Google zahlt zehn Millionen Dollar für interne E-Mails und Chats einer insolventen US-Fluggesellschaft. Doch wie anonym sind diese Daten wirklich?
Google zahlt zehn Millionen Dollar für interne E-Mails und Chats einer insolventen US-Fluggesellschaft. Doch wie anonym sind diese Daten wirklich?
Zehn Millionen Dollar für eine Fluggesellschaft, die gar nicht mehr fliegt. Google hat die Insolvenzauktion um die internen Daten der zusammengebrochenen US-Billig-Airline Spirit gewonnen. Belegt sind rund 100 Millionen E-Mails, 500 Millionen Teams-Chats und der Preis von zehn Millionen Dollar. Der Verkauf muss allerdings noch vom Insolvenzgericht in New York genehmigt werden.
Hermann Sauer ist IT-Sicherheitsexperte engagiert sich seit über 20 Jahren für Datenschutz und Online-Anonymität. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Der Deal illustriert den wachsenden Wettbewerb um hochwertige, nicht öffentliche Trainingsdaten. Google kündigt an, die Daten vor der Übergabe durch einen Dritten von personenbezogenen Identifikatoren bereinigen zu lassen. Ob das eine Anonymisierung nach europäischem Maßstab ergibt, ist offen.
Wer je mit Spirit geflogen ist, kann zunächst aufatmen. Nach der Berichterstattung sind die großen Kunden- und Loyalty-Datenbestände offenbar ausgenommen, darunter rund 97,5 Millionen Passagierprofile. Auch Kreditkartennummern gehören nicht zum Paket.
Ganz sauber ist die Formel „keine Kundendaten“ trotzdem nicht. Fachmedien berichten unter Berufung auf die Gerichtsakte, dass auch Kundenkommunikation Teil des Pakets sei, etwa Service-Anrufe, Chat-Protokolle und Support-Tickets. Diese Detailangaben lassen sich derzeit nur über die Gerichtsanlage sicher prüfen. Gut belegt ist dagegen, dass mehr als 175.000 Mitarbeiterdatensätze enthalten sind. Der Datenschutz verschwindet nicht, er verlagert sich.
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Nach den bislang berichteten Bedingungen sollen personenbezogene Identifikatoren entfernt werden, die Verknüpfungen zwischen den Datensätzen aber erhalten bleiben. Datenschutzrechtlich ist das ein wichtiger Unterschied. Werden nur Identifikatoren ersetzt, die Bezüge zwischen Mail, Ticket und Personaldatensatz aber bewahrt, spricht man eher von Pseudonymisierung als von Anonymisierung. Der Europäische Datenschutzausschuss trennt beides ausdrücklich.
Für einen Anruf-Mitschnitt oder einen Servicechat ist das entscheidend. Solange dieselben entpersonalisierten Vorgänge weiter an derselben Mail, demselben Anruf und demselben Ticket hängen, können charakteristische Fall- und Verhaltensmuster erhalten bleiben. Und solche Muster sind der Ansatzpunkt für eine Wiedererkennung.
Die Studien zeigen, dass das Entfernen direkter Identifikatoren allein je nach Datensatz keine belastbare Anonymisierung gewährleistet. Die Harvard-Forscherin Latanya Sweeney wies im Jahr 2000 nach, dass sich rund 87 Prozent der US-Bevölkerung allein über Postleitzahl, Geburtsdatum und Geschlecht eindeutig bestimmen lassen.
Auch bei Verhaltensdaten wie Anrufen, Chats und Transaktionen zeigen Studien erhebliche Re-Identifizierungsrisiken. Forscher deanonymisierten eine als anonym veröffentlichte Netflix-Datenbank mit wenig Zusatzwissen. In einer Mobilfunkstudie genügten vier Orts-Zeit-Punkte für 95 Prozent der Menschen. Bei Kreditkartendaten reichten vier Zahlungen für 90 Prozent.
Der Grund ist stets derselbe. Der Wert einer Person steckt weniger im Namen als im Muster ihres Verhaltens, und dieses Muster überlebt das Schwärzen der Namen. Bleiben die Verknüpfungen erhalten, erleichtert das eine Re-Identifizierung.
Es gibt Verfahren, die weiterhelfen können. Differential Privacy etwa ermöglicht statistische Auswertungen mit formalisierbaren Datenschutzgarantien. Ob es für diesen Datensatz eingesetzt wird, ist nicht bekannt.
Wie unterschiedlich die Branche mit dem Thema umgeht, zeigt ein zweiter Fall. Auch gedruckte Bücher sind zum begehrten KI-Futter geworden, weil Bücher aus der Zeit vor dem breiten Einsatz heutiger generativer KI oft als überwiegend menschlich verfasst gelten. Anthropic kaufte Bücher in großem Umfang, schnitt sie aus den Bindungen und entsorgte die Originale.
Hier gibt es keinen Reinigungsschritt. Der ganze Wert liegt darin, den menschlichen Text unverändert aufzunehmen, obwohl Sachbücher und Biografien massenhaft Angaben über reale Personen enthalten. Ein US-Gericht traf im Juni 2025 eine gemischte Entscheidung. Es billigte die Nutzung rechtmäßig erworbener und gescannter Printbücher, ließ die Fragen zu piratisiert beschafften Werken aber offen. Beurteilt wurde Urheberrecht, nicht Datenschutz.
Ein in den USA als zulässig eingestufter Datenkauf klärt die europäische Datenschutzfrage nicht automatisch. Die DSGVO greift nicht schon wegen deutscher Leserschaft, sondern etwa bei Verarbeitung durch eine EU-Niederlassung oder beim Angebot an und der Verhaltensbeobachtung von Personen in der EU. Ob sie im Spirit-Fall Anwendung findet, ist eine Frage des Einzelfalls.
Der Wettbewerb um die besten KI-Modelle ist längst ein Wettbewerb um Daten. Zwei Fälle, zwei Firmen, zwei Datensätze, aber dieselbe Grundfrage. Bei Spirit soll bereinigt werden, bei den Büchern gar nicht. Wer wissen will, wie es um den Schutz persönlicher Daten im KI-Zeitalter steht, sollte weniger auf die Zusagen schauen als darauf, ob sie sich halten.
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