Kai Nowak gab mit 29 seinen Beamtenstatus auf. Warum er die sichere Karriere gegen Selbstständigkeit tauschte – und es nie bereut hat.
Kai Nowak war Beamter auf Lebenszeit – doch die sichere Karriere machte ihn unglücklich. Er kündigte, studierte Sozialpädagogik und wurde Therapeut. Heute arbeitet er wieder angestellt.
FOCUS online: Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fürchten rund 16 Prozent der Bundesbürger wegen der schwachen Konjunktur und des industriellen Strukturwandels um ihren Arbeitsplatz. Das Institut, wie auch führende Ökonomen, betonen, dass Berufe nicht verschwinden, sondern sich die geforderten Tätigkeiten grundlegend verändern. Wir müssen wandelbar sein, hört man in letzter Zeit oft. Sie sind ein Paradebeispiel für Wandlungsfähigkeit im Job und dafür, alte Sicherheiten fallen zu lassen. Vor einiger Zeit haben Sie Ihren Beamtenstatus aufgegeben...
Kai Nowak: Und das habe ich keine Sekunde bereut, ich würde das jederzeit genauso wieder machen – auch wenn die Welt damals gefühlt sicherer war.
Gefühlt?
Nowak: Letztlich ist es wohl auch eine Typ-Frage, wie man im Spektrum zwischen „Sicherheit“ und „Freiheit“ Schwerpunkte setzt, wie man sich am Ende entscheidet. Das war damals sicher nicht anders als heute. Und es war schon sehr viel Sicherheit, auf die ich verzichtet habe.
Sie waren Beamter auf Lebenszeit, stimmt‘s?
Nowak: Richtig. Mir kommt allerdings eher „lebenslänglich“ in den Sinn, wenn ich daran denke.
Was genau war denn so schlimm?
Nowak: Ach, die Tätigkeit war für mich einfach wahnsinnig langweilig. Der Sinn hat gefehlt. Mir zumindest – anderen Menschen geht es da bestimmt anders. Der Job erschien unheimlich trocken. Ich hatte den ganzen Tag mit Zahlen zu tun. Schon früh, mit 23 Jahren, hat es mich in eine andere Richtung gezogen. Zuerst habe ich an den Wochenenden oder freitags nach der Arbeit in einem Pflegeheim gearbeitet. Hier habe ich ab 14:30 Uhr losgelegt, wenn ich in meinem Hauptjob Feierabend gemacht habe, die Dienste gingen dann oft bis 20 oder 21 Uhr. Klar, das zusätzliche Geld war ein angenehmer Nebeneffekt. Vor allem aber gab mir diese Tätigkeit Sinn.
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Warum hatten Sie eigentlich überhaupt eine Beamtenlaufbahn angestrebt?
Nowak: Ich war da wohl durchs Elternhaus geprägt. Meine Eltern sind beide sehr auf Sicherheit bedacht, mein Vater war ebenfalls Beamter. „Da ist der Junge gut aufgehoben“, hieß es, als ich mit der Ausbildung angefangen habe. Doch schon bald habe ich in der Ausbildung gemerkt, dass mir das alles wenig Freude macht. Es ging ganz viel um Paragraphen, das hat mich einfach nicht interessiert.
Trotzdem haben Sie nach der Ausbildung in genau diesem Bereich angefangen zu arbeiten?
Nowak: Ja. Als Haushaltssachbearbeiter. Verwaltungsbeamter im mittleren Dienst. Ich war für die Energiekostenabrechnungen der Stadt zuständig. Strom- und Gasrechnungen begleichen. Für die Straßenbeleuchtung etwa. Oder für Schulgebäude. Immerhin, ich war in einer Außenstelle.
Was heißt „immerhin“?
Nowak: Naja, in einem Rathaus hätte ich vermutlich noch weniger als die zehn Jahre durchgehalten. Ich war nicht von Bürokraten umgeben, sondern überwiegend von Technikern. Genau genommen war ich der einzige Verwaltungsmitarbeiter vor Ort. Dadurch war die Gesamtsituation vielleicht etwas weniger behördenmäßig.
Und dann kam die Lebenszeitverbeamtung …
Nowak: Richtig, im Alter von 27 Jahren. Zu dem Zeitpunkt wusste ich schon ziemlich sicher, dass ich nicht bleiben wollte. Erste Weichen waren bereits gestellt.
Nämlich?
Nowak: Mit Mitte 20 hatte ich über zwei bis drei Jahre gestreckt eine Ausbildung zum Rettungssanitäter gemacht. Berufsbegleitend. Mal im Urlaub, mal an den Wochenenden. Eine Zeitlang war ich dann wochenends im Rettungsdienst tätig. Wieder etwas, was Sinn gebracht hat. Allerdings lief das komplett ehrenamtlich. Bereits vor der Lebenszeitverbeamtung hatte ich angefangen, das Fachabi zu machen. Auch das wieder berufsbegleitend, Telekolleg. Ich wollte studieren.
Für mehr Möglichkeiten, für „Karriere“?
Nowak: Ich glaube, meine Eltern haben genau das gehofft. Sie hätten mich sicher gerne im gehobenen Verwaltungsdienst gesehen. Das war aber nicht mein Ziel. Es ging mir nicht um mehr Geld. Ich habe später nach dem Studium nicht unbedingt so viel mehr verdient als davor. Aber ich habe endlich gerne gearbeitet.
Überlegen Sie auch, Ihre Karriere zu verändern und Schritte zu gehen, mit denen niemand rechnet? Oder kennen Sie jemanden, der dies tun möchte? Dann schreiben Sie uns gerne an Mein-Bericht@focus.de.
Was haben Sie studiert?
Nowak: Sozialpädagogik. Das war damals recht begehrt, ich musste mich deutschlandweit bewerben. Für mein Vollzeit-Studium habe ich dann mit fast 30 Jahren alles aufgegeben: meinen Beamtenstatus – offiziell nannte man das „Entlassung aus dem Beamtenverhältnis“ - meine alte Heimat, meine finanzielle Sicherheit. Ich zog in eine andere Stadt, suchte mir dort eine kleine Wohnung.
Wie konnten Sie sich dieses Leben leisten?
Nowak: Ich habe neben dem Studium im Pflegeheim gearbeitet. Und ich hatte wahnsinnig Glück: Damals konnte man bis zum 30. Lebensjahr elternunabhängiges BaföG beantragen. Das hat gerade noch so gepasst – ich habe das BaföG bekommen.
Haben Sie nach dem Studium dann als Sozialpädagoge gearbeitet?
Nowak: Ja, in den unterschiedlichsten Bereichen. Mit psychisch Kranken, in der Altenhilfe, mit Menschen mit Messie-Thematik. Das Helfende, Unterstützende gab und gibt mir Erfüllung.
Und dennoch gab es nochmals einen beruflichen Umschwung?
Nowak: Eher eine Weiterentwicklung. Schon bald merkte ich, dass ich für die Beratung mehr brauchte, als ich im Studium gelernt hatte. Ich machte eine systemische Therapieausbildung und dann noch den Heilpraktiker für Psychotherapie und viele andere therapeutische Fortbildungen. Mit 44 Jahren habe ich Praxisräume angemietet und angefangen, therapeutisch zu arbeiten. Erst mal nebenbei, noch blieb ich zu 100 Prozent in der Festanstellung. Dann habe ich schrittweise in der Festanstellung immer mehr reduziert und vor vier Jahren, mit 48, bin ich dann schließlich ganz in die Selbstständigkeit gegangen.
Um was genau zu tun?
Nowak: Meine Schwerpunkte sind Paartherapie, Traumatherapie und Einzeltherapie. Es entspricht mir total, so zu arbeiten.
Sie sind angekommen, meinen Sie?
Nowak: Das kann ich wiederum nicht eindeutig bejahen. Dass die Wirtschaft schwächelt, geht leider auch an meiner Tätigkeit nicht folgenlos vorüber. Meine Klienten sind Selbstzahler und tendenziell Leute, die im mittleren Bereich verdienen. Denen das also nicht egal ist, wenn die Lebenshaltungskosten immer weiter steigen. Bei uns in der Gegend gibt es viele Autoindustrie-Zulieferer. Einige meiner Klienten mussten in Kurzarbeit gehen. Da gibt es seit einiger Zeit viel Unsicherheit.
Bei Ihren Klienten?
Nowak: Und damit eben auch bei mir. Ich merke durchaus, dass viele Klienten zurückhaltender mit der Terminbuchung sind. Im letzten Jahr um Weihnachten war es sehr stark spürbar. Wir sprachen ja eben von den Bedürfnissen „Freiheit“ und „Sicherheit“. Ich sage es mal so: Das war eine Zeit, wo mein Sicherheitsbedürfnis doch recht stark angesprochen wurde.
Haben Sie sich nach dem Beamtenverhältnis zurückgesehnt?
Nowak: Auf gar keinen Fall. Tatsächlich bin ich vor einigen Wochen aber wieder zu 40 Prozent in eine Festanstellung gegangen. Als Sozialpädagoge mit meiner Erfahrung ist es recht leicht, hier was zu finden. Ich arbeite hier jetzt in der Eingliederungshilfe, unter anderem wieder mit psychisch erkrankten Menschen. Im Vergleich zu meinen früheren sozialpädagogischen Tätigkeiten hat mein jetziger Job einen deutlich höheren Büroanteil.
Also ein Stück weit „back to the roots“ beziehungsweise back zur Bürokratie?
Nowak: Ich weiß nicht. Ich sehe die Festanstellung nicht als ein Zurück. Eher als guten Ausgleich.
Inwiefern das?
Nowak: In der Praxis bin ich voll in der Emotion und oft nah an belastenden Biografien. Das braucht Kraft. Ich merke, dass ich hier besser haushalten kann, seit ich den Ausgleich habe. Dass meine Klienten von der Job-Kombi profitieren. Und auch im Hinblick auf die Rente ist die Kombination sicher nicht das Schlechteste. Ich bin jetzt 51 und denke, das jetzige Modell hätte Potenzial für eine längere Laufzeit. Sage ich zumindest für den Moment.
Das betonen Sie?
Nowak: Wer weiß, das Leben ist Veränderung. Und ich bin bereit.
Sollten Menschen das Ihrer Meinung nach denn öfter sein: bereit?
Nowak: Ich finde, es ist lohnenswert, sich zu trauen. Es gibt häufig Varianten und Wege, seiner Erfüllung nachzugehen. Ich glaube, wir sind da manchmal zu eingeschränkt in unserem Blick.
Was meinen Sie?
Nowak: Bevor man sagt, es gibt keine Möglichkeit, sollte man ehrlich mit sich sein.
Und sich fragen, wo der eigene Schwerpunkt liegt? Ob bei der Freiheit? Oder bei der Sicherheit?
Nowak: Ich würde noch weiter gehen. Die für mich wichtigste Frage lautet: Welchen Preis bin ich bereit, zu zahlen? Mal angenommen, ich bin in einem Job, der mich fast in den Burnout bringt … und dann sage ich: Ich kann da nicht raus, weil ich woanders netto mindestens 400 Euro weniger hätte…
Dann?
Nowak: Naja, ich finde es schon legitim, das zu sagen. Aber man sollte sich dann auch eingestehen, dass das eine Entscheidung ist. Etwa so: Ich bin nicht bereit, für einen stressfreieren Job zu noch dazu vielleicht netteren Rahmenbedingungen auf 400 Euro zu verzichten. Mir ist schon bewusst, dass es Menschen gibt, die einen sehr engen finanziellen Rahmen haben und auch für Ihre Familie sorgen müssen …
.. das heißt?
Nowak: Hier war ich sicher privilegierter und auch freier in meinem Gestaltungsrahmen als andere. Ich bin jedoch froh, dass ich mir selbst die Preisfrage damals ganz bewusst gestellt habe. Ohne sie würde ich möglicherweise noch immer von morgens bis abends Energiekostenabrechnungen machen.