Der erfolgreichste deutsche Tennisspieler seit Boris Becker steht im Final des US Open. Er könnte seinen zweiten Major-Titel gewinnen. Dennoch bleibt seine Geschichte die eines verhinderten Volkshelden.
Der erfolgreichste deutsche Tennisspieler seit Boris Becker steht im Final des US Open. Er könnte seinen zweiten Major-Titel gewinnen. Dennoch bleibt seine Geschichte die eines verhinderten Volkshelden.
13.09.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Ben Solomon / Usta via Getty
Als Alexander «Sascha» Zverev vor drei Monaten in den Sand von Roland-Garros sank, endete eine Erzählung: die des ewig Unvollendeten, des besten Tennisspielers ohne krönenden Major-Titel.
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Endlich war er erlöst – der erste deutsche Mann mit einem Major-Sieg seit Boris Becker 1996. Drei Finalchancen hatte er zuvor vergeben. In Paris sagte er: «Egal, was passiert: Ich werde immer ein Grand-Slam-Champion sein. Das kann mir niemand mehr nehmen.» Vielleicht, sagte er, gebe ihm das «Freiheit», mache ihn in künftigen Finals ruhiger.
Diese Ruhe wird er brauchen. Im US-Open-Final am Sonntagabend Schweizer Zeit wird sein Kontrahent, der Amerikaner Ben Shelton, die volle Unterstützung des ausverkauften Arthur-Ashe-Stadions und der Nation geniessen. Eine solche Unterstützung wird Zverev nie bekommen.
Erst «der nächste Boris», dann der FremdeSeit Zverev mit 17 an seinem Heimturnier am Hamburger Rothenbaum den Halbfinal erreichte, bündelte sich in ihm die Sehnsucht einer Nation. Zverev war so alt wie Becker bei dessen Wimbledon-Triumph. Zeitungen schrieben vom «nächsten Boris». Michael Stich, deutscher Wimbledon-Sieger von 1991, erkannte «sehr viel» von sich selbst im Jungstar.
Doch während Deutschland «Bobbele» aus Leimen beim Erwachsenwerden zusehen konnte, sah der Karriereplan für «Sascha» das nicht vor. Sein Manager schirmte ihn ab, voller Fokus aufs Tennis. Dann sollte er zur globalen Marke aufgebaut werden, Deutschland war zu klein. Sein erstes grosses Interview mit einem Printmagazin gab er einem italienischen Modemagazin.
Die Familie Zverev operierte wie ein Tennisunternehmen. Die Eltern, die 1991 aus Moskau nach Hamburg kamen, trainierten Zverev. Der Vater war einst Davis-Cup-Spieler für die Sowjetunion. Der Bruder Mischa, selbst Profi und zeitweise Top-30-Spieler, war Vorbild und Trainingspartner. Mit 18 verliess Zverev Deutschland und zog nach Monte Carlo – bessere Trainingsbedingungen, viele Profis, sein Bruder lebte dort.
Mit agilen Bewegungen trotz fast zwei Metern Körpergrösse, mächtigem Aufschlag und herausragender Rückhand ist Zverev für das moderne Tennis gebaut. 2016 gewann er in St. Petersburg seinen ersten ATP-Titel. Ein Jahr später war er die Nummer drei der Welt und hatte fünf Turniere gewonnen, darunter die Masters in Rom und Montreal. In den Finals bezwang er Novak Djokovic und Roger Federer. Die ATP inszenierte ihn als Gesicht der neuen Generation, er schloss Deals mit grossen Marken.
Zverev sagte aber eine Olympiateilnahme und zwei Davis-Cup-Partien für Deutschland ab – das verfing. Obwohl er betonte, Hamburg bleibe seine Heimat und er sei Deutscher, fremdelten viele mit ihm. «Ich habe das Gefühl, dass man sich in unserem Land lieber auf etwas Negatives stürzt», sagte er 2017 dem «Focus». «Gewinne ich einen Masters-Titel, wird darüber kleiner berichtet als über meine Davis-Cup-Absage.» Viele Deutsche, sagte er, kennten ihn gar nicht richtig.
Selbstbewusstes Auftreten auf dem Court war für manche Arroganz. Zverev reagierte auf Kritik bisweilen patzig, zertrümmerte Schläger, lamentierte und stritt mit Offiziellen. «Ich will nur ab und zu meine Wut rauslassen können», sagte er dem «Spiegel». Danach fühle er sich entspannter.
Bei den ATP-Finals 2018 schlug der 21-Jährige Federer und Djokovic und holte den bedeutendsten Titel unterhalb der Majors. «Ein neuer Star ist geboren», kommentierte Boris Becker für die BBC. Zverev schien bereit für die Rolle, die man ihm seit seiner Jugend zugedacht hatte.
Je näher der Gipfel, desto tiefer die RückschlägeBei den Major-Turnieren zeigte sich dagegen ein wiederkehrendes Muster: Unter Druck schien Zverev zu schrumpfen, wurde passiv, klebte weit hinter der Grundlinie. Sein zweiter Aufschlag wurde zum Problem. Bis 2018 war ein Major-Viertelfinal das höchste der Gefühle. Und dann kam die Phase, in der sich Erfolge und Tiefpunkte abwechselten. Sobald der langersehnte Titel in greifbarer Nähe war, glitt er ihm aus den Händen. Und Zverevs Tiefs wurden tiefer.
2020 stand er erstmals in einem Major-Final, am US Open. Gegen Dominic Thiem führte er 2:0 nach Sätzen, lag im fünften Satz mit Break vorne – brach ein und verlor im Tie-Break. Er war am Boden zerstört, blieb aber kämpferisch. Schliesslich war er erst 23.
Wenige Wochen später erhob seine Ex-Partnerin Olga Scharypowa auf Instagram Vorwürfe häuslicher Gewalt. Sie schilderte die mutmasslichen Vorfälle gegenüber amerikanischen Medien detailliert, zeigte Zverev aber nicht an. Er bestritt die Anschuldigungen. Eine unabhängige Untersuchung der ATP fand keine ausreichenden Beweise und sprach keine Sanktionen aus.
Die Debatte schwelte, doch Zverev war das Abschirmen gewohnt. Er spielte sein bestes Tennis, gewann Gold bei den Olympischen Spielen in Tokio – eine Annäherung an die Heimat. Die ungeliebten Journalisten in Deutschland wählten ihn zum Sportler des Jahres. Dann die nächste Zäsur: Er riss sich in Roland-Garros im Halbfinal gegen Rafael Nadal drei Bänder im Knöchel. Saison-Aus.
Während seines Comebacks wurde 2023 ein weiterer Gewaltvorwurf öffentlich, diesmal von Brenda Patea, der Mutter seiner Tochter. Auch diesen bestritt Zverev. Das Verfahren endete ohne Urteil gegen eine Geldauflage von 200 000 Euro. «Ich will nie wieder eine Frage zu diesem Thema hören», sagte er nach seinem Halbfinalsieg in Roland-Garros 2024. Den Final gegen Carlos Alcaraz verlor er.
Alcaraz war 21 und gewann bereits seinen dritten Major-Titel. Der 22-jährige Jannik Sinner hatte ebenfalls schon einen. Die Generation, deren Anführer einst Zverev werden sollte, hatte ihn überholt. Sinner besiegte Zverev im Final des Australian Open 2025. Die dritte Finalniederlage.
Nach dem Erstrunden-Aus in Wimbledon brach es aus ihm heraus: «Ich fühle mich generell sehr allein.» Er versuche, aus dem Loch herauszukommen, erwäge, sich professionelle Hilfe zu suchen. Es sei ein Problem, das über den Sport hinausgehe – bemerkenswerte Worte für den sonst eher verschlossenen Zverev.
Die eine Erzählung endet, die andere bleibtDoch in Roland-Garros fügte sich in diesem Jahr vieles für ihn. Alcaraz fehlte verletzt, Sinner und Djokovic schieden früh aus. Zverev hatte allerdings auch sein eigenes Spiel verändert: aggressiver, variabler, häufiger am Netz. Als Favorit hielt er endlich dem Druck stand.
Nach all den Widrigkeiten sass er lächelnd mit der Coupe des Mousquetaires vor sich in der Pressekonferenz. Doch der Titel brachte nur die sportliche Erlösung. Ein Journalist der «L’Équipe» sprach ihn im Siegerinterview auf die Gewaltvorwürfe an, Zverev brach das Gespräch ab. In Deutschland überwog die Freude über den «vollendeten Sascha», wobei die Vorwürfe auch dort thematisiert wurden.
Auf dem Court war die «Freiheit» im Kopf, die Zverev beschrieb, augenscheinlich. Ein verlorener Final ist nun kein direktes Urteil mehr über seine Karriere. Als er in Wimbledon an Sinner scheiterte, witzelte er mit ihm.
Am US Open stehen Sinner und Alcaraz nicht mehr im Weg. Egal, was im Arthur-Ashe-Stadion passiert: Die Erzählung vom unvollendeten Champion hat Zverev umgeschrieben. Die von «unserem Sascha» lässt sich mit Titeln allein nicht ändern.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»