oder?"
Ein paar Monologe später erzählt uns Gerrit Jansen als Robert, wie es dazu kam, dass er sich mit seiner Frau Odile im Supermarkt an der Käsetheke prügelte. "Wenn ich zweimal im passenden Tonfall 'Entschuldige bitte' sagen würde, könnten wir mehr oder weniger normal in den restlichen Tag starten, nur hab‘ ich überhaupt keine Lust, diese Worte auszusprechen, es ist mir physiologisch unmöglich." Zum Fremdschämen ist diese ganze Szene – und dann wieder zum Schreien komisch.
Cordelia Wege in "Glücklich die Glücklichen" am Berliner Ensemble von Yasmina Reza (Quelle: Gianmarco Bresadola)
Und noch ein paar Auftritte später steht Cordelia Wege als Chantal vor uns auf der Bühne des Berliner Ensemble, die uns selbstbewusst erzählt, wie sehr Paare sie anwidern und wie selbstverständlich sie sich die Männer nimmt: "Ich versuche mein Glück bei dem, der mir gefällt. Ich hab keine Angst, auf die Schnauze zu fallen." Allerdings befindet sie sich gerade in der Psychiatrie – wegen des Herzensbrechers Jacques hat sie sich versucht umzubringen.
All diese Figuren und noch viele mehr, die dem Publikum an diesem Abend in Monologen vorgestellt werden, stammen aus Yasmina Rezas Episoden-Roman "Glücklich die Glücklichen" aus dem Jahr 2014. Der Regisseur Oliver Reese, Intendant am Berliner Ensemble, ist der Erste, der den Roman nun für eine deutsche Bühne adaptiert hat. Das passt gut zur Ausrichtung des Hauses. Reza liefert klugen, unterhaltsamen, bitterbösen Boulevard für die Mittelschicht, ihre Stücke sind immer ein Kassenschlager, wenn sie mit den Stars im Ensemble besetzt werden. Zwei Reza-Stücke hat das Berliner Ensemble schon im Programm, "Kunst" und "Dreimal Leben".
In "Glücklich die Glücklichen" trägt jedes Kapitel den Namen einer Figur, die dann jeweils in Ich-Form tragikomische Episoden aus ihrem Alltagsleben erzählt. Bis in diesem Reigen die nächste Figur drankommt. Alle sind sie locker miteinander verbunden, sind verheiratet, betrügen sich miteinander oder sind der Arzt der nächsten Figur. So entsteht ein Panorama der gehobenen Pariser Mittelschicht: Ärzte, Künstler, Journalisten, Anwältinnen. Und, wie der Titel verrät: Alles dreht sich um jenes Glück, um Liebe, um Träume, die im Alltag der Menschen zerrieben werden. Wie immer entlarvt Yasmina Reza dabei jene glänzende Lebensoberfläche, die ziemlich triviale Existenzen beherbergt – mit ihren kleinen, traurigen Gefühlen ringend.
Der Bühnenbildner Hansjörg Hartung verlegt den Roman in ein piefiges Behörden-Wartezimmer der 1950er Jahre. Als warteten die Menschen in der Tristesse ihres Daseins darauf, dass ihr Leben endlich beginnen möge. Grüner Filzteppich, Holzvertäfelung bis unter die Decke. Hinter der Holzwand kommt ein Schauspieler, eine Schauspielerin nach der anderen hervor und spricht den entsprechenden Monolog ins Publikum. Hinter den anderen Wandtafeln können derweil verschiedene Requisiten freigelegt werden: ein Spielautomat für den Spieler, den ein Fehler seiner Frau beim Bridge-Turnier in den Nervenzusammenbruch treibt; die Vodka-Theke für die Star-Schauspielerin, die aus unerfindlichen Gründen einem Macho nachläuft. Das funktionale Ambiente, die Holzwand, die Requisiten aus den Schränken – all das kennt man aus anderen Reese-Inszenierungen.
Allerdings fällt dem Regisseur wenig anderes ein, als alle Figuren nacheinander auftreten zu lassen – spätestens nach dem siebten, achten Auftritt wird das monoton und beinahe redundant. Die französischen Chansons, die Amelie Wilberg zwischendurch anstimmt, sollen den Abend wohl flotter machen, wirken aber nur kunstgewerblich.
Umso länger der Abend andauert, umso mehr Klischee-Figuren treten auf. Es ist das ewige Problem in der Figurenwelt Yasmina Rezas: Die Frauen gehen shoppen, die Männer sammeln Affären – und wenn jemand ausnahmsweise einmal nicht heterosexuell ist, wurde er als Kind missbraucht und steht nun auf Sado-Maso.
Zudem liegt die Kunst Rezas darin, die emotionalen Abgründe in funkelnden Dialogen abzubilden. Hier erklären sich die Figuren jedoch in Monologen selbst. Das hat noch immer Esprit und Sprachwitz. Trotzdem wirkt der Rückgriff auf diesen alten Episoden-Roman wie eine Verlegenheitslösung des Regisseurs, aus Mangel eines neuen, pointierten Reza-Theaterstücks.
Natürlich lebt die Inszenierung von ihrem grandiosen Ensemble, allen voran Cordelia Wege. Und man kann sich mit der Verzweiflung der Menschen zwischen ihrer Vorstellung von Glück und ihrem Beziehungsalltag durchaus selbst befragen. Inszenatorisch bleibt es ein gefälliger, biederer Abend, bei dem die Schauspieler:innen mit Einzel-Kunststückchen das Haus füllen.
Sendung: rbb24 Inforadio, 12.09.2026, 9:55 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 12.09.2026, Barbara Behrendt
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