Eine Mutter aus Bissendorf hat früh gemerkt, dass ihr Sohn anders ist. Es folgt die Diagnose ADHS.
Ihr Sohn ist kreativ und selbstbestimmt, aber auch manchmal aggressiv und kaum zu bändigen. Heute weiß die Familie aus Bissendorf in Niedersachsen, der Junge hat ADHS.
Wie äußert es sich im Alltag, dass Ihr Sohn* ADHS hat?
Mutter: Wenn er morgens aufwacht, ist der Knopf an und erst abends im Bett wieder aus. Dazwischen gibt’s fast nichts. Morgens rennt er singend und schreiend durch die Gegend. Eigentlich ist es schön, er ist in der Regel gut zufrieden. Aber auch extrem laut.
Und er macht immer auf sich aufmerksam: Wenn sich zwei Erwachsene unterhalten, grätscht er irgendwann dazwischen. Er hat leider eine Variante mit einer emotionalen Störung und kann sehr aggressiv werden.
Wann haben Sie das erste Mal gemerkt, dass Ihr Sohn sich anders verhält als andere Kinder?
Mutter: Als er noch gerobbt ist und wir die Haustür offen hatten – schwupp, war er weg. Er hat auch zerstört, was andere gebaut und gebastelt haben. Schon bevor er zwei Jahre alt war, hat mein Mann behauptet: „Der hat ADHS.“ Da haben alle, ich eingeschlossen, gesagt: „Ach Quatsch, das ist normal. Der eine ist lebhafter und der andere ruhiger.“
Und wann wurde es Ihnen richtig klar?
Mutter: Als er viereinhalb war und es im Kindergarten nicht mehr ging. Er ist sehr selbstbestimmt: Er nimmt sich, was er braucht, geht, wohin er möchte. Er war kaum zu bändigen, irgendwann hat er Stühle durch das Kindergartenzimmer geworfen.
Heute weiß ich: Das war eine Gruppe mit 25 Kindern in einem Zimmer, die alle bauen, basteln, schreien und lachen. Diese Geräuschkulisse muss für einen ADHSler furchtbar sein.
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Wie sind Sie damit umgegangen?
Mutter: Wir haben für ihn einen anderen Kindergarten mit kleineren Gruppen gefunden. Aber nach sechs Wochen wurde ihm gekündigt, weil er sich nicht integriert hat.
Dann war mein Sohn ein paar Monate zu Hause. Ich habe meine Arbeit gekündigt, um ihn zu betreuen. Nach einiger Zeit haben wir einen Integrationsstatus und einen integrativen Kindergartenplatz bekommen. Dort ist eine Betreuerin für vier Integrationskinder zuständig. Trotzdem war es für ihn zu laut und zu groß.
Mittlerweile ist Ihr Sohn acht Jahre alt und in der zweiten Klasse einer Förderschule. Wie verhält er sich dort?
Mutter: Bei viel Tohuwabohu mischt er vorne mit. Wenn man meinen Sohn dann begrenzt, schlägt er um sich, zieht an den Haaren oder benutzt fürchterliche Schimpfwörter. Diesen Tunnelblick mussten wir den Lehrern erst mal erklären. Es ist ein bisschen so, als ob man in ein Wildtiergehege geht: Wenn der Wolf Hunger hat, gehe ich nicht zu nah ran.
Nimmt Ihr Sohn Medikamente?
Mutter: Ja, die klassischen ADHS-Medikamente hat er mit sechs Jahren bekommen, um sich konzentrieren zu können. Das reicht aber nicht für die impulsiven Ausbrüche, auch eine Schulbegleitung genügte nicht. Selbst auf der Förderschule sollte er auf zwei Stunden pro Tag heruntergestuft werden, weil er nicht tragbar war.
Jetzt bekommt er ein Zusatzmedikament, das funktioniert. Aber wir möchten natürlich nicht, dass er es die nächsten zehn Jahre nehmen muss. Deshalb wollen wir Diagnostik und Therapiemöglichkeiten nutzen und hoffen auf mehr Verstand, wenn das Kind älter wird.
Haben Sie noch andere Techniken entwickelt, die funktionieren?
Mutter: Ja, klar. Laufen lassen. Dann kommt er nach fünf Minuten wieder, und man kann sagen: „Jetzt setz dich mal hin und sag, wie war das jetzt?“ Und atmen.
Sie selbst oder er?
Mutter: Beide (lacht). Als Mutter kann ich ihn auch umarmen und mit ihm atmen. Dann merke ich, wie die Spannung nachlässt. Und er muss häufig das Gefühl haben, dass er selbst wählt.
Und wie geht es Ihrem Sohn damit?
Mutter: Ich bin mir sicher, dass er das oft als problematisch empfindet. Er wird viel ausgeschlossen und tut sich schwer mit Freundschaften. Es ist ein Kreislauf: Er merkt, dass er nicht mithalten kann, anders spielt, sich andere Kinder abkehren. Und wendet sich auch ab. Dann fragt er schon: „Warum habe ich ADHS?“
Was kann Ihr Sohn besonders gut?
Mutter: Dieses Aufmerksame. Ich finde es total verrückt, was er alles sieht. Er ist mega kreativ. Er hat so viel Lego, baut aus seiner Fantasie heraus Fahrzeuge oder Festungen. Wenn ein Set fertig ist, dann steht das einen halben Tag, und danach wird daraus was anderes gebaut. Und er ist ganz viel draußen, entdeckt Dinge und baut Höhlen.
Welche Tipps würden Sie anderen Eltern geben?
Mutter: Probleme auf jeden Fall früh ernst nehmen und sich nicht auf das Kindergartenpersonal verlassen. Uns haben alle gesagt: „Ach, das ist kein ADHS, das kenne ich anders“, weil unser Sohn nicht der „Ich kletter in Nullkommanix auf’n Zaun“-Typ ist.
Oft fällt es erst in der Grundschule auf. Dabei ist es wichtig, dass Kindern frühzeitig geholfen wird, bevor sie nicht mehr dazu bereit sind. Man braucht mindestens ein halbes Jahr, um Termine bei Ärzten und Therapeuten zu bekommen. Landkreisanträge wegen anderer Schule, Fördermöglichkeiten, Schulbegleiter: Alles dauert wahnsinnig lange. Allen Eltern, die betroffen sind, wünsche ich viel Kraft und dass sie das Gute in dem Kind sehen.
Und was wünschen Sie sich für Ihren Sohn?
Mutter: Dass er mal richtig tolle Freunde findet, die ihn so nehmen, wie er ist. Und dass er lernt, mit seinen Gefühlen umzugehen. Ich glaube, dann ist das etwas Wundervolles. Es ist mir wichtig, dass es wirklich tolle und normale Menschen sind, die ein bisschen anders gestrickt sind und es dadurch in unserer Gesellschaft schwer haben.
Sobald ein Kind nicht ganz normal ist, wird es nicht zum Kindergeburtstag eingeladen, sondern überall ausgeschlossen. Meistens von den Eltern. Es ist schade, dass so wenig darüber bekannt ist und keine Rücksicht genommen wird.
*Hinweis: Um den Jungen zu schützen, werden in diesem Interview keine Namen genannt.
Eine emotionale Störung ist laut Kati Roesmann eine psychische Auffälligkeit, bei der die Regulation von Gefühlen deutlich beeinträchtigt ist. Sie ist Professorin für klinische Psychologie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter an der Universität Osnabrück. Eine emotionale Störung kann zum Beispiel bei psychischen Störungen wie Trennungsangst oder oppositionellem Trotzverhalten auftreten. Aggressionen können ein Teil davon sein. Aber: „Nicht jedes Kind mit einem Wutausbruch erfüllt die Kriterien für eine emotionale Störung.“
Aggressionen seien bei ADHS kein Kernsymptom. Aber Kinder und Jugendliche mit ADHS haben deutlich häufiger psychische Störungen als ihre Altersgenossen ohne ADHS, sagt Roesmann. Sie verweist dazu auf eine Metaanalyse von Urður Njardvik von über hundert Studien. „Deshalb ist es wichtig, genau hinzugucken und in der Diagnostik andere Störungen abzuklären“, sagt Roesmann. Belastende Erfahrungen im Alltag, wie Misserfolg in der Schule oder mit anderen, können Probleme wie Ängste, geringen Selbstwert oder Traurigkeit verstärken. „Eine frühe Intervention ist deshalb hilfreich“, sagt Roesmann.
Von Laura Nowak
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