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Mehr als zehn Jahre lebte der deutsche Fussball von der Substanz. Nun ist sie aufgebraucht

Дата публикации: 30-09-2026 03:30:00

Kaum einer der gegenwärtigen Spieler hat die Qualität der Weltmeister von 2014. Daran wird auch Jürgen Klopp so schnell nichts ändern können.

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Mehr als zehn Jahre lebte der deutsche Fussball von der Substanz. Nun ist sie aufgebraucht

Kaum einer der gegenwärtigen Spieler hat die Qualität der Weltmeister von 2014. Daran wird auch Jürgen Klopp so schnell nichts ändern können.

30.09.2026, 05.30 Uhr

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Jürgen Klopp kann kaum auf Weltklassespieler zurückgreifen.

Jürgen Klopp kann kaum auf Weltklassespieler zurückgreifen.

Kai Pfaffenbach / Reuters

Manchmal erscheint es verlockend, Fussball über Statistiken zu erklären: über Ballbesitz, über die erwartbaren Tore – sogenannte Expected Goals (xG) –, über Passquoten, Tempo und Laufleistung. Nicht immer sind solche Erklärungen präzise, manchmal führen sie einen nicht weiter. Allerdings können Gegenüberstellungen auch durchaus aufschlussreich sein. So wie jene, die der Sender Sky mit Joshua Kimmich, dem Captain der deutschen Nationalmannschaft, aufgestellt hat.

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Kimmich ist der gegenwärtig wohl am kontroversesten diskutierte Spieler im deutschen Aufgebot. Er sei entbehrlich, sagen die einen; er stehe mit drei gescheiterten Weltmeisterschaften in der Vita prototypisch für die Krise des deutschen Fussballs. Andere wiederum sagen, er sei nach wie vor einer der wenigen Fussballer von internationalem Format in dieser Mannschaft.

Es liegt nicht an Kimmich

Beide Befunde sind für sich genommen nicht falsch. Kimmich war bei jedem frühen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft in tragender Rolle dabei. Aber es ist unter Fachleuten ebenso unbestritten, dass Kimmichs Qualität ausserordentlich ist, wie seine Position beim FC Bayern zeigt, einem der prägenden Vereine der Gegenwart, auch in Europa. Die statistische Auswertung des TV-Senders legt nahe, dass es mit Kimmich besser läuft als ohne ihn: Mit dem Mittelfeldspieler wurden mehr Spiele gewonnen und mehr Tore erzielt.

Womöglich wäre Kimmich einer der ganz wenigen deutschen Gegenwartsfussballer, die 2014, beim bislang letzten Gewinn der Weltmeisterschaft, einen Platz in der Startformation gehabt hätten. Denn wenn man sich einmal anschaut, wie hoch das Niveau damals war, und es mit dem heutigen vergleicht, dann relativieren sich schnell die Erwartungen an eine baldige Gesundung des deutschen Fussballs.

Joshua Kimmich nach der Niederlage gegen Griechenland am Sonntag.

Joshua Kimmich nach der Niederlage gegen Griechenland am Sonntag.

Edward Cheung / Imago

Damals, im Final von Rio de Janeiro, war die Mannschaft fast durchgängig mit Weltklassespielern besetzt. Es war eine Ausnahmegeneration, die damals den Titel gewann: Manuel Neuer im Tor, Jérôme Boateng und Mats Hummels in der Defensive zentral, Philipp Lahm als Aussenverteidiger. Im Mittelfeld Toni Kroos und Bastian Schweinsteiger, offensiv Mesut Özil, Thomas Müller und Miroslav Klose.

Einzig Benedikt Höwedes, der Linksverteidiger, der eigentlich Innenverteidiger war, fiel ein wenig ab. Für ihn hätte Kimmich spielen können, allerdings als Rechtsverteidiger, wobei Philipp Lahm die Seite getauscht hätte.

Der Niedergang begann schleichend

Im Grunde begann der Niedergang des deutschen Fussballs schon wenige Wochen nach dem gewonnenen Final in Brasilien. Damals erklärte Philipp Lahm seinen Rücktritt, auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Nationalspieler. Seitdem hat die Mannschaft von Turnier zu Turnier an Substanz verloren.

Einen Mittelstürmer wie Miroslav Klose, der damals wie ein alter Westernheld noch einmal zu wichtigen Treffern kam, hat die Mannschaft bis heute nicht; schon 2018 hatte sich das Gesicht der Mannschaft gewandelt. Auch Bastian Schweinsteiger war nicht mehr dabei, und beim nächsten Turnier hatten auch Mats Hummels, Jérôme Boateng und Mesut Özil aus unterschiedlichen Gründen keinen Platz mehr.

Daran ist zunächst einmal nichts Ungewöhnliches. Für ein Nationalteam ist eine dauerhafte Erneuerung der Regelfall. Anders als ein Vereinstrainer ist der Nationaltrainer nicht an Verträge gebunden; er kann berufen, wen auch immer er will. Allerdings kann das Niveau nur gehalten werden, wenn angemessener Ersatz bereitsteht. Im deutschen Fussball war dies nur allzu bedingt der Fall. Zwar gab es Nachrücker, von denen man sich Ausserordentliches versprach. Doch im Nationalteam funktionierten nur die allerwenigsten von ihnen.

Ilkay Gündogan, Champions-League-Sieger mit Manchester City, brauchte Jahre, ehe er sich zu einer festen Grösse im DFB-Team entwickelte und die Mannschaft 2024 als Captain an die Europameisterschaft im eigenen Land führte. Im Grunde aber ist er, neben Kimmich, eine der wenigen Ausnahmen, die den schleichenden Substanzverlust zumindest zeitweise auffangen konnten.

Die Euro 2024 war das letzte halbwegs passable Turnier, das die Deutschen in den vergangenen Jahren spielten. Es lag auch daran, dass Toni Kroos auf Drängen des damaligen Trainers Julian Nagelsmann befristet zurückkehrte. Dass die Perspektiven damals noch einigermassen optimistisch gesehen wurden, war unter anderem dadurch bedingt, dass die jungen Jamal Musiala und Florian Wirtz zumindest zeitweise brillierten.

Doch beide haben sich zu Sorgenfällen entwickelt. Wirtz präsentiert sich seit seiner Ankunft in Liverpool vor mehr als einem Jahr ausser Form, die ihn zuvor zu einem der besten jungen Mittelfeldspieler Europas gemacht hatte. Musiala vom FC Bayern leidet an epileptischen Absencen. Gegenwärtig sind beide für keinen Trainer eine Stütze, mit der zu planen wäre.

Die Rolle des Aussenseiters ist neu

Die Personaldecke dünnt seit 2024 weiter aus. Neben dem Torhüter Manuel Neuer und Toni Kroos sind auch der Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan und der Innenverteidiger Antonio Rüdiger nicht mehr dabei: Spieler, die den Nachweis ausserordentlicher Qualität in ihrem Verein erbracht hatten. Rüdiger gewann mit zwei unterschiedlichen Vereinen, mit Chelsea und mit Real Madrid, die Champions League.

Der Torschütze beim Sieg des FC Chelsea in der Königsklasse war Kai Havertz, der Angreifer, der im Nationalteam bisher oft an einer unklaren Rollenzuteilung litt. Auch er gehört zu den wenigen, die den Nachweis internationaler Klasse über Jahre erbringen konnten. Für das Gros seiner Mannschaftskameraden trifft gerade dies nicht zu.

Marc-André ter Stegen steht noch für die alte Generation im DFB.

Marc-André ter Stegen steht noch für die alte Generation im DFB.

Imago

Die Karriere von Marc-André ter Stegen ist auf der Zielgeraden: Beim FC Barcelona hatte er keinen Platz mehr, nun spielt er für Ajax Amsterdam. Immerhin bringt er noch internationale Erfahrung auf höchstem Niveau mit, anders als viele derjenigen, die in den letzten Jahren dazugestossen sind. Der Frankfurter Jonathan Burkardt oder der Mainzer Nadiem Amiri sind hervorragende Bundesligaspieler. Aber sie sind eben keine Profis, die in einem Spitzenteam einen Platz beanspruchen könnten.

Nationalmannschaften funktionieren anders als Vereinsmannschaften. Auch mit einem Team ohne viele Stars lässt sich durchaus Erfolg haben, man denke nur an die Griechen unter Otto Rehhagel, die 2004 die EM gewannen. An jedem Turnier gibt es Überraschungen. Bloss verträgt sich das weder mit dem Anspruch noch mit der Historie des Deutschen Fussball-Bundes.

Der viermalige Welt- und dreimalige Europameister steht vor einer interessanten Zukunft. Die Rolle des Aussenseiters ist für die Deutschen jedenfalls neu.

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