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Epilepsie-Experte zu Musiala: Wenn Gefahr der Absence bleibt, ist er nicht mehr spielfähig

Дата публикации: 20-08-2026 16:04:00

Hinter Jamal Musialas Zusammenbrüchen steckt ein neurologisches Problem. Ein Neurologe spricht sich für einen offenen Umgang damit aus.

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Zunächst war von einem Hitzschlag die Rede, nun ist klar: Hinter Jamal Musialas Zusammenbrüchen steckt ein neurologisches Problem. Ein Neurologe sieht die Gefahr, dass er „nicht spielfähig“ bleibt.

„Wir wussten und wissen Bescheid“, sagte Max Eberl, Sportboss des FC Bayern, am Dienstagabend über den Gesundheitszustand seines Top-Spielers. Der 23-Jährige Jamal Musiala war beim Testspiel gegen Heidenheim bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage auf dem Platz zusammengebrochen.

Wie Musiala mitteilte, seien „temporär kurz auftretende, aber gut behandelbare Absencen festgestellt worden“ – kleine epileptische Anfälle. Um welche Form der Epilepsie es sich genau handelt – sollte es überhaupt eine sein – ist unklar. Hinter den Anfällen würden „neurologische Dysfunktionen“ stecken. Da steht die Frage im Raum, was das für seine sportliche Zukunft heißt. Sollte sich die Anfallsfrequenz nicht senken oder bestenfalls stoppen lassen, könne es für den jungen Spieler schwierig werden, bilanziert Neurologe Heinz Wiendl im Gespräch mit FOCUS online:

„Wenn immer die Gefahr besteht, dass er beim nächsten Spiel einfach zusammenbricht, also eine Absence hat, dann ist er nicht mehr spiel- oder berufsfähig.“

Denn zwei Anfälle innerhalb weniger Tage wie bei Musiala seien eine „relativ hohe Anfallsfrequenz“, ordnet der Ärztliche Direktor der Klinik für Neurologie und Neurophysiologie am Uniklinikum Freiburg ein. Vielleicht habe er noch weitere Anfälle dazwischen gehabt, „es wird ja sicherlich auch schon außerhalb des Fußballplatzes aufgetreten sein“, mutmaßt der Freiburger Mediziner. Dennoch sieht der Neurologe gute Chancen, dass die Erkrankung medizinisch in den Griff zu bekommen ist.

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Erst problematisch, wenn sich die Krankheit nicht kontrollieren lässt

Wiendl erinnert dabei an den prominenten Fall des dänischen Fußballers Christian Eriksen, der 2021 während einer EM-Partie einen Herzstillstand erlitt. Heute spielt er wieder: „Durch den Herzschrittmacher lässt sich eigentlich ausschließen, dass er erneut einen Herzstillstand auf dem Fußballfeld hat. Hundertprozentig kann man das bei Anfallserkrankungen aber leider nicht kontrollieren.“

Lassen sich die Anfälle nicht stoppen, könnten die Absencen also dennoch problematisch werden. Vor allem, weil sie meist ohne jegliche Vorwarnung kommen. „Das ist die Definition, dass es nicht wirklich provoziert ist. Es ist nicht so, dass bei so einem Bundesligaspiel besonders hoher Druck herrscht, sondern es ist einfach Zufall, dass es dann genau in den 90 Minuten passiert.“ Theoretisch könnten die Anfälle in den ungünstigsten Zeitpunkten kommen.

Neurologe: Anfälle können stark verunsichern

„Solche Anfälle sind natürlich auch für das Umfeld extrem beängstigend“, erklärt Neurologe Wiendl. Zwar waren die Teamkollegen im aktuellen Fall wohl informiert, aber viele Fans hatten sich große Sorgen um das Talent gemacht, als er plötzlich aus dem Stehen auf den Boden sackte. „Es könnte ja alles mögliche sein, wenn ein Mensch plötzlich zusammenbricht, ein Herzinfarkt oder Hirninfarkt zum Beispiel“, sagt der Ärztliche Direktor der Klinik für Neurologie und Neurophysiologie am Uniklinikum Freiburg. „Ich glaube, da muss man früh die Flucht nach vorne antreten und das erklären“, sagt Wiendl zu FOCUS online.

Aus ärztlicher Sicht spreche ohnehin Vieles für einen offenen Umgang mit solchen Diagnosen. Egal ob in der Fußgängerzone oder auf dem Platz, wüssten die wenigsten mit so einer Anfallssituation umzugehen. Diese Unsicherheit bestätigt auch eine Studie des Epilepsiezentrums Bethel und mehrerer deutscher Uni-Kliniken aus 2023: Fast ein Drittel aller Befragten gab an, sich im Kontakt mit Epilepsiebetroffenen unsicher zu fühlen, knapp 60 Prozent hatte Angst, dass sich betroffene Personen bei einem Anfall verletzen könnten.

Chance, auf Anfallsleiden aufmerksam zu machen

Der Neurologe sieht in der aktuellen Situation daher die Chance, Bewusstsein für solche Krankheiten zu schaffen und Stigmata abzubauen. Profisport und chronische Erkrankungen würden sich nicht ausschließen, das sei ein wichtiges Signal an Betroffene.

Auch der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Peter Berlit, sieht es positiv, wenn Prominente wie Musiala öffentlich über ihre Erkrankung sprechen. „Das kann anderen Betroffenen Mut machen und zugleich die öffentliche Aufmerksamkeit für Epilepsien erhöhen – und dazu beitragen, Forschung und Versorgung auf diesem Gebiet weiter zu stärken.“

Jamal Musiala vom FC Bayern liegt auf dem Rasen und wird von Mit- und Gegenspielern umringt.

Musiala liegt beim Testspiel gegen Leipzig auf dem Rasen und wird von Mit- und Gegenspielern umringt. Karl-Josef Hildenbrand/dpa
„Damit gehört er eigentlich nicht auf den Fußballplatz“

Als nicht ganz so schockierend für die Zuschauer bewertet David Schulz, Vorstand der Stiftung Sicherheit im Sport, die Situation. „Wer ins Stadion geht, um beim Profisport zuzuschauen, rechnet mit Unfällen“, sagt der Sportwissenschaftler. Verletzungen gebe es häufig und auch Kreislaufprobleme kommen immer wieder vor. Er findet auch nicht, dass Profisportler private Diagnosen automatisch mit der Öffentlichkeit teilen müssen: „Es ist sein gutes Recht, dass nicht jeder über seinen Gesundheitszustand informiert wird“, sagt Schulz.

Viel kritischer bewertet er die Entscheidung des Vereins, Musiala spielen zu lassen. Üblich sei es in solchen Fällen, eine Risikoabschätzung vorzunehmen. Bewertet wird:

  • Eintrittswahrscheinlichkeit – wie hoch ist die Chance, dass ein Ereignis eintritt?
  • Gefährdungspotenzial – was kann im schlimmsten Fall passieren?

„Man bewegt sich zwischen zwei Extrempolen“, erklärt Schulz – zwischen Ereignissen, die sehr selten auftreten und eher ungefährlich sind, sowie Ereignissen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten und tödlich sind. „Wir müssen hier ehrlich darüber sprechen, wo wir auf der Matrix stehen, wenn ein Spieler unkontrollierte Anfälle hat. Musiala ist Angreifer – was, wenn er zum Beispiel bei voller Geschwindigkeit vor den Pfosten prallt, weil er den Ball köpfen wollte?“

Solange so eine Erkrankung nicht kontrolliert ist, birgt sie ein sehr großes Verletzungsrisiko, nicht nur für den Spieler selbst. „Damit gehört er eigentlich nicht auf den Fußballplatz. Auch nicht, wenn er Profi ist, wenn er unbedingt will und um seinen Stammplatz kämpft oder wenn der Verein ihn braucht.“

Gut möglich, dass die Sorge davor auch die späte öffentliche Kommunikation der Bayern bedingt hat – so überlegt zumindest Wiendl. Gerade im Profisport, wo körperliche Belastbarkeit als höchstes Gut gilt, droht eine solche Diagnose schnell als vermeintliche Schwäche ausgelegt zu werden. Der noch junge Bayern-Star Musiala hatte sich außerdem erst Anfang des Jahres von einem langwierigen Unterschenkelbruch erholt und sucht seine frühere Topform. Seitdem gilt er sowieso oft als „nicht ganz fit“.

„Wenn er gut eingestellt ist, ist er berufsfähig“

Das sieht Schulz ebenso: „Fußball ist ein echt hartes Geschäft. Wenn du eine Schwäche hast, körperlich oder psychisch, wird die gnadenlos ausgenutzt“.

Zumindest was epileptische Anfälle angeht, sei die Sorge in vielen Fällen unbegründet, sagt Wiendl: „Es gibt viele Epileptiker, die einfach normal ihrem Beruf nachgehen – sie dürfen allerdings nicht Auto fahren, es sei denn, die Anfälle sind garantiert über eine gewisse Zeit kontrolliert.“ Die Erkrankung lasse sich medikamentös behandeln, oft sogar so weit, dass Betroffene komplett anfallsfrei werden. Auch für Musialas Karriere sei eine Diagnose also nicht zwangsläufig das Aus: „Wenn er gut eingestellt ist, ist er berufsfähig.“

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