Fast 127.000 Schreiadler zogen 2026 über Israel – ein Erfolg für den Vogelschutz. Doch illegale Verfolgung bleibt eine große Bedrohung für die wandernde Art.
Im Gespräch berichtet der Direktor des israelischen Vogelschutzverbandes Birdlife Israel, Yoav Perlman, aus Anlass des Welttags der Zugvögel über die Ergebnisse der diesjährigen Zählung von Schreiadlern.
09.10.2026
5 Minuten

Seit 2006 macht der Welttag der Zugvögel auf die Bedeutung des Vogelzugs und den Schutz der Tiere aufmerksam. Der Aktionstag wird von internationalen Naturschutzorganisationen getragen und geht auf eine Initiative des Sekretariats der UN-Konvention zum Schutz wandernder Tierarten (CMS) zurück. 2026 steht er unter dem Motto „Jeder Vogel zählt, jede Beobachtung ist wichtig“. Damit soll auf die Bedeutung von Zugvogelzählungen als Grundlage für Schutzbemühungen hingewiesen werden. Wir haben mit Yoav Perlman über eine der international traditionsreichsten Vogelzählung gesprochen – die Erfassung ziehender Greifvögel über Nordisrael.

Herr Perlman, die Greifvogelzählungen über Israel stoßen weltweit auf Interesse von Vogelschützern und Wissenschaftlern, weil dort die wichtigste Verbindungsroute zwischen Europa und Afrika verläuft. In welchem Rhythmus finden die Zählungen statt?
Es ist natürlich sehr aufwendig, auf der ganzen Breite Israels den Vogelzug zu erfassen. Wir müssen uns deshalb fokussieren. Bei der seit dem vergangenen Jahr neu aufgelegten Serie von Greifvogelzählungen im Herbst konzentrieren wir uns auf zwei Arten, die besonders im Fokus von Schutzbemühungen stehen. Das sind der Kurzfangsperber und der Schreiadler. Daneben gibt es im Frühjahr Zählungen von Steppenadlern im Süden Israels bei Eilat.
Warum diese beiden Arten?
Von diesen Arten ziehen so gut wie alle Individuen, die es auf der Erde gibt, über diese Route. Das bedeutet, dass die Zählungen in Israel eine Schätzung des gesamten Weltbestands möglich machen und uns einen Hinweis darauf geben, wie es diesen Arten geht.


Wie laufen die Zählungen ab?
Um wissenschaftlich aussagekräftige Daten zu gewinnen, ist es wichtig, dass alle Zählungen nach denselben Standards und Rahmenbedingungen stattfinden. Wir zählen zwischen dem 10. September und dem 10. Oktober jeden Tag systematisch über Nordisrael, dort, wo die Vögel aus dem Libanon kommend, Israel erreichen und über die nördlichen Täler in Richtung Negev und weiter Suez ziehen. Konkret haben wir in gleichmäßigen Abständen zwischen der Küste im Westen und dem Jordantal im Osten über die ganze Breite des Zugkorridors Beobachtungsstationen, an denen erfahrene Ornithologinnen und Ornithologen den ganzen Tag über den Himmel mit Ferngläsern und Spektiven absuchen und jeden Vogel der beiden Arten zählen.
Das ist ein enormer Aufwand. In welchen Intervallen finden die Zählungen statt?
Der Aufwand ist tatsächlich logistisch und personell hoch und wir sind dankbar, dass unser deutscher BirdLife-Partner NABU uns dabei unterstützt. Wegen Aufwands haben wir uns auch entschieden, alle zehn Jahre in Intervallen von je drei aufeinanderfolgenden Herbstzählungen zu erfassen. Das ist ausreichend, um aussagekräftige Trends für die Populationen der beiden Arten ableiten zu können. Dieses Jahr ist das zweite Jahr der aktuellen Serie. Die nächste Serie startet dann sieben Jahre später.
In diesem Herbst zogen etwa 130.000 Schreiadler über Israel. Das ist das zweitbeste Ergebnis einer Zählung seit Beginn der Erfassung



Wir sprechen am Vortag des Welttags der Zugvögel, also einen Tag vor Ende der diesjährigen Zählung. Verraten Sie uns, wie viele Schreiadler bisher gezählt wurden?
Bis heute einschließlich haben wir fast 127.000 Schreiadler – genau 126.988 Vögel – gezählt. Und ein letzter Tag liegt noch vor uns. Das ist eine fantastische Nachricht für die Schreiadler und alle, die sich in vielen Ländern für ihren Schutz einsetzen. Denn schon jetzt – ohne den letzten Tag – ist es die zweithöchste Zahl seit Beginn der Zählungen in den 1980er Jahren. Nur 1983 – also vor mehr als 40 Jahren – wurden einmal mehr gezählt. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Art weiter in Schwierigkeiten ist und zahlreichen Gefahren ausgesetzt ist. Die massive Verfolgung im Libanon und an anderen Orten im Mittelmeerraum und im Nahen Osten – nicht nur für Schreiadler und Kurzfangsperber – ist sicher eine der größten davon.

Was wünschen Sie sich aus Anlass des Welttags des Vogelzugs?
Natürlich eine Fortsetzung des Kampfes gegen die illegale Greifvogelverfolgung. Für sie und für alle anderen Zugvögel ist es entscheidend, dass wir sie nur dann wirksam schützen können, wenn wir das entlang des gesamten Zugwegs und über alle Phasen ihres Lebens hinweg bewerkstelligen können. Zugvögel kennen keine Grenzen, also dürfen auch wir nicht an Grenzen haltmachen, sondern brauchen einen koordinierten Ansatz, der alle Regionen der Zugroute umfasst und die spezifischen Gefährdungen an den jeweiligen Orten angeht. Der Einsatz von Organisationen wie dem Komitee gegen den Vogelmord, gemeinsam mit den libanesischen Sicherheitsbehörden, ist ein Teil dieses, . Unsere Arbeit hier, ein weiterer. Und die Unterstützung des Nabu ist ein weiterer. Den Schutz über so eine enorme Fläche wie einen ganzen Zugweg hinweg zu gewährleisten, ist nicht einfach. Aber ich hoffe, dass es weiter gelingen wird. Die Ergebnisse unserer diesjährigen Zählung sind definitiv ein ermutigendes Signal dafür.
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