Der Rekordtorschütze in Länderspielen fühlt sich von seinem Trainer Jorge Jesus gedemütigt. Dabei hatte es der nur gewagt, den Fussballer nicht einzuwechseln. Portugal erlebt einen dramatischen Tag.
Der Rekordtorschütze in Länderspielen fühlt sich von seinem Trainer Jorge Jesus gedemütigt. Dabei hatte es der nur gewagt, den Fussballer nicht einzuwechseln. Portugal erlebt einen dramatischen Tag.
Florian Haupt, Barcelona01.10.2026, 04.29 Uhr
4 Leseminuten

NZB via Reuters
Gegen halb acht Uhr am Mittwochabend hob in Madrid ein bis zu 900 Kilometer pro Stunde schneller Privatjet der Firma Bombardier ab. Das Ziel war Kopenhagen, wo sich ein Schisma von fussballbiblischem Ausmass zugespitzt hatte. In Dänemark an Bord ging der Eigentümer der Maschine: Cristiano Ronaldo.
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Endete mit dem Abflug die Nationalmannschaftskarriere des Fussballers mit den meisten Länderspielen (234) und Toren (146) der Geschichte? Es sieht danach aus.
Ronaldos Selbstvertrauen wurde zur HybrisRonaldo reiste aus eigenen Stücken und gegen letzte Vermittlungsversuche des portugiesischen Verbandspräsidenten Pedro Proença aus dem Quartier des Nationalteams ab, nachdem er dort die Pressekonferenz seines Trainers Jorge Jesus verfolgt hatte. Der 72-jährige Routinier hatte unter anderem erklärt, er sei «nicht in erster Linie wegen Ronaldo hier, sondern, um ein Länderspiel gegen Dänemark zu coachen». Und dass in diesem Spiel am Donnerstag die Sturmmitte von Gonçalo Ramos besetzt werde, nicht von Ronaldo.
Auf der Abreise bestätigte Ronaldo mit einem Instagram-Post diese Pressekonferenz als Auslöser seiner Flucht und fügte staatstragend an: «Zu gegebener Zeit werde ich allen Portugiesen die Wahrheit über die Gründe meiner Entscheidung erzählen, den Zusammenzug der Auswahl zu verlassen, der ich mich immer hingegeben habe.»
Portugal erlebte nach diesen Worten bereits einen Ausnahmezustand. Sondersendungen im Fernsehen begleiteten ab dem frühen Abend die Ereignisse in Dänemark. Bald bereiteten die Medien auch erste Würdigungen des berühmtesten aller Landsleute auf. «Es gibt die starke Möglichkeit, dass dies der Abschied von Ronaldo aus der Nationalelf war», erklärte der Chef der Sportzeitung «Récord».
Für die These spricht auch eine Wortmeldung in den sozialen Netzwerken von Ronaldos Schwester Elma Aveiro. «Wir (Portugiesen) sind neidisch, herablassend, ignorant und verdienen die Rückkehr in die Mittelmässigkeit, in der wir im Prä-CR7-Fussball immer waren. Danke für alles CR7! Du hattest mehr verdient!»
Die Frauen in Ronaldos Leben – seine Partnerin Georgina, seine Mutter und die beiden Schwestern – waren in seiner Karriere immer für die offenen Worte zuständig, die der Superstar selbst sich verbiss. Man darf also davon ausgehen, dass er das selbst nicht komplett anders sieht. Ronaldo, 41, als Opfer der Unwissenden.
Es hat schon fast Züge einer griechischen Tragödie, wie sich ein Held da immer weiter verrannte, wie Selbstvertrauen zu Hybris wurde. Wie er im Rausch nach Unsterblichkeit die Zeichen des unbarmherzigen Phänomens verkannte, das jeden Sportler heimsucht, selbst ihn: das Alter. Seit mindestens vier Jahren konnte die Welt an seiner Sturheit teilhaben und damit an seiner Selbstzerfleischung.
Jesus steht über RonaldoDamals, im Herbst 2022, quasselte sich Ronaldo durch ein Interview mit dem britischen Moderator Piers Morgan vorsätzlich aus seinem Vertrag mit Manchester United. Sinngemäss: Ich bin zu gut für diesen Klub. Es folgte eine WM in Katar, bei der er im Achtelfinal vom Trainer Fernando Santos erstmals auf die Ersatzbank gesetzt wurde und Rivale Gonçalo Ramos prompt 3 Tore zu einem 6:1 gegen die Schweiz schoss.
Wo alle Welt schon damals mit einem Ende seiner Nationalmannschaftskarriere rechnete, durfte er unter Nachfolger Roberto Martínez dann überraschend noch volle vier Jahre den Angriffsleader Portugals geben, mit Stammplatzgarantie über jede Schmerzgrenze für alle, die in diesem zunehmend grobmotorischen Vorrentner die Brillanz des einst so phantastischen Fussballers nicht mehr wiedererkennen konnten.
Als dann endgültig niemand mehr mit ihm rechnete, tauchte Ronaldo aber auch im ersten Kader des neuen Nationaltrainers Jorge Jesus in der Nations League wieder auf. Offenbar ganz auf Team gebürstet: «Wenn ich auf der Bank sitze, akzeptiere ich das voll und ganz, und wenn ich nicht eingewechselt werde, gibt es auch kein Problem», erklärte er zu Beginn des Zusammenzugs, die Haare frisch rot blondiert.
Doch es passierte, was wohl passieren musste. Nach einem Startelfeinsatz beim 1:0-Sieg gegen Wales blieb er im zweiten Match gegen Norwegen auf der Bank. Beim Stand von 1:1 schickte ihn Jesus zum Warmmachen, doch dann traf – wer auch sonst – Gonçalo Ramos zum 2:1-Endstand. Der Trainer sah keine Notwendigkeit mehr für die Einwechslung eines weiteren Stürmers. Die Welt hätte es nicht wirklich mitbekommen, dafür ist die Nations League in Oslo dann doch nicht gross genug. Aber Ronaldo fühlte sich hinreichend gedemütigt, um die nächsten zwei Tage das Training zu schwänzen.
Nach einer gemeinsamen Krisensitzung mit dem Verbandspräsidenten Proença in der Nacht zum Mittwoch sah sich Jesus gerüstet für die Pressekonferenz, um zu erklären: «Es gibt keinen Fall Ronaldo.» Auch das Gerücht, er habe Ronaldo eine halbe Stunde Einsatzzeit gegen Norwegen versprochen und sei wortbrüchig geworden, konnte er glaubhaft entkräften: «Wenn ich ihn brauche, kommt er rein, wenn nicht, dann nicht.» Doch der Trainer betonte wohl mindestens einmal zu oft, dass Jesus sogar über Ronaldo stehe.
Er kenne Ronaldo gut, so Jesus, der ihn vorige Saison bei Al-Nassr in Saudiarabien coachte: «Gleich werdet ihr ihn auf dem Trainingsplatz sehen.» Der Captain Ruben Dias sagte dasselbe. Doch sie haben ihn wohl verkannt. Stattdessen ging in Madrid ein Privatjet in die Luft, zur Abholung eines Passagiers ohne Rückflugticket.
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