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TV-Serie Suits als Vorbild: Busfahrerin Jessica studiert Jura

Дата публикации: 18-09-2026 06:36:00

Tagsüber fährt sie Bus, in den Pausen lernt sie Jura: Eine 25-Jährige erfüllt sich trotz Umwegen ihren Traum vom Studium.

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Zwischen Haltestellen und Schichtdienst arbeitet Jessica Selke an ihrem großen Ziel: Die Osnabrücker Busfahrerin will Anwältin werden. Wir sind einige Stationen mitgefahren.

Jessica Selke fährt den zwölf Meter langen, rot-weißen Bus der Linie 20 auf den Parkplatz einer Schule im Norden von Osnabrück. 13 Minuten Pause hat die 25-Jährige hier, ein Jurabuch aufschlagen, das lohnt sich nicht. Aber in einer App Karteikarten lernen, das geht. 

TV-Serie als Vorbild

Selke holt ihr Handy aus der weißen Tasche rechts neben dem Fahrersitz. Sie trägt ein weißes Poloshirt mit der Aufschrift „Optimal-Reisen Forsmann“ zur schwarzen Hose, die schulterlangen Haare offen. Auf dem Handy hat sie Gabriel Macht als Hintergrundbild abgespeichert. Er ist der Hauptdarsteller im TV-Hit „Suits“ – einer Serie über Anwälte.

Hinter der Schutzfolie ist ihr Studentenausweis. Selke löst die Hülle und nimmt den Ausweis in die Hand. „Ich brauche den gar nicht, aber es ist die Erinnerung, dass ich jetzt den Studienplatz habe, den ich immer haben wollte“, sagt Selke und schließt die Hülle vorsichtig wieder.

Selkes ungewöhnlicher Weg an die Universität

Ab Oktober studiert die Busfahrerin Jura an der Fernuniversität Hagen. Damit schlägt Selke einen Weg ein, der im deutschen Bildungssystem die Ausnahme ist: Nur wenige Studenten gelangen über eine berufliche Qualifikation an Hochschule oder Universität.

13 Minuten Pause sind vorbei. Selke nimmt noch einen Schluck aus ihrer grünen Sprite-Dose. Sie blickt in den Rückspiegel und fährt los. Während Häuserreihen, Supermärkte und Geschäfte vorbeiziehen, erzählt sie von ihrem Weg zum Traumberuf. 

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Vom juristischen Umweg hinters Steuer

Nach dem Fachabitur begann Selke eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten. Später wollte sie Rechtspflegerin werden. Als sie erfuhr, dass ihr Abschluss dafür nicht ausreichte, brach sie die Ausbildung ab. Welche anderen Wege ihr offenstanden, wusste sie damals nicht. „Für mich fühlte sich das perspektivlos an. Das hat mich erst einmal aus der Bahn geworfen“, sagt sie.

Selke orientierte sich neu und ließ sich zur Fachkraft im Fahrbetrieb ausbilden. Sie machte den Busführerschein, lernte, Fahrpläne zu erstellen, und beschäftigte sich in der Werkstatt mit der Technik der Fahrzeuge. „Mir gefällt der Beruf sehr, weil ich hinter dem Steuer abschalten kann“, sagt die 25-Jährige aus Georgsmarienhütte. Zwei Jahre arbeitete sie als Busfahrerin, doch der Wunsch, Jura zu studieren, ließ sie nicht los. Selke wechselte in eine Anwaltskanzlei und fuhr nebenbei auf Minijob-Basis weiter Bus.

Selke hat sich ihren Berufswunsch tätowieren lassen

Ausgerechnet ihre Ausbildung zur Fachkraft im Fahrbetrieb eröffnete Selke schließlich den Weg zum Jurastudium. Denn wer kein Abitur hat, kann unter bestimmten Voraussetzungen über eine berufliche Qualifikation an die Universität gelangen. Dafür musste Selke nach ihrer abgeschlossenen Ausbildung zunächst mehrere Jahre Berufserfahrung sammeln.

„Als ich erfahren habe, dass ich über diesen Weg Jura studieren kann, habe ich angefangen zu lernen“, sagt Selke. Seitdem nutzt sie jede Pause im Fahrplan. Eine befreundete Juristin empfahl ihr Bücher. Wie tief ihr Wunsch ist, Anwältin zu werden, kann man sehen, wenn sie den Bus nach links einschlagen muss. Auf ihrem Unterarm trägt sie ein Tattoo der Justitia, der römischen Göttin der Gerechtigkeit.

Selke gehört mit ihrem Bildungsweg zwar zu einer kleinen Gruppe – innerhalb dieser aber ist ihre Biografie typisch: Sie ist die Erste in ihrer Familie, die studiert, und arbeitet weiterhin in ihrem erlernten Beruf. Das zeigt eine Erhebung des Centrums für Hochschulforschung.

Anwältin mit eigener Kanzlei: Das ist Selkes großer Traum

Selke möchte sich mit einer eigenen Kanzlei selbstständig machen, am liebsten als Anwältin für Wirtschaftsrecht. Auch andere Rechtsgebiete interessieren sie, sagt sie. Für das Wirtschaftsrecht sprächen jedoch nicht nur ihre Interessen, sondern auch die guten Verdienstmöglichkeiten.

So konkret ihr Traum ist, so pragmatisch plant sie den Weg dorthin. Sie hat ihre Stunden in ihrem Unternehmen reduziert, arbeitet inzwischen 20 Stunden als Werkstudentin. Außerdem hat sie einen Studienkredit aufgenommen, um ihr Leben zu finanzieren. 

In der Pause wird aus der Busfahrerin eine Studentin

Einen klassischen Uni-Alltag mit Vorlesungen und anderen Studenten am Campus wird es nicht geben, ihre Vorlesungen sind online, sie muss sich selbst organisieren. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das schaffen werde. Und falls nicht, habe ich das auf jeden Fall versucht“, sagt sie.

Ihre Leidenschaft für ihren zweiten Berufsweg teilt sie inzwischen auch in den sozialen Netzwerken. „Ich hatte erst die Befürchtung, dass die Menschen mich auslachen, aber ich bekomme so viel Unterstützung.“ Während sie davon erzählt, bremst sie an der nächsten Haltestelle. Die Türen öffnen sich, Fahrgäste steigen ein.

Wenig später wird Selke den Parkplatz erreichen, auf dem ihre nächste Pause beginnt. Eine halbe Stunde sieht der Fahrplan dann vor – genug Zeit, um das blaue Lehrbuch „Bürgerliches Gesetzbuch. Allgemeiner Teil“ aus der Tasche zu holen.

Von Marie Busse

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