Studie unter Leitung des Exzellenzclusters ROOTS revidiert mit neusten Methoden bisherige Vorstellungen von einer 6800 Jahre alten Siedlung de in der heutigen Vojvodina.
Studie unter Leitung des Exzellenzclusters ROOTS revidiert mit neusten Methoden bisherige Vorstellungen von einer 6800 Jahre alten Siedlung de in der heutigen Vojvodina.
Südosteuropa und der Balkan sind für das Verständnis der europäischen Jungsteinzeit eine zentrale Region. Viele neue Lebens- und Wirtschaftsformen, die bis heute unser Leben prägen, traten dort erstmals in Europa auf und verbreiteten sich später weiter über den gesamten Kontinent. Die nach dem Fundplatz Vinča im heutigen Serbien benannte archäologische Kultur markiert einen späten Abschnitt der Jungsteinzeit in der Region. Vor mehr als 6500 Jahren lebten Menschen dort erstmals über längere Zeiträume in große Siedlungen. Sie unterhielten weitreichende Austauschnetzwerke. Keramik- und Steinbearbeitung zeigen ein umfangreiches Materialwissen sowie ein weites Spektrum an Zierstilen.
In der Fachzeitschrift Archaeologica Austria veröffentlichen Forschende der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), des Nationalmuseums Pančevo (Serbien), des Museums der Vojvodina (Serbien) sowie der Universität von Berkeley (USA) jetzt neueste Daten zum Vinča-Fundplatz Opovo Ugar-Bajbuk. „Mit diesen Daten können wir frühere Annahmen zur Sozialstruktur des Siedlungsplatzes und zu seiner Einbindung in die Region neu bewerten und so das Bild der späten Jungsteinzeit insgesamt schärfen“, sagt Dr. Fynn Wilkes, Postdoc im Exzellenzcluster ROOTS an der CAU und Erstautor der Studie.
Bereits in den 1980er Jahren waren Teile der Siedlung archäologisch untersucht worden. „Opovo ist einer der größten bekannten Siedlungsplätze vom Ende der Jungsteinzeit im südlichen Banat. Deshalb ist er auch für das Verständnis von überregionalen Netzwerken in der Zeit hochinteressant“, erläutert Fynn Wilkes.
Auf Grundlage der Grabungen vor vierzig Jahren ging die Forschung von etwa fünf Hektar Siedlungsfläche und einer Bevölkerung von rund 200 Menschen aus. Opovo erschien als kleines landwirtschaftliches Dorf oder als mäßig aktives Zentrum der regionalen Handelsnetzwerke in der späten Jungsteinzeit.
Von 2022 bis 2024 führte das deutsch-serbische Team neue Untersuchungen in Opovo durch. Dabei sammelten die Forschenden systematisch Oberflächenfunde und nutzten geophysikalische Methoden, mit denen sie großflächig Strukturen im Untergrund erkennen konnten, ohne den Boden zu öffnen. Darauf aufbauen unternahm das Team geoarchäologische Bohrungen an ausgewählten Punkten. Erst ganz zum Schluss führte es eine gezielte Ausgrabung an einem Umfassungsgraben durch.
„Dank der neuen Daten gehen wir jetzt von einer Siedlungsfläche von mehr als neun Hektar aus. Wir haben bis zu 220 Hausstrukturen identifiziert und schätzen die Höchstbevölkerungszahl auf mehr als 700“, berichtet Fynn Wilkes.
Aktualisierte Radiokarbonanalysen datieren die Hauptphase der Siedlung nun auf etwa 4850 bis 4725 v. u. Z. Das bedeutet eine etwas längere kontinuierliche Besiedlung als die Daten aus den 1980ern vermuten ließen. Zusätzlich konnte das Team mit den neuen Daten zwei Siedlungsphasen und eine flächenmäßige Vergrößerung der Siedlung im Verlauf ihres Bestehens erkennen.
Die großflächigen geophysikalischen Untersuchungen erlauben zudem neue Einblicke in die Sozialstruktur der Siedlung. „Eine Analyse der verschiedenen Hausgrößen deutet auf eine relativ geringe Ungleichheit im materiellen Wohlstand hin. Es gab wohl wirtschaftliche Differenzierungen, diese führten aber nicht zu einer signifikanten sozialen Schichtung“, sagt Professor Martin Furholt, Sprecher des Exzellenzclusters ROOTS und Co-Autor der Studie.
Bis zu fünf Umfassungsgräben lassen außerdem auf eine gut organisierte Gemeinschaft schließen, die in der Lage war, groß angelegte Arbeitsanstrengungen zu koordinieren. Hinweise auf Zwang fehlen, so dass es sich eher um kooperative als hierarchisch angeordnete Maßnahmen handelte.
„Mit diesen neuen Daten und Interpretationen zum Fundplatz Opovo können kommende Studien und Feldforschungen zu einem tieferen Verständnis der sozialen Struktur, der Siedlungsentwicklung und der Rolle von Opovo in der Region beitragen. In der Zusammenschau mit anderen Fundplätzen wird das unser Bild von einer für das Verständnis der Jungsteinzeit entscheidenden Region präzisieren machen“, sagt Fynn Wilkes.
Der Archäologe ergänzt: „Abgesehen von den neuen Einblicken in die spätjungsteinzeitliche Siedlung Opovo zeigt die Studie ganz generell, wie dank präziser, minimalinvasiver Untersuchungsmethoden alte Grabungsergebnisse neu evaluiert und so deutliche erweiterte Erkenntnisse gewonnen werden können.“
Fynn Wilkes, Miroslav Birclin, Martin Furholt, Tijana Stanković Pešterac, Kata Furholt, Ildiko Medović, Aleksandar Medović, Henry Skorna, Marcel Rodens, Robert Hofmann, Ruth Tringham (2026). Opovo Revisited. Reconstructing Settlement Development and Social Structures in the Late Neolithic Site of Opovo Ugar-Bajbuk, Serbia. Archaeologia Austriaca, Band 110/2026, I–XXVI. https://austriaca.at/?arp=0x0041e8c2
Geomagnetische Untersuchungen im Frühjahr 2022 in Opovo.
Quelle: Melissa Villumsen
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, jedermann
Geschichte / Archäologie
überregional
Forschungsergebnisse
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