Verachtung als Versprechen: Dagmar Herzog analysiert historische Entwicklungslinien in der behinderungsfeindlichen Politik der AfD.
Eine Nation aus perfekten Körpern sollen wir sein! Finden manche.
Foto: Pixabay
Die AfD vertritt schon lange behindertenfeindliche Positionen. Damit ist sie noch vor wenigen Jahren auf breiten Widerstand gestoßen. Heute ist das nicht mehr so. Warum?
Die AfD fing schon 2016 an, noch vor ihrem Einzug in den Bundestag, die Inklusion in der Schule zu kritisieren. 2018 unterstellte sie Flüchtlingen, wegen einer angeblich höheren Rate an blutsverwandten »Inzucht«-Ehen mehr Kinder mit kognitiver Beeinträchtigung zu gebären. Mit dieser absurden Aussage versuchte sie, Ekelgefühle zu aktivieren. Damals haben Behindertenverbände und Kirchen geschlossen öffentlichen Protest bekundet. Die Bundesregierung hat als Antwort nüchtern gemeldet, 94 Prozent der Schwer- und Mehrfachbehinderten in Deutschland seien Deutsche.
Vor allem aber bezeugten die vielen souveränen Gegenargumente der Selbstvertreter*innen und Fürsprecher*innen den gesellschaftlichen Lernprozess, der sich seit den 80er Jahren gegen viele Widerstände entwickelt hatte. Diese wurden auch in der Formulierung der UN-Behindertenrechtskonvention und deren Ratifizierung im Jahr 2009 sichtbar, sowie in den immer geläufiger werdenden Bekenntnissen der Wohlfahrtsverbände zu den Idealen der Selbstbestimmung und Teilhabe in den 2010er Jahren. Würde und Gleichheit als Grundkonzepte schienen einfach angekommen zu sein.
Interview
American Academy
Dagmar Herzog ist Professorin für Geschichte am Graduate Center der City University New York und Autorin des Buches »Der neue faschistische Körper« (Wirklichkeit Books, 124 S., br., 18 €). Im Herbst 2026 ist Herzog die erste Joy-Foundation-Stipendiatin an der American Academy in Berlin.
Das ist inzwischen anders?
Die Errungenschaft dieses gesellschaftlichen Konsenses ist nun aktiv kaputtgemacht worden. Die AfD hat die Vorreiterrolle gespielt, mit der obsessiven Vermittlung ihrer Botschaft, dass die bloße Gegenwart von Kindern mit Beeinträchtigungen in den Regelschulen das »Leistungsniveau« der Starken senken würde. Inklusion bedeute nur »Kuschelunterricht«; das Down-Syndrom sei wie eine »übertragbare … schwere, ansteckende« Krankheit; die Gegenwart der Kinder mit Behinderungen würde verhindern, dass »unsere« Kinder und Jugendlichen »die Fachkräfte der Zukunft« werden.
Spätestens seit Dezember 2025 machen nun Teile der CDU mit, stellen Kinder mit Förderbedarf stigmatisierend als Kostenfaktor und als im Schulalltag störend für Nichtbehinderte dar. Und sie plädieren unverhohlen – wie unlängst im baden-württembergischen Wahlkampf im März 2026 – mithilfe eines beliebigen Fotos eines fröhlichen Kindes mit Down-Syndrom für ein »gegliedertes Schulsystem«. Womit Resegregation gemeint ist.
Sie stellen die AfD als eine Art Vorreiter der globalen Rechten dar, was eine »obsessive Behindertenfeindlichkeit« betrifft. Inwiefern hat dies alles mit der deutschen Geschichte zu tun?
Der Rassismus der Nationalsozialisten trat in zwei sich ergänzenden Formen auf. Im »Dritten Reich« ging der gegen Juden und Rom*nja gerichtete »Rassenhass«, also gegen die vermeintlichen Außenseiter, einher mit der »Rassenangst«. Das heißt, mit Angst vor dem Ausmaß der Unvollkommenheit innerhalb der Möchtegern-Herrenrasse.
Bereits gegen Ende der Weimarer Republik waren rege Debatten im Gange, wonach 30 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland so suboptimal und »minderwertig« seien, dass man sie daran hindern müsse, Kinder zu kriegen. Jede*r Dritte! Die nationalsozialistische Eugenik – Ausdruck dieser nach innen gerichteten »Rassenangst« – war, ebenso wie der nationalsozialistische Antisemitismus, »Fake News«. Diese Annahme von Vererbung war einfach Quatsch.
Dennoch wurden 400.000 Menschen auf der Grundlage der Lüge verstümmelt, dass diese Unvollkommenheiten erblich seien; über 200.000 Menschen im Deutschen Reich wurden aufgrund einer Behinderung ermordet. Die behindertenfeindlichen Pläne der AfD – die Sorge um Imperfektion in den eigenen Reihen – sind die logische Ergänzung ihres migrationsfeindlichen Rassismus.
»Würde und Gleichheit als Grundkonzepte schienen angekommen zu sein. Dieser gesellschaftliche Konsens ist kaputtgemacht worden.«
Worum geht es der AfD heute? Um den Leistungsgedanken, ein auf ihre Art definiertes »gesundes Volk«, Abgrenzung, die Erzeugung einer Klasse?
Das zentrale Versprechen rechtsextremer Bewegungen an ihre Anhänger ist immer ein Gefühl der Überlegenheit – die Möglichkeit, auf schutzbedürftige Mitmenschen mit Verachtung herabzuschauen oder sich im Recht zu fühlen, wenn man sie aus der gemeinsamen Gesellschaft ausschließt. In Ankündigungen, dass die »Remigration« gnadenlos und vielleicht auch gewalttätig verlaufen werde, schwingt eindeutig ein Rausch aus Aufregung und Prahlerei mit.
Beim Thema Behinderung ist der Modus ähnlich. Aber worum es hier wirklich geht, ist eine aggressive Neuhierarchisierung des menschlichen Wertes, ein Frontalangriff auf die Ideale von Gleichheit und Solidarität, ein so erbärmliches wie gefährliches Bestreben, einen neuen Sozialdarwinismus gesellschaftlich akzeptabel zu machen.
Die Krüppelbewegung
Dagmar Herzog spricht von zahlreichen Selbstvertreter*innen, die die inklusive Gesellschaft vorangetrieben haben. Eine prominente Vertreterin in Deutschland war die Krüppelbewegung. Für Aufsehen sorgte sie unter anderem, als sie 1981 die Eröffnungsveranstaltung des »Uno-Jahres der Behinderten« besetzte. Die Bewegung kritisierte die mangelnde Teilhabe von Menschen mit Behinderung wie auch die ableistischen Strukturen der Bundesrepublik. Sie brachte Missstände in Wohnheimen und Ausbeutung in Werkstätten an die Öffentlichkeit, zeigte den Missbrauch von Frauen mit Behinderungen auf und unterstützte die Aufarbeitung der sogenannten Eugenik. Die Krüppelbewegung stellte außerdem klar: Inklusion kommt allen zugute.
Sie haben ein Buch über den »neuen faschistischen Körper« geschrieben? Was meinen Sie damit? Und warum gibt es ihn nicht?
Ganz kurz zum Hintergrund: Der Titel des kleinen Buches »Der neue faschistische Körper« kam durch eine Anfrage zu einem Vortrag bei einer Tagung über den historischen Faschismus in Rom im Jahr 2025 zustande. Ich sollte über die Sexualpolitik der Nationalsozialisten referieren und habe dann den Umgang mit Menschen mit Behinderung einbezogen. Das Wort »neue« war eine Anspielung auf den damaligen Wunsch der italienischen Faschisten und deutschen Nationalsozialisten, einen neuen Menschen zu schaffen.
Einer der vielen Unterschiede zwischen dem historischen und dem gegenwärtigen, eher postmodernen Faschismus ist, dass muskulöse, starke, arbeitsfähige Körper nicht mehr so benötigt werden wie ehemals. Wir leben nicht mehr in der Hochzeit des industriellen Kapitalismus, sondern im globalisierten Finanzkapitalismus und im Universum der KI. Nichtsdestotrotz sind wir alle immer noch allzu leicht ansprechbar für Ressentiments gegenüber Menschen, die nicht arbeiten und/oder von Sozialleistungen leben. Und halt auch peinlich leicht verführbar durch den Smartness-Fetisch und das Gerede vom IQ. Darauf sollte man nicht hereinfallen. Die Tech-Elite, die sich selbst beweihräuchert, lenkt damit vor allem ab von der laufenden Umverteilung des Reichtums von unten nach oben.
Apropos KI- und Smartness-Fetisch: Sie fokussieren sich vor allem auf kognitive Behinderungen. Attackiert die Rechte denn Menschen mit körperlichen Behinderungen weniger?
Menschen mit geistiger Beeinträchtigung – oder emotional-sozialen Verhaltensauffälligkeiten oder psychischen Schwierigkeiten – sind ganz konkret der Fokus der Häme der AfD. Das waren ja auch im NS die Hauptzielgruppen, die zwangssterilisiert oder getötet werden sollten.
Laut AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider dürfen Kinder mit nur körperlichen Einschränkungen in der Regelschule bleiben. Das ist für Kinder mit geistigen Beeinträchtigungen explizit anders. Im Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt präsentierte sich die AfD pseudofreundlich und gerierte sich als um das Wohl dieser Kinder besorgt. Aber das ist Tarnung und zudem heuchlerisch. Da steht zum Beispiel, »behinderte Kinder […] finden unter ihren Mitschülern keinen Anschluss« und »lähmen den Unterrichtsfortgang«. Beides stimmt nicht. Alle Studien zeigen, wenn Inklusion richtig gemacht wird, profitieren alle in der Klasse. Und Kinder haben eine große Kapazität, solidarisch zu sein.
»Es geht um eine Neuhierarchisierung des menschlichen Wertes, einen Frontalangriff auf die Ideale von Gleichheit und Solidarität.«
Neben der Rechten war die Kirche ein historischer Faktor für die Ausrichtung der Ex- und Inklusionspolitik. Bei der Treysaer Konferenz 1931 trafen sich evangelische Kirchenführer und begründeten ihren Beschluss gegen die Unterstützung der Tötungsvorschläge damit, dass der Anblick der Überlebenden zur Keuschheit beitragen könne …
Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der darauffolgenden Wirtschaftskrise plädierten der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche für die Tötung der »Vollidioten« in der Bevölkerung. Das sollte viel Geld sparen, und die Betroffenen seien ohnehin keine wirklichen Menschen. Die Protestanten – sie waren damals führend in der Anstaltsfürsorge – waren in der Defensive und hatten offensichtlich Schwierigkeiten zu erklären, warum man nicht töten sollte, und kamen dann, nach vielen Umwegen, zu einer moralischen Kompromissbildung: Sie wollten »nicht die Opfer von Schuld und Sünde beseitigen, sondern zu verhüten trachten«. Also Mord nein, Sterilisierung ja. Und sie haben eben auch »eugenisches« Gedankengut übernommen, in der Hoffnung, es würde ihren sexualkonservativen Botschaften Nachdruck verleihen.
Die Kirchen haben seitdem ungemein viel dazugelernt und sind inzwischen zu ganz wichtigen Fürsprechern geworden. Und zum Thema AfD haben beide Kirchen, die evangelische und die katholische – sowie Diakonie und Caritas – gewichtige Kritik geäußert und die menschenverachtenden Botschaften der AfD entschieden zurückgewiesen.
Wie hängen Ableismus und Sexualität noch zusammen? Sie sprechen auch von einer Art »sexy Eugenik«?
Schon im Gründungsdokument der deutschen Eugenik, Alfred Ploetz’ »Die Tüchtigkeit unsrer Rasse« von 1895, ist der Traum einer behindertenfreien Nation erotisch aufgeladen. Damals konnte man sich noch keine Massensterilisierungen vorstellen; man schwärmte stattdessen von den Spartanern. Ploetz hatte die Idee unter anderem vom Zoologen Ernst Haeckel übernommen, der begeistert berichtete, die Spartaner würden ihre schwachen und »missgestalteten« Neugeborenen auf dem Berg Taygetos aussetzen und dem Tode überlassen; genau dies sei der Schlüssel zur »exquisiten Stärke und Effizienz« des antiken Sparta.
In seinem Buch fabuliert Ploetz dann eben nicht nur von diesen vermeintlichen Praktiken der Kindstötung der Spartaner, sondern auch von ihren aufregenden sexuellen Gepflogenheiten, die er als grenzüberschreitende Vorbilder betrachtete. Ihm zufolge war vor- und außerehelicher Geschlechtsverkehr nicht nur erlaubt, sondern geradezu zelebriert, wenn die Annahme bestand, dass daraus gesunder – und, ausdrücklich, intelligenter – Nachwuchs hervorgehen würde.
Damit hat Ploetz eine emotional-konzeptionelle Verbindung hergestellt zwischen der antiken Praxis der Kindstötung und der ehrgeizigen Idee, dass das germanische Volk durch richtige vor- und außereheliche Paarungen und das fortwährende Töten der Deformierten und Schwachen stark, schön und klug werden würde. Diese affektive Verschmelzung tödlicher Boshaftigkeit mit libidinöser Erregung vermittelte eine aufregende Verheißung. Ploetz’ Vision wurde ja dann im Nationalsozialismus zum Programm. Es war aber halt nur eine Fantasie – umgesetzt durch Brutalität.
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