Antibiotikaresistente Keime töten weltweit mehr als eine Million Menschen pro Jahr. Jetzt haben deutsche Forscher erstmals konkrete Empfehlungen für eine Therapie mit Bakteriophagen veröffentlicht. Um Patienten zu retten, für die es bislang keine Behandlung gab.
Antibiotikaresistente Keime töten weltweit mehr als eine Million Menschen pro Jahr. Jetzt haben deutsche Forscher erstmals konkrete Empfehlungen für eine Therapie mit Bakteriophagen veröffentlicht. Um Patienten zu retten, für die es bislang keine Behandlung gab.
„Ein Patient mit Brandwunden, dem wirklich Haut transplantiert werden konnte, weil die Bakterien weg waren. Oder ein kleiner Junge, der mir gesagt hat, dass er endlich wieder Sport machen kann.“ Als Silvia Würstle von den Erfolgen mit der Phagentherapie erzählt, sieht man ihr Erleichterung an.
Denn bis das möglich war, war es ein langer Kampf. Sieben Jahre ist es her, dass die Infektiologin zum ersten Mal bei deutschen Behörden anfragte, ob man sogenannte Bakteriophagen hierzulande sicher und legal einsetzen darf. An der Yale University hatte sie erlebt, wie die Viren gezielt krankmachende Bakterien zerstören und so Menschen halfen, für die kein Antibiotikum mehr wirkte. Würstle wollte die Phagentherapie geregelt nach Deutschland bringen. Doch was anderswo möglich war, scheiterte hier jahrelang an fehlenden Standards und regulatorischen Hürden.
Jetzt hat sie es geschafft. Würstle, die das Phagenlabor am Universitätsklinikum Frankfurt leitet, ist führende Autorin einer Leitlinie, an der unter anderem 20 Fachgesellschaften und 18 internationale Experten dreieinhalb Jahre gearbeitet haben. Die Ergebnisse sind nun auch im Fachjournal „Nature Medicine“ erschienen — als weltweit erste konsensbasierte Empfehlung zur personalisierten Phagentherapie. Im Februar 2026 hat Würstles Team auf dieser Grundlage begonnen, Patienten mit Phagen zu behandeln. Unter anderem gegen den Krankenhauskeim Staphylococcus aureus (in seiner resistenten Form als MRSA bekannt) und den bei Lungenentzündungen gefürchteten Pseudomonas aeruginosa.
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Zehn Patienten wurden seitdem erfolgreich behandelt. „Das ist wirklich das allererste Mal, dass so ein Weg möglich ist“, sagt Würstle.
Bakteriophagen – kurz Phagen – sind Viren, die hochspezifisch Bakterien infizieren und abtöten können. Sie kommen überall vor: im Boden, im Wasser und auch im menschlichen Körper. Jeder Mensch trägt mehr Phagen in sich als Bakterien, sie sind die häufigsten biologischen Gebilde auf der Erde. Bereits 1919 setzte der Forscher Félix d’Hérelle sie gegen bakterielle Infektionen ein. Mit dem Siegeszug der Antibiotika geriet die Phagentherapie in den meisten westlichen Ländern jedoch weitgehend in Vergessenheit – in Ländern wie Georgien oder Belgien ist sie bereits stärker etabliert.
Erst als immer mehr Bakterien gegen Antibiotika resistent wurden, kehrte das Interesse an der Phagentherapie zurück. Obwohl klare Regularien fehlten, konnten Mediziner in den USA und in Belgien Phagen bereits seit Jahren einsetzen – im Rahmen von Einzelfallgenehmigungen und sogenannten Magistralrezepturen: individuell in einer Apotheke hergestellte Medikamente, für die keine aufwendige Arzneimittelzulassung nötig ist. In Deutschland war das deutlich schwieriger. Zwar dürfen Krankenhausapotheken solche Rezepturen grundsätzlich auch herstellen. Doch jeder einzelne Phagenstamm gilt rechtlich als eigenständiger Wirkstoff. Braucht ein Patient einen anderen Phagen, entsteht aus Sicht der Behörden ein komplett neues Medikament – mit neuen Anforderungen an Dokumentation und Prüfung. In Belgien hatte man dafür früh einen eigenen Rechtsrahmen geschaffen. In Deutschland fehlte er.
„Wir haben festgestellt, dass es einige Lücken im Verständnis der Phagenbiologie gibt und auch viele Fragezeichen, was die Regulatorik betrifft – in Deutschland, aber auch in der EU“, sagt Würstle. Die industrielle Herstellung nach dem üblichen Arzneimittelstandard sei zudem extrem teuer, dauere Monate und sei für eine personalisierte Therapie kaum praktikabel. „Die meisten der anfragenden Patientinnen und Patienten bei uns sind damit nicht zu versorgen.“ Genau diese Lücken soll die neue Leitlinie nun schließen.
Der Handlungsdruck dahinter ist enorm. In Deutschland treten jährlich schätzungsweise über 50.000 Infektionen mit multiresistenten Erregern auf. „Wenn die ein Problem mit diesen Erregern haben, dann sind sie in der Regel schwer krank“, sagt Jan Rupp, Direktor der Klinik für Infektiologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, der nicht an der Leitlinie beteiligt war. Die Ärzte probierten dann ein Antibiotikum nach dem anderen, „die dann irgendwann das Ende erreichen.“ Erst vor wenigen Tagen habe sich in seiner Klinik wieder genau so ein Fall ereignet: „Wenn jetzt dieser Keim in die Blutbahn gelangen würde, gehen wir davon aus, dass wir diesem Patienten wahrscheinlich nichts Neues mehr anbieten könnten“, berichtet der Mediziner.
Weltweit waren laut einer Studie des Forschungskonsortiums Global Burden of Disease im Jahr 2021 bis zu 7,1 Millionen Todesfälle mit Antibiotikaresistenzen verbunden. Ohne Gegenmaßnahmen könnten sich die direkt durch resistente Keime verursachten Todesfälle bis 2050 auf fast zwei Millionen pro Jahr ansteigen. Und neue Antibiotika? „Bevor die überhaupt auf dem Markt sind, sind meistens die ersten Resistenzen beschrieben“, sagt Rupp.
Der entscheidende Vorteil: Phagen funktionieren nach einem völlig anderen Prinzip als Antibiotika. „Die Bakterien, die Resistenzen gegen Antibiotika ausgebildet haben, sind gegenüber Phagen oftmals noch sensibel“, erklärt Annika Yanina Claßen, Leiterin der Arbeitsgruppe Bakteriophagen an der Uniklinik Köln und ebenfalls leitende Autorin der Leitlinie. Und während ein Breitband-Antibiotikum die gesamte Bakterienflora trifft, etwa auch nützliche Darmbakterien, greifen Phagen nur ihren Zielkeim an.
Doch genau diese Präzision ist zugleich die größte Herausforderung: Für jeden Patienten muss der passende Phage erst gefunden werden – ein sogenannter Phagen-Match. Dabei wird das Bakterium des Patienten im Labor mit verschiedenen Phagen zusammengebracht, um zu prüfen, welcher am besten wirkt. „Das Schnellste, was wir geschafft haben, waren zwei Wochen“, berichtet Würstle. Das individuelle Medikament wird dann in einer Apotheke hergestellt und kann zum Beispiel als Infusion oder Nasenspray verabreicht werden. Ähnlich wie bei Krebstherapien, berät ein Team aus vielen Fachrichtungen über die Behandlung, ein sogenanntes „Phagen-Board“. „Nicht ein Arzt alleine trifft Entscheidungen“, betont Claßen.
Die Leitlinie regelt erstmals im Detail, wie Phagen hergestellt, geprüft und eingesetzt werden dürfen. Allein die Sicherheitsanforderungen umfassen eine 25-seitige Tabelle – so detailliert war die Phagentherapie bislang nirgendwo auf der Welt beschrieben.
Doch sie enthält keine konkreten Therapieempfehlungen für einzelne Erkrankungen. „Wir können nicht sagen: Wenn Ihr Patient eine Pneumonie (Lungenentzündung, Anm. d. Red.) hat, dann nehmen Sie die Dosierung an Phagen und geben das soundso lange, und dann wird es helfen. Diese Daten gibt es nicht“, räumt Annika Yanina Claßen ein, Leiterin der Arbeitsgruppe Bakteriophagen an der Uniklinik Köln und leitende Autorin der Leitlinie. Die Evidenz müsse erst noch geschaffen werden. Deshalb empfiehlt die Leitlinie unter anderem, dass jeder Fall in einem zentralen Register dokumentiert wird – denn bisher wurden vor allem die Fälle veröffentlicht, die gut liefen – eine Verzerrung, die die Forscherinnen durchbrechen wollen.
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Die Forscherinnen betonen: „Phagen sind keine Wunderwaffe. Wenn Ihnen jemand erzählt, dass ein Medikament zu 99 Prozent wirkt, werden Sie skeptisch. Das glauben wir nicht“, sagt Würstle. In einer belgischen Fallstudie mit 100 Patienten kam es bei rund 77 Prozent zu einer klinischen Verbesserung – „manchmal wirkt es eben nicht.“ Auch Bakterien können gegen Phagen resistent werden, wobei es laut Claßen Strategien gibt, dem zuvorzukommen – „zum Beispiel, indem man nicht nur einen Phagen gibt, sondern zwei gleichzeitig oder hintereinander.“
Es gebe auch Berichte, wonach Bakterien nach einer Phagenresistenz wieder empfindlicher auf Antibiotika reagierten. Doch Claßen schränkt ein: „Es gibt natürlich auch aus unseren eigenen Laboren Beobachtungen, dass das nicht immer der Fall ist.“ Die Therapie kann auch Nebenwirkungen verursachen, etwa Fieber und Entzündungsreaktionen.
Dennoch stellt eine Phagentherapie für einige Patienten die letzte Hoffnung dar. Einige seien so verzweifelt, dass sie nicht kontrollierte Phagenpräparate im Internet bestellen. „Da sind teilweise bakterielle Reste drin, die dem Patienten wirklich schaden können“, warnt Würstle. Von dubiosen Angeboten im Netz rät sie dringend ab.
Ob sich die Therapie mithilfe der neuen Leitlinie irgendwann in breitem Maßstab einlösen lässt, hängt davon ab, wie schnell die nötige Evidenz entsteht – und ob Regulierung und Finanzierung Schritt halten. 14 Patientenanfragen erreiche das Frankfurter Zentrum aber jetzt schon täglich. Würstle hofft darauf ihre Arbeit weiterführen zu dürfen und vermeintlich hoffnungslosen Fällen zu helfen. „Ich hoffe, dass wir das bei ganz vielen anderen Patienten auch ermöglichen können, dass sie die Chance darauf haben.“
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