Teuer, langweilig und humorlos? Der britische „Telegraph“ räumt mit Deutschland-Klischees auf – nur beim Mythos der Effizienz nicht.

picture alliance/dpa | Felix Hörhager
Teuer, humorlos und gnadenlos effizient: Über Deutschland halten sich im Ausland einige ziemlich hartnäckige Klischees. Der britische „Telegraph“ (gehört wie BUSINESS INSIDER zu Axel Springer) hat sich angeschaut, was seine Landsleute über die Deutschen angeblich falsch verstehen – und zeichnet dabei ein überraschend schmeichelhaftes Bild.
Deutschland sei günstiger als Großbritannien, kulinarisch unterschätzt und längst nicht so langweilig, wie viele Briten offenbar glauben. Nur bei einem Mythos fällt die Bilanz weniger schmeichelhaft aus: der sprichwörtlichen deutschen Effizienz.
Der Autor William Cook berichtet nach eigenen Angaben seit den frühen 1990er-Jahren aus Deutschland. Anlässlich des Oktoberfests nimmt er sich eine Reihe verbreiteter Vorstellungen vor – von Lederhosen und schlechtem Essen bis hin zu unfreundlichen Deutschen und langweiligen Städten. Sein Tenor: Vieles davon sei überholt oder zumindest deutlich komplizierter.
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Besonders deutlich wird das beim Thema Preise. Deutschland habe früher als teures Reiseziel gegolten, heißt es. Inzwischen seien Unterkünfte, Restaurantbesuche und öffentliche Verkehrsmittel jedoch deutlich günstiger als in Großbritannien. Als durchschnittlichen Zimmerpreis nennt der Artikel 98 Euro pro Nacht – gegenüber 113 Euro in Frankreich, 130 Euro in Spanien und 169 Euro in Italien. Vor allem in ländlichen Regionen und im Osten Deutschlands könnten Reisende vergleichsweise günstig Urlaub machen.
Zur Einordnung: Laut Hotelverband Deutschland lag der durchschnittliche Netto-Zimmerpreis 2025 bei 109 Euro und gilt damit im europäischen Vergleich als moderat. Die konkreten „Telegraph“-Zahlen lassen sich mit aktuellen Vergleichsdaten allerdings nicht mehr bestätigen. Zudem hängt das Bild stark von der betrachteten Kategorie ab: Restaurants und Hotels zusammen waren nach Daten des Statistischen Bundesamts zuletzt etwa in Spanien und Italien günstiger als in Deutschland.
Auch beim Essen will der „Telegraph“ mit alten Vorurteilen aufräumen. Die klassische Bierkellerküche sei zwar tatsächlich deftig. Deutschland habe aber weit mehr zu bieten: Der Artikel verweist auf mehr als 300 Restaurants mit Michelin-Stern – offiziell sind es 339 – und eine wachsende Auswahl an vegetarischen, veganen und international geprägten Angeboten in den Großstädten.
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Überrascht zeigt sich der Autor auch davon, wie wenig viele Briten offenbar über Deutschlands Küsten wissen. Nord- und Ostsee beschreibt er als touristisch unterschätzt – mit Sandstränden, Badeorten und Inseln wie Sylt, Norderney und Rügen. Auch der Bodensee, Weinregionen wie Rheingau und Rheinhessen oder die Seen rund um Berlin nennt der „Telegraph“ als Ziele, die bei britischen Reisenden vergleichsweise wenig bekannt seien.
Besonders stark habe sich zudem das Bild ostdeutscher Städte verändert. Orte wie Dresden, Leipzig oder Weimar hätten sich seit der Wiedervereinigung kulturell und touristisch deutlich entwickelt. Auch ehemalige Industriestädte im Westen hätten durch den Umbau alter Fabriken und Bergwerke zu Kulturorten an Attraktivität gewonnen.
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Und die Deutschen selbst? Cook beschreibt sie als direkt und manchmal schroff, aber zugleich verlässlich. Auch das Klischee vom mangelnden Humor hält er für überzogen: Deutscher Humor sei häufig sehr trocken und für englischsprachige Besucher deshalb nicht immer leicht zu erkennen.
Ausgerechnet beim berühmten deutschen Effizienz-Image fällt sein Urteil skeptischer aus. Deutschlands Städte seien keineswegs immer perfekt organisiert, und die Deutsche Bahn tauge inzwischen kaum noch als Beleg für sprichwörtliche Zuverlässigkeit. Unter der vermeintlich nüchternen Oberfläche, so Cooks Bild, stecke ohnehin ein Land von Naturfreunden, Romantikern und Exzentrikern.
So entsteht im „Telegraph“ ein Deutschlandbild, das mit vielen britischen Klischees bricht: weniger teuer, weniger langweilig und weniger humorlos als gedacht – aber womöglich auch deutlich weniger effizient.
fp
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