Als bei John Ebers Darmkrebs Stadium 3 diagnostiziert wird, wird zunächst kein Gentest gemacht. Der hätte gezeigt, dass es Medikamente gegen seinen Krebs gibt.
Als bei Ebers Darmkrebs im Stadium 3 diagnostiziert wird, erhält er nicht die Möglichkeit eines Gentests. Der hätte aufzeigen können, ob es Medikamente gibt, die seinen Krebs bekämpfen könnten.
Ein überwältigendes Gefühl von Müdigkeit verdarb John Ebers den Skiausflug mit seiner Familie. „Ich habe meine Frau angesehen“, erinnert er sich, „und gesagt: ‚Mann, ich muss echt wieder in Form kommen.‘“ Weniger als vier Wochen später erfuhr Ebers, ein 46-jähriger Berufsimker, dass das Problem etwas deutlich Düstereres als seine Fitness war: Ein Tumor hatte die Wand seines Dickdarms durchbrochen und auf seine Lymphknoten gestreut. Er hatte Darmkrebs im Stadium 3.
Um eine Behandlung zu erhalten, vereinbarte Ebers einen Termin bei einem örtlichen Onkologen an den Zentren für Onkologie und Hämatologie in Grand Rapids, Michigan. Ihm wurde eine Chemotherapie verschrieben, was – wie ein Vertreter der Praxis in einer E-Mail anmerkte – der Behandlungsstandard ist, obwohl sie häufig kräftezehrend ist. Für Ebers war die Chemotherapie beinahe unmöglich zu ertragen.
Was man ihm nicht gesagt hatte, war, dass es einen anderen Behandlungsweg gab, der ihm zur Verfügung stand: Einen, der damit anfing, das genetische Profil des Krebses zu sequenzieren.
Laut Christopher Lieu vom Krebszentrum der University of Colorado Anschutz hätte ein Gentest offenlegen können, ob es Medikamente gäbe, die Ebers‘ Krebs gezielt hätten bekämpfen können.
Zielgerichtete Medikamente sind besonders für Patienten wichtig, die keine Chemotherapie möchten beziehungsweise schlecht darauf reagieren oder deren Krebs schon gestreut hat.
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„Hätte Ebers Biomarker-Tests durchlaufen, hätte das neue, effektivere und potentiell weniger toxische Therapien zur Behandlung seines Krebses eröffnen können“, sagt Lieu, der als medizinisch-wissenschaftlicher Berater für die Patientenorganisation Allianz für Darmkrebs tätig ist.
Solch eine Situation kommt nur allzu häufig vor. Vielen Patienten könnte durch neue Medikamente geholfen werden, die jene Gene blockieren, die ihre Tumoren antreiben. Doch Ärzte lassen ihre Tumorzellen nicht testen oder – selbst wenn sie dies tun – verschreiben nicht die Medikamente.
„Wir befinden uns in einer Phase, in der unser Verständnis auf molekularer Ebene präzedenzlos ist“, erklärt Paul Mischel, ein Arzt und Wissenschaftler an der Stanford University. „Aber die Infrastruktur bricht gerade regelrecht zusammen.“
„Das ist ein Problem – das ist ein großes, großes Problem“, fährt er fort. „Die Leute sollten wirklich wütend sein.“
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Warum erhalten so wenige Patienten diese bahnbrechenden Behandlungen? Stolpersteine gibt es zuhauf. Möglicherweise führen Ärzte anfangs keine Biopsie durch oder aus der Biopsie werden nicht genug Zellen für eine Genanalyse gewonnen.
Möglicherweise schicken Ärzte nach Durchführung der Biopsie die Zellen nicht an ein Gentest-Labor. Und selbst wenn sie es tun, verschreiben Ärzte möglicherweise nicht das Medikament, das die Krebsmutation eines Patienten angreifen kann. Es gibt einige potenzielle Gründe dafür, darunter die Anzahl an kürzlich zugelassenen Behandlungen, die Ärzten möglicherweise noch nicht bekannt sind, und die Zeit, die es dauern kann, bis sich Protokolle in Krankenhäusern ändern.
Der Preis ist eine große Hürde. Sollten Ärzte eines der Medikamente verschreiben, handelt es sich wahrscheinlich um eine Tablette, die 10.000 Dollar im Monat oder mehr kosten kann, so David Gerber, Spezialist für Lungenkrebs am Southwestern Medical Center der University of Texas. Medicare, die US-amerikanische staatliche Krankenversorgung, hat eine jährliche Obergrenze für Zuzahlungen, aber unversicherte oder privat versicherte Patienten können von Arzneimittelrechnungen getroffen werden, die sie in den Bankrott treiben.
Gerber und seine Belegschaft versuchen, finanzielle Unterstützungsprogramme für Patienten zu finden, die sich die Medikamente nicht leisten können, erzählt er, doch ihre Mühen seien nicht immer von Erfolg gekrönt oder der Prozess ziehe sich für Patienten mit metastasiertem Krebs zu lange hin.
Die Forschung zeigt zudem, dass demografische und wirtschaftliche Faktoren eine Rolle spielen. Zu denjenigen, die am wahrscheinlichsten auf innovative Krebsbehandlungen verzichten müssen, gehören Menschen, die arm, Schwarz oder hispanisch, unversichert oder Empfänger von Medicaid sind, einem US-Gesundheitsfürsorgeprogramm zu finanziellen Unterstützung Bedürftiger.
Ärzten zufolge kann die Explosion an neuen Behandlungsformen auch zu viel sein, um auf dem Laufenden zu bleiben: Die US-Arzneimittelbehörde hat in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt eine neue Krebsbehandlung pro Woche zugelassen – ein außergewöhnliches Tempo.
Zusammengenommen können diese Unzulänglichkeiten bedeuten, dass Patienten Therapiemöglichkeiten entgehen, die ihnen ein längeres und besseres Leben ermöglichen können. Zum Beispiel wurde die Behandlung von Lungenkrebs durch gezielte Therapien verwandelt.
„Wenn man 20 Jahre in die Vergangenheit schaut, war metastasierter Lungenkrebs ein Todesurteil“, sagt Matthew Meyerson, Lungenkrebsforscher am Dana-Farber-Krebsinstitut. „Jetzt gibt es eine riesige Zahl an Patienten, die fünf Jahre, zehn Jahre, zwanzig Jahre überleben.“
Das liege daran, dass es mittlerweile Dutzende Medikamente gibt, die auf eine von 12 bis 14 Genmutationen der Krankheit abzielen, erklärt Roy Herbst, Lungenkrebsspezialist und Leiter am Dartmouth Cancer Center. Und ihre Wirkungen, fügt er hinzu, „können phänomenal sein.“
Für manche Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs, die sich Operationen unterziehen und früh mit einem zielgerichteten Medikament beginnen, sagt Herbst, wagen sich Onkologen wie er mittlerweile das Wort „Heilung“ in den Mund zu nehmen.
Doch in einer umfassenden Studie erhielten 34 Prozent der Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs nie einen Gentest ihrer Tumoren. Dasselbe galt für 60 Prozent der Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs, 50 Prozent der Männer mit metastasiertem Prostatakrebs und 49 Prozent der Patienten mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Ähnlich sehen Behandlungsrichtlinien nun bei metastasiertem Darmkrebs, der Erkrankung, an der Ebers leidet, Gentests für fünf Mutationen vor, die laut einer kürzlich erschienenen wissenschaftlichen Veröffentlichung „tiefgreifende therapeutische Konsequenzen haben“. Dennoch stellten die Autoren der Veröffentlichung fest, dass nur 51 Prozent der Patienten getestet werden.
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Ebers unterzog sich diesen Tests erst, als er sich an der Mayo Clinic eine zweite Meinung einholte. Nach den ersten acht Runden Chemotherapie und dann sowohl 28 weiteren Runden als auch Bestrahlung und einer Operation war er so abgemagert, dass er seinen Bizeps mit einer Hand umschließen konnte. Zu diesem Zeitpunkt verließ ihn auch der Mut. Er sah seine Zukunft nur noch in der Chemotherapie und glaubte, er hätte nur noch zwei Jahre zu leben.
Gentests retteten ihn. Innerhalb der ersten Minuten seines Termins an der Mayo Clinic teilte ihm sein dortiger Onkologe Hao Xie mit, dass sich ein Fleck auf seiner Lunge befinde – sein Krebs befand sich nun im Stadium 4. Und, erklärte er, „wir müssen Biomarker bestimmen.“
Sofort, als der Tumor auf Ebers‘ Lunge groß genug für eine Biopsie war, schickte Xie Ebers‘ Zellen zur genetischen Untersuchung. Sie zeigte, dass bei Ebers eine Mutation vorlag, die bei nur zwei bis vier Prozent der Darmkrebserkrankungen auftritt, die aber mit einer zielgerichteten Behandlung anstelle einer Chemotherapie bekämpft werden kann.
Auf die Frage, warum Ebers‘ Ärzte an den Zentren für Onkologie und Hämatologie nicht nach genetischen Biomarkern gesucht hatten, erklärte ein Vertreter der Praxis, dass Gentests für Darmkrebs-Patienten „zum Zeitpunkt der Metastasierungsdiagnose“ und „nicht bei der Erstdiagnose oder im Frühstadium der Erkrankung“ empfohlen werden.
Ebers ist nicht geheilt. Aber einige seiner Tumoren wachsen nicht mehr weiter, andere wachsen nur noch langsam. Er trainiert im Fitnessstudio, fühlt sich gut. Und sollten seine Tumoren gegen seine derzeitige Behandlung resistent werden, steht laut Xie eine weitere zielgerichtete Behandlung in den Startlöchern. Das Ende der zwei Jahre, die Ebers verbleiben sollten, nähert sich rasch. Aber er hat keine Angst. Ebers sagt: „Ich setze auf mich.“
Dieser Artikel erschien ursprünglich in der „New York Times“ © 2026 The New York Times Company. Dieser Artikel wurde übersetzt von Gilles Bargon.