Eine Premier-League-Kommission sieht die finanziellen Falschdarstellungen von 921 Millionen Pfund als erwiesen an. Manchester City spricht von einer «Verschwörungstheorie» der Liga.
Eine Premier-League-Kommission sieht die finanziellen Falschdarstellungen von 921 Millionen Pfund als erwiesen an. Manchester City spricht von einer «Verschwörungstheorie» der Liga.
Sven Haist, London
30.09.2026, 16.13 Uhr
4 Leseminuten

Lee Smith / Reuters
Bei Manchester City scheint derzeit wieder die berüchtigte «Cityitis» umzugehen. Geprägt wurde der Begriff einst von Joe Royle, einem ehemaligen Spieler und Trainer des Fussballklubs.
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Der Engländer beschrieb damit eine tief verwurzelte Haltung unter den City-Anhängern, die von chronischer Schwarzmalerei und einer Neigung zur Selbstzerstörung geprägt ist. Beispiele dafür gibt es in der turbulenten Geschichte des heutigen Spitzenklubs zur Genüge.
Auch in der Gegenwart hat sich daran offenbar wenig geändert: Am Dienstagabend veröffentlichte die Premier League den mit Spannung erwarteten Schuldspruch auf ihrer Website. Kurzum: Es bestätigten sich die Meldungen der vergangenen Tage, wonach Manchester City eine Niederlage ungeahnten Ausmasses hinnehmen müsse.
Finanzielle Falschdarstellungen von 921 Millionen PfundDie unabhängige, dreiköpfige Kommission stellte fest, dass der Verein sämtliche ihm vorgeworfenen eklatanten Verstösse gegen die Liga-Regularien über einen Zeitraum von neun Spielzeiten von 2009 bis 2018 begangen habe. Das Panel bezifferte die Höhe der finanziellen Falschdarstellungen auf gigantische 921,4 Millionen Pfund – umgerechnet mehr als eine Milliarde Franken. Der Gesamtbetrag ergibt sich aus 855,2 Millionen Pfund zu hoch deklarierten Einnahmen und 66,2 Millionen Pfund zu niedrig deklarierten Ausgaben.
Nach Auffassung des Gremiums hat der Vereinsbesitzer Scheich Mansur bin Zayed bin Sultan Al Nahyan persönlich nachgeholfen: Der Vizepräsident der Vereinigten Arabischen Emirate, zugleich Angehöriger der Herrscherfamilie von Abu Dhabi, soll die entsprechenden Zahlungen über seine Abu Dhabi United Group (ADUG) veranlasst haben, mit der er den Klub im September 2008 gekauft hatte.

Martin Rickett / Imago
Die getarnten, unzulässigen Eigenkapitalzuführungen hätten demzufolge dazu gedient, die Klubbilanzen zu frisieren und die Einhaltung der geltenden nationalen und internationalen Finanzvorgaben der Fussballverbände vorzutäuschen. Zum Hintergrund gehört, dass die Uefa im September 2009 beschloss, Financial Fair Play ab der Saison 2011/12 einzuführen. Vereine durften danach nicht mehr Geld ausgeben, als sie einnahmen; Mittelzuflüsse der Klubeigentümer blieben bei diesen Berechnungen unberücksichtigt.
Die Premier League zog zur Saison 2013/14 nach. Diese Vorgaben setzten den Investitionsmöglichkeiten neureicher Vereine wie Manchester City enge Grenzen. Die kommerziellen Erlöse der Citizens hätten anfangs nur «einen Bruchteil» der entsprechenden Einnahmen etablierter Topklubs ausgemacht, wird im Bericht betont.
Angesichts dessen habe der Klub anschliessend einen Plan entwickelt, um Mansurs Finanzierungen zu «verschleiern», heisst es im Report. Vorgesehen war vor allem, künstlich aufgeblähte Sponsorenverträge mit Unternehmen aus Abu Dhabi abzuschliessen, wobei diese nur einen geringen Teil der vereinbarten Summen tatsächlich beisteuerten. Konkret hätten die Firmen lediglich 119,25 Millionen Pfund von vertraglich anvisierten 949,94 Millionen Pfund beigetragen – 12,5 Prozent der Gesamtsumme.
Den weitaus grösseren Teil habe Mansurs ADUG-Holding beigesteuert. Manchester City widerspricht dieser Darstellung. Der Verein habe niemals Sponsorenvereinbarungen getarnt, sondern einzig erlebt, dass Sponsoren aus Abu Dhabi «gelegentlich» die Regierung des Emirats um «finanzielle Unterstützung» gebeten hätten. Diesen Wünschen sei entsprochen worden. Genau jene Beträge habe die Premier League jedoch «zu Unrecht» Mansurs ADUG zugeordnet. Das Richterpanel lehnte diese Erklärung ab.
Auch beim Vorwurf mangelnder Kooperation fiel das Votum belastend für City aus. Es wurde konstatiert, dass der Klub zwischen 2018 und 2023 – mit Ausnahme eines Unterpunkts – seinen Pflichten nicht nachgekommen sei. Zur Gesamtzahl der Verfehlungen wurden keine Angaben gemacht; nur an einer Stelle war von «100+» Vorwürfen seitens der Liga die Rede. Infolge des Urteils verspotten gegnerische Fankreise Manchester City bereits als «Manchester Cheaty» – «cheat», das englische Wort für Betrüger.
City drohen historische Sanktionen – und der Klub schlägt zurückWelche Sanktionen City erwarten, soll in einer gesonderten Anhörung entschieden werden – sie könnten zum Zwangsabstieg oder sogar bis zum Ausschluss aus der Premier League und der Aberkennung der eigenen Erfolge führen. Die Liga teilte mit, sie wolle die Angelegenheit «so schnell wie möglich» klären. Die Ermittlungen begannen im Dezember 2018 und führten im Februar 2023 zu den formellen Anklagen. Der Premier-League-Geschäftsführer Richard Masters sprach am Dienstag «vom wichtigsten Disziplinarfall» in der Historie der 1992 gegründeten Liga.
Gegen das Urteil kündigte Manchester City Berufung an. In seiner offiziellen Stellungnahme zeigte sich der Klub «enttäuscht und überrascht» über das Votum und beteuerte erneut die eigene Unschuld. Überdies veröffentlichte Sky UK ein mutmasslich geleaktes Video, in dem sich der City-CEO Ferran Soriano an die Klubmitarbeiter wandte.

Jason Cairnduff / Reuters
Der Fall beruhe auf der «einzigen falschen Darstellung», wonach privates Geld des Eigners «irgendwie und geheim» in den Klub übergeführt worden sei, sagte Soriano. Der Verein habe dagegen «stichhaltige Kontoauszüge, Geldüberweisungen und Zeugenaussagen» vorgelegt, die aus seiner Sicht klar das Gegenteil belegten. Anschliessend formulierte Soriano eine in dieser Schärfe bislang beispiellose Generalattacke auf die Glaubwürdigkeit der Premier League.
Mit ihrer Entscheidung unterstütze die Kommission «die Verschwörungstheorie der Premier League», behauptete der Spanier. Sein Verein werde sich «mit aller Entschlossenheit in allen geeigneten regulatorischen und rechtlichen Verfahren» wehren.
Die Auseinandersetzung zwischen Manchester City und der Premier League dürfte also noch eine Weile andauern. Die «Cityitis» wird der Klub erst einmal nicht los.