Вход на сайт

Просмотр новости

Найдите то, что Вас интересует

Mehr Glatzen für alle!

Дата публикации: 27-09-2026 04:27:00

Immer mehr Männer lassen sich mehr Haare transplantieren. Bei Frauen gilt die Glatze erst recht als Makel. Höchste Zeit, findet unsere Autorin, die Glatze nicht nur zu enttabuisieren, sondern sie zu feiern.

Основное содержимое страницы с новостью.

Kolumne „Body Issues“

Mehr Glatzen für alle!

Immer mehr Männer lassen sich mehr Haare transplantieren. Bei Frauen gilt die Glatze erst recht als Makel. Höchste Zeit, findet unsere Autorin, die Glatze nicht nur zu enttabuisieren, sondern sie zu feiern.

27. September 2026

| Lesezeit: 5 Min.

Jeder Mensch hat einen Körper – und sich wahrscheinlich schon einmal für ihn geschämt. Doch körperliche Schamgebiete sind keine Privatsache. Sie sind politisch. Die Kolumne „Body Issues“ betrachtet Körpernormen und Schönheitsideale alle zwei Wochen im Vergrößerungsspiegel. Folge Zwei: Sollten wir alle ein wenig mehr Pitbull wagen?

Über die Autorin

Franziska Setare Koohestani ist freie Autorin. Sie studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und lebt in Köln. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit Popkultur und ihren Nischen, Diskriminierung und Schönheitsnormen. 2024 erschien ihr erzählendes Sachbuch „Hairy Queen – Warum Körperbehaarung politisch ist“ im Ullstein Verlag. Sie ist große Kritikerin der Beauty-Industrie, gleichzeitig (leider) große Konsumentin.

Die Glatze eines Mannes ist selten eine Entscheidung. Ich war schon erwachsen, hatte zu allem Überfluss selbst mit stressbedingtem Haarausfall zu tun, als mir das dämmerte. In all den Scheitel-, Mützen- und Kappen-Varianten, die ich bisher an Männerköpfen erblickt hatte, sah ich plötzlich mehr als Style-Vorlieben oder den Hang zu Berufsjugendlichkeit. Ich sah Versuche, zurückweichende Haaransätze und lichte Stellen zu verstecken, den Kahlschlag noch ein wenig hinauszuzögern. Ich hatte ja keine Ahnung!

Das mag daran liegen, dass männliche Körper (insbesondere weiße, cis-geschlechtliche, nicht-behinderte) tendenziell in einem geringeren Maß objektifiziert und ihre angeblichen Unzulänglichkeiten seltener abwertend besprochen werden als andere. Vielleicht daran, dass für einige die Glatze gar kein Drama, sondern ein ungünstiges Schicksal ist. Oder daran, dass Männer ihre Body Issues kaum selbst zum Thema machen.

Dichtes, volles, langes Haupthaar gilt schon seit Jahrhunderten als Schönheitsideal und steht vor allem für Weiblichkeit. Einen kahlen Kopf assoziiert man bei Frauen schnell mit Erkrankungen oder interpretiert ihn, im Fall des Buzzcuts, als bewusste Abkehr vom patriarchalen Weiblichkeitsbild. Dass nun vermehrt Männer nach Haardichte streben, lässt sich wohl mit dem heutigen Jugendwahn erklären. Haarausfall setzt in der Regel mit zunehmendem Alter ein. Und dann wäre da noch der globale Markt, der allerlei Technologien, Tabletten, Wässerchen gegen Haarausfall anbietet und gemeinsam mit dem Gefühl wächst, sich dieser bedienen zu müssen. Transplantationen gehören mittlerweile zu den beliebtesten Schönheitseingriffen bei Männern. Entsprechend hat sich längst eine eigene Tourismusbranche etabliert. Stichwort: Turkish Hairlines.

Während jedoch die einen das lichter werdende Haar als dornige Chance zur Selbstoptimierung verstehen und wie ein Christian Lindner (oder, das meiner Meinung nach sympathischere Beispiel: Jürgen Klopp) die Hairline auffüllen lassen, stilisieren die anderen die Glatze zum ultimativen Zeichen von Männlichkeit. Der US-amerikanische Wissenschaftler Albert E. Mannes kam in einer viel zitierten, wenn auch kleinen Studie zum Ergebnis, dass kahlköpfige Männer als größer, stärker, dominanter, „maskuliner“ wahrgenommen werden. Albert E. Mannes trägt selbst Glatze – zählt das schon als Bias?

Ich finde ja, statt den Glatzkopf streng an eine Geschlechtsidentität zu binden, sollte man ihn lieber radikal neu denken – als universellen Hairstyle! Anlass dazu bieten, je nach Perspektive, bereits die körperlichen Gegebenheiten. Es bekommen schließlich nicht nur Männer Haarausfall. Bei der gängigsten Form, androgenetische Alopezie (also erblich bedingtem Haarausfall), spielen zwar Androgene („männliche Hormone“) eine Rolle. Männer sind davon auch häufiger betroffen, im Laufe ihres Lebens sind es bis zu 70 Prozent. Aber auch bis zu 40 Prozent der Frauen!

Schuld am Haarausfall ist nämlich der Testosteron-Abkömmling Dihydrotestosteron, kurz: DHT. Jedenfalls auf der Kopfhaut. Am Körper, inklusive des Gesichts, wirkt DHT genau umgekehrt: Es kann für stärkeren Wuchs sorgen. Das nennt sich paradoxe Androgenwirkung und ist der Grund dafür, warum ich als stark behaarte Frau in Glatzenträgern oft Körperbehaarungsgenossen vermute. Wer Haarausfall hat, verfügt jedoch nicht automatisch über besonders viel oder wenig Testosteron. Entscheidender ist, wie sensibel die Haarfollikel darauf reagieren. Und das wiederum ist vererbbar.

Sowieso wirken „männliche Hormone“ wie Testosteron – genauso wie Östrogene, also „weibliche Hormone“ – in Körpern aller Geschlechter. Ja, zuweilen auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlicher Konzentration. Dabei sind die Geschlechtergrenzen fließender, als man glauben könnte: Das Enzym Aromatase vermag eine Art Mikro-Transition vom „männlichen“ zum „weiblichen“ Hormon, indem es extrem schnell Testosteron in das Östrogen Östradiol umwandelt.

Die Assoziation der Glatze mit Männlichkeit hat außerdem eine politische Geschichte. Sie lässt sich zum Beispiel auf Rassentheorien im späten 19. Jahrhundert zurückführen. Um die Überlegenheit weißer Europäer zu begründen, behaupteten Pseudowissenschaftler unter anderem, menschliche Haarigkeit sei auf Tierähnlichkeit zurückzuführen – ein Vorwand zur Ausbeutung und Unterdrückung. Dazu gehörte eine Art Glatzentheorie: Sklaven, Indigene und Frauen würden genauso wie Tiere aufgrund ihrer „unterentwickelten Gehirne“ keinen Haarverlust erleiden. Nicht nur diese Verknüpfung von Hirn zu Glatze ist an den nicht vorhandenen Haaren herbeigezogen. Ebenso die Annahme, dass nur weiße, europäische Männer Haarausfall bekommen können.

Niemand sollte sich für sein fehlendes Kopfhaar schämen müssen. Doch Kahlköpfigkeit als Zeichen von Männlichkeit – Dominanz und Überlegenheit – zu verklären, ist nun auch nicht die Glatzen-Positivity, die ich mir wünschen würde. Je genauer man die Vielfalt von Kopfhaarsituationen der Menschen betrachtet, desto unsinniger scheint es ohnehin, eine Frisur oder ihre Abwesenheit zwanghaft an Kategorien von Geschlecht oder Hautfarbe zu binden. Angemessener wäre es eher, sie davon zu befreien.

Wie wäre es also mit einem spielerischen Umgang? Ein Beispiel für gelebte Glatzen-Positivity wäre der Rapper Pitbull (ja, ich meine Mr. Worldwide). Lange bekam ich nichts derart beglückendes in meine Timeline gespült wie die Videos von (meist) Frauen, die sich gemeinsam für Pitbull-Konzerte mit Anzug, Pilotenbrille, Kinnbärtchen und Glatzenkappe verkleiden, um dann zu Fireball, Give Me Everything oder Hotel Room Service abzugehen. Die Verkleidung ermöglicht ihnen offenbar für einen Abend eine Flucht aus der eigenen Geschlechterkategorie, den damit verbundenen Erwartungen und Einschränkungen. Und die Glatze wird zum Symbol einer spaßorientierten Scheißegalhaltung. Pitbull selbst ist übrigens alles andere als verärgert über den Trend. Er nennt die Verkleideten liebevoll Baldies und ist der Überzeugung: „Sobald du die Glatzenkappe anziehst, weißt du, du wirst die beste Zeit deines Lebens haben!“ Bei einem Konzert im Juli stellte er sogar einen offiziellen Guinness-Weltrekord auf: für die „größte Ansammlung von Menschen mit Glatzen-Caps“.

Oder, noch radikaler: Man könnte die Kopfhaarlosigkeit von vornherein als das betrachten, was sie mühelos sein könnte: geschlechtslos. Die Pop-Ikone Grace Jones war schon in den 1970ern Pionierin der weiblichen Glatze. In ihren Memoiren schrieb Jones, sie wirke damit abstrakter, weniger an eine bestimmte ethnische Zugehörigkeit, ein Geschlecht oder eine Gruppe gebunden: „Ich war Schwarz, aber nicht Schwarz; eine Frau, aber keine Frau; Amerikanerin, aber Jamaikanerin; Afrikanerin, aber Science-Fiction.“

Die Glatze ist für alle da, bestenfalls nicht als Schamthema, sondern als androgyner, avangardistischer, alle Kategorien sprengender Look. Ja, ich weiß, auch Andrew Tate ist ein Glatzkopf. Aber man sollte ohnehin nicht vorschnell von den Köpfen auf ihre Träger schließen. Und die Glatze nicht den Bösewichten überlassen.

Text: Franziska Setare Koohestani

;

Redaktion: Sophie Aschenbrenner

;

Illustration & Digitales Storytelling: Daniela Rudolf-Lübke

Схожие новости

#Наименование новостиТональностьИнформативностьДата публикации
1Первый раз без волос: как проходит бритье перед трансплантацией07.1104-09-2026
2Botox-Beichten sind weder fortschrittlich noch feministisch019.6811-09-2026
3Пересадка волос женщинам010.3416-09-2026
4Как проходит пересадка волос. Интервью во время операции07.9216-09-2026
5Schleppen für den Feminismus017.4128-09-2026
6Комбинированный подход: как пересадка волос сочетается с плазмотерапией, медикаментозным лечением и другими методами05.5724-09-2026
7SEX FILES: Women ditching shame and embracing their body hair08.0426-09-2026
8Наращивание волос — риск для их здоровья!08.431-07-2026
9Stimmt's, dass Männer männlicher wirken, wenn sie sich die Wimpern rasieren?01015-06-2026
10„Meint ihr, es bringt was, wenn ich Markus Söder schreibe?“017.9808-09-2026

Классификация: Мнения. Схожих патентов: 0. Схожих новостей: 10. Тональность: 0. Информативность: 12.03. Источник: www.jetzt.de.