Ja, es gibt sie tatsächlich noch: Die Jugendzeitschrift Bravo wird 70 Jahre alt. Zeit für einen Rückblick und die Frage: Was ist heute noch von ihr übrig?
Bravo wird 70 Starschnitte, Schwarzmarkt und Skandale
Von Maggi Geppert
Wasserstoffblonde Locken, blitzend weiße Zähne, schief gelegter Kopf: Marilyn Monroe strahlt auf dem Cover der ersten Bravo vom 26. August 1956. Damals trägt sie noch den Untertitel: "Die Zeitschrift für Film und Fernsehen". Das ist heute anders – und überhaupt hat sich seit den 1950er Jahren einiges verändert.
Wie ein Puzzle funktionierten die berühmten Starschnitte: Jede Ausgabe kam ein neuer Teil des Posters hinzu – bis man schließlich den liebsten Pop-Star in Lebensgröße an die Wand des Teenie-Zimmers hängen konnte. Bereits ab 1959 sorgten sie für Sammelfreude und vor allem Leserbindung. Auf Brigitte Bardot folgten noch viele weitere Stars zum Sammeln, etwa in den 1970er Jahren die Village People, die auf rekordverdächtige 25 Ausgaben verteilt waren.
Auch die Foto-Love-Storys regten zum Kauf weiterer Hefte an, endeten sie doch oft mit einem Cliffhanger, der erst in der nächsten Ausgabe aufgelöst wurde. Und noch eine Kategorie dürfte sich ab 1995 ins Gedächtnis der Leserinnen und Leser gebrannt haben: Beim "Love & Sex Report" (später: "Bodycheck" und "That's me!") fotografierten Jugendliche sich nackt per Selbstauslöser und beantworteten Fragen zu ihrem Sexleben.
Somit erfand sich die Bravo immer wieder neu, eckte an und erreichte zeitweise schätzungsweise mehrere Millionen Jugendliche pro Woche.
Jugendliche lesen in der Zeitschrift Bravo (Quelle: imago images/Becker&Bredel)
Mit der Studentenbewegung in den 60ern rückte auch das Thema Aufklärung auf die Agenda der Bravo-Redaktion. Ab 1969 beantwortete Martin Goldstein, Arzt und Psychotherapeut, als Dr. Jochen Sommer die brennenden Fragen der Jugendlichen rund um Pubertät und Sexualität: Was tun, wenn meine Mutter in meinem Tagebuch schnüffelt? Kann ich meine Hoden vergrößern? Kann man mit zwei Kondomen besser verhüten? Sind Knutschflecken krebserregend?
Dr. Sommer kannte schon früh keine Tabus. Wegen Tipps zur Selbstbefriedigung stufte die Bundesprüfstelle 1972 zwei Artikel als jugendgefährdend ein und setzte sie auf den Index.
Tausende Briefe von jungen Leserinnen und Lesern trudelten zeitweise in der Redaktion ein. Aus Dr. Sommer wurde bald ein ganzes Team. "Wir waren immer ein Fachteam", sagt Jutta Stiehler in der ARD-Dokumentation "Bravo – Headlines, Hypes und Herzschmerz". Die Sozialpädagogin folgte 1998 als Leiterin der Dr.-Sommer-Redaktion auf ihre Kollegin Margit Tetz. Auch Beratungen zu Missbrauchserfahrungen gehörten zu ihrem Job. Man habe Jugendliche stärken wollen, erzählt Stiehler weiter. Im Jahr 2014 fiel ihre Stelle als Dr.-Sommer-Chefin den Sparmaßnahmen des Bauer-Verlags zum Opfer.
Ihre Karriere hätte es wohl so ohne die Bravo nicht gegeben. Jasmin Wagner, besser bekannt als Pop-Sängerin Blümchen, erzählt in "Bravo – Headlines, Hypes und Herzschmerz" von damals: "Ohne die Bravo hätte keiner wahrgenommen, dass es mich gibt". Mit 15 Jahren bringt sie 1995 ihre erste Eurodance-Single "Herz an Herz" raus. Die Bravo ist fortan dicht an ihr dran, zeigt ihr Leben als junger Pop-Star und schreckt nicht vor intimen Fragen zurück.
An einer Stelle fragt der Redakteur die damals minderjährige Wagner: "Hast du dein erstes Mal mittlerweile hinter dich gebracht?". An anderer Stelle prangt die Schlagzeile: "Die kindliche Unschuld wandelt sich in eine sexy Dance-Sirene". Mittlerweile sieht Wagner den Umgang mit ihrem jüngeren Ich kritisch: "Die Bravo-Redakteure würden alle sofort gefeuert werden, wenn sie das heute schreiben würden".
Auch die britisch-niederländische Boyband Caught in the Act versuchte in den 1990ern in Deutschland groß rauszukommen. "Um einen Hit zu kriegen, brauchte man die Bravo", erinnert sich Sänger Eloy de Jong in der ARD-Doku. Das damalige Credo lautete: "Ihr müsst zu haben sein". Als Gerüchte um seine Homosexualität aufkommen, inszeniert die Bravo eine gefakte Liebesgeschichte mit einem weiblichen Fan. "In den 1990ern war Homosexualität fast gleichbedeutend mit AIDS", sagt de Jong. Sein späteres öffentliches Coming-Out empfand er als große Erleichterung.
Alex Gernandt, ehemaliger Bravo-Chefredakteur, schildert in der ARD-Doku auch seine Sicht: Pop sei eine Illusion – die habe man "im Sinne der Fans" aufrechterhalten wollen.
"Uns hat die Bravo nicht erreicht. Aufgeklärt wurden wir trotzdem", berichtet eine Gruppe Frauen am Ostberliner Bahnhof Lichtenberg. Sie erzählen, dass sie in der DDR mit der Jugendzeitschrift "neues leben" aufgewachsen sind, herausgegeben vom Zentralrat der FDJ. Die war zwar lange nicht so farbenfroh und schrill wie ihr West-Pendant, aber auch hier gab es eine Aufklärungs-Kolumne: "Professor Borrmann antwortet".
Ein gebürtiger Thüringer im Berliner Ortsteil Rummelsburg hat eine andere Erfahrung gemacht: "Wir haben die heimlich von der West-Verwandtschaft geschenkt bekommen, haben die Poster herausgenommen und an die Wand genagelt: Tote Hosen, Modern Talking und so weiter. Oder wir haben die schwarz verkauft - damit konnte man richtig Geld machen". Bis zu 60 DDR-Mark habe er als Teenager dafür manchmal bekommen. Auf den Schulhöfen galt die Bravo außerdem als beliebtes Tauschmittel gegen West-Kassetten oder Kleidung.
Der Schulhofschmuggel geriet auch ins Visier der DDR-Obrigkeit. Wer mit der Bravo erwischt wurde, musste mit Strafen von der Schulleitung rechnen – war sie doch Ausdruck der verrufenen "westlich-dekadenten Lebensweise".
Vom Auflagen-Hoch nach der Wiedervereinigung ist wenig übriggeblieben. Im Jahr 1991 wurden wöchentlich 1,58 Millionen Exemplare verkauft – heute sind es lediglich knapp 45.000 pro Monat. Die Bravo erscheint in ihrer gedruckten Form mittlerweile nur noch monatlich und versucht junge Menschen nun auch auf Instagram, TikTok und Co. zu erreichen.
Auf dem Cover der Jubiläumsausgabe im August 2026 sind Stars wie Ayliva, Zsá Zsá oder Hollywood-Paar Tom Holland und Zendaya abgedruckt, bei Dr. Sommer kann man "richtig küssen lernen" und im Faktencheck kann man herausfinden, ob man zur Bundeswehr muss.
Kurz nachgefragt bei einer Gruppe Teenager am Berliner Hauptbahnhof: Klar, die Stars auf dem Cover kenne man. Aber eine Bravo gekauft hätten sie noch nie. Eine junge Frau aus der Gruppe gibt aber zu: "Ein Eyecatcher ist sie schon".
Im Social-Media-Zeitalter ist von der Bravo heute vielleicht nicht viel mehr übrig als ihr Ruf. Sie steht wie kein zweites Teenie-Blatt in Deutschland für eine Zeit, in der Pop-Stars noch auf Zeitschriften-Covern gemacht wurden.
Sendung: rbb 88.8, 26.08.2026, 06:00 Uhr
Audio: rbb 88.8, 26.08.2026, Lydia Mikiforow und Tim Koschwitz im Gespräch mit Alex Gernandt
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