Wir optimieren Training, Schlaf und Ernährung. Dabei unterschätzen wir eine Fähigkeit, die unser Wohlbefinden beeinflussen kann: das Staunen.
Wir optimieren Training, Schlaf und Ernährung. Dabei unterschätzen wir eine Fähigkeit, die unser Wohlbefinden beeinflussen kann: das Staunen.
Der Moment, der alles verändert, ist oft kein Rekord, keine Medaille und kein perfektes Training. Es ist der Augenblick, in dem wir für einen Moment einfach nur staunen.
Als Sportler habe ich viele Jahre geglaubt, Fortschritt ließe sich vor allem messen. Watt, Herzfrequenz, Kilometer, Gewichte, Zeiten. Zahlen geben Orientierung – und ich arbeite bis heute gerne mit ihnen. Trotzdem fällt mir rückblickend etwas auf: Die Momente, die mir am stärksten in Erinnerung geblieben sind, tauchen auf keiner Trainingsplattform auf.
Nicht meine schnellste Radtour. Nicht mein härtestes Krafttraining. Der schönste Moment meiner Tour war keiner auf der Uhr.
Dr. Michèl Gleich ist promovierter Bildungs- und Sportwissenschaftler sowie ehemaliger Leistungssportler. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Diese Augenblicke hatten etwas gemeinsam: Sie haben mich staunen lassen.
Und genau dieses Staunen beschäftigt inzwischen nicht nur Philosophen, sondern auch die Wissenschaft.
Im Englischen gibt es dafür ein wunderbares Wort: Awe. Es beschreibt das Gefühl, das entsteht, wenn wir etwas erleben, das größer ist als wir selbst:
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Lange hielt man Staunen vor allem für eine poetische Emotion. Heute zeigen psychologische Studien, dass solche Erfahrungen unser Wohlbefinden auf überraschend vielen Ebenen beeinflussen können. Eine viel zitierte Übersichtsarbeit aus den Niederlanden beschreibt mehrere Mechanismen, über die Staunen wirken kann:
Wir leben in einer Zeit, in der fast alles dokumentiert wird. Der Gipfel wird fotografiert, der Lauf hochgeladen, der Sonnenuntergang gefilmt.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir dadurch etwas verlieren: den Moment, in dem wir einfach nur da sind. Denn Staunen verlangt keine Leistung. Es verlangt Aufmerksamkeit. Vielleicht sehnen sich viele Menschen nach Natur, weil sie unseren Blick wieder weiten kann.
Während meines Aufenthalts in Südtirol gab es einen Morgen, an dem ich eigentlich trainieren wollte. Stattdessen blieb ich stehen.
Vor mir lagen die Dolomiten. Kein Handy. Kein Gespräch. Nur dieses Licht, das langsam über die Felsen wanderte. Ich weiß noch, dass ich damals dachte: Dafür lohnt es sich, früh aufzustehen.
Interessanterweise zeigen aktuelle Untersuchungen, dass Naturerlebnisse ihr positives Potenzial vor allem dann entfalten, wenn sie tatsächlich Staunen auslösen. Nicht allein die Zeit draußen scheint entscheidend zu sein, sondern die emotionale Erfahrung, die daraus entsteht.
Gesundheit wird häufig auf Blutwerte, Körperfett oder Fitness reduziert. All das ist wichtig. Aber Gesundheit besteht auch aus Sinn, Verbundenheit und der Fähigkeit, sich von etwas berühren zu lassen. Eine 2025 veröffentlichte Studie zeigte sogar, dass gezielte Staunen-Interventionen depressive Symptome und wahrgenommenen Stress reduzieren konnten.
Staunen ersetzt natürlich keine Therapie. Aber vielleicht erinnert es uns daran, dass Wohlbefinden manchmal dort beginnt, wo wir aufhören, alles kontrollieren zu wollen.
Je älter ich werde, desto weniger glaube ich, dass ein erfülltes Leben aus immer mehr besonderen Momenten besteht. Ich glaube vielmehr, dass wir lernen müssen, gewöhnliche Momente wieder als besonders zu erkennen. Vielleicht ist genau das die eigentliche Kraft des Staunens.