BERLIN. Ganztag, Startchancen, Digitalpakt: Die großen Bildungsprogramme sollen Schulen verändern und Kindern bessere Lernchancen eröffnen. Doch die Schulleitungen sehen erhebliche Probleme bei der Umsetzung. Die Cornelsen-Schulleitungsstudie 2026 zeigt eine breite Zustimmung zu Förderzielen – offenbart aber zugleich Zweifel daran, ob diese unter den gegebenen Bedingungen erreicht werden können. Fehlende Räume und Fachkräfte, aufwendige Genehmigungen und […]
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BERLIN. Ganztag, Startchancen, Digitalpakt: Die großen Bildungsprogramme sollen Schulen verändern und Kindern bessere Lernchancen eröffnen. Doch die Schulleitungen sehen erhebliche Probleme bei der Umsetzung. Die Cornelsen-Schulleitungsstudie 2026 zeigt eine breite Zustimmung zu Förderzielen – offenbart aber zugleich Zweifel daran, ob diese unter den gegebenen Bedingungen erreicht werden können. Fehlende Räume und Fachkräfte, aufwendige Genehmigungen und zusätzliche Nachweispflichten erschweren die Arbeit. Hinzu kommt eine grundsätzliche Kritik: Reformen werden häufig über die Köpfe derjenigen hinweg gestaltet, die sie im Schulalltag verwirklichen sollen. Ihre Forderung an die Politik: „Redet doch mit uns.“
Mit Gruß von oben. Karikatur: News4teachersDie Zustimmung zum Startchancen-Programm ist groß: 93 Prozent der befragten Schulleitungen allgemeinbildender Programmschulen halten es für ihre Schule grundsätzlich für sinnvoll. Deutlich geringer ist das Vertrauen darauf, dass es sein zentrales Ziel tatsächlich erreicht. Nur gut ein Drittel erwartet, dass der Anteil der Schülerinnen und Schüler unter den Mindeststandards in Deutsch und Mathematik an der eigenen Schule bis 2034 zumindest weitgehend halbiert werden kann.
Auch beim Ganztagsrechtsanspruch und beim Digitalpakt 2.0 zeigt sich: Politische Ziele und Fördermittel allein reichen nicht, um Schulen zu verbessern. Entscheidend ist, ob vor Ort Räume, Fachkräfte und Zeit zur Verfügung stehen – und ob die Verfahren die pädagogische Arbeit unterstützen oder zusätzlich erschweren. Das geht aus den Antworten der Schulleitungen in der Cornelsen-Schulleitungsstudie 2026 hervor, für die vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) insgesamt 2.066 Schulleitungen befragt worden waren.
Als gemeinsame Problembeschreibung formuliert der Bericht: Die Vorhaben träfen zusätzlich auf ein bereits ausgelastetes System und würden häufig „über die Köpfe der Umsetzenden hinweg entschieden“.
Der Bildungs- und Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann beschreibt im Geleitwort der Studie die Tragweite der drei Vorhaben: „Sie setzen an drei zentralen Herausforderungen an: mehr Zeit für Bildung und Förderung, mehr Chancengerechtigkeit und eine zeitgemäße digitale Infrastruktur.“ Zugleich warnt er vor der Vorstellung, politische Beschlüsse würden bereits Veränderungen im Schulalltag bewirken: „Politische Programme verändern noch keine Schule. Sie müssen vor Ort mit Leben gefüllt werden, und dabei treffen große Erwartungen auf eine vielerorts angespannte Realität.“
Ganztag: Betreuung lässt sich schnell organisieren – aber auch bessere Bildung?Beim Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung unterscheiden sich die Ausgangslagen erheblich. Manche Schulen verfügen bereits über etablierte Angebote, andere müssen zusätzliche Kapazitäten schaffen oder bestehende Strukturen verändern. Rund 44 Prozent der antwortenden Grundschulleitungen sehen noch Anpassungsbedarf.
Nur diese Gruppe wurde nach konkreten Umsetzungshürden und den erwarteten neuen Möglichkeiten gefragt. Ihre Antworten zeigen, wie stark der Ausbau von praktischen Voraussetzungen abhängt: Rund 75 Prozent nennen unzureichende Räumlichkeiten als Hürde, 54 Prozent einen Mangel an qualifiziertem Personal. 38 Prozent beklagen fehlende verbindliche Vorgaben zur Ausgestaltung, 37 Prozent unklare Zuständigkeiten zwischen Schule, Schulträger und Kinder- und Jugendhilfe.
Die Schwierigkeiten betreffen dabei mehr als die Frage, ob genügend Betreuungsplätze entstehen. Unter den Schulleitungen mit Anpassungsbedarf sehen 86 Prozent den Rechtsanspruch vor allem als Betreuungs-, kaum als Bildungsangebot. Nur 20 Prozent halten unter den gegebenen Rahmenbedingungen eine qualitativ hochwertige Ganztagsbildung für möglich. 38 Prozent erwarten eine Verbesserung der Chancengerechtigkeit.
Ein interviewter Grundschulleiter beschreibt die Diskrepanz zwischen Anspruch und erwarteter Praxis so: „Wir werden, wie das Gesetz das fordert, eine Betreuung ermöglichen können … aber mehr wird es nicht sein. Da ist die Rede von Förderung, von Demokratiebildung, Partizipation. Das sehe ich alles nicht, und ich denke, da müsste die Politik sich ehrlich machen.“
Etwa die Hälfte der Grundschulleitungen mit Anpassungsbedarf erwartet durch den Rechtsanspruch überhaupt keine neuen Möglichkeiten an der eigenen Schule. Andere verbinden damit durchaus pädagogische Chancen: Rund 29 Prozent nennen den Ausbau von Angeboten für benachteiligte Kinder, ebenfalls rund 29 Prozent zusätzliche Lerngelegenheiten durch Arbeitsgemeinschaften, Clubs und kreative Angebote. Eine bessere Verzahnung von Unterricht und Betreuung erwarten 27 Prozent.
Welcher pädagogische Anspruch damit verbunden sein sollte, erläutert Hurrelmann: „Ein guter Ganztag bedeutet nicht einfach, dass Kinder einige Stunden länger in der Schule bleiben.“ Unterricht und individuelle Förderung, Bewegung und Spiel, kulturelle Bildung und soziales Lernen könnten stärker miteinander verbunden werden. Schule könne so „zu einem umfassenden Bildungs- und Entwicklungsraum werden“. Die Antworten der Schulleitungen mit Anpassungsbedarf zeigen allerdings, wie wenig Vertrauen viele von ihnen haben, diesen Anspruch unter den bestehenden Bedingungen erfüllen zu können.
Startchancen: Eigene Entscheidungen – unter aufwendigen VorgabenBeim Startchancen-Programm fällt zunächst auf, wie klar die beteiligten Schulen ihre Maßnahmen auf die fachliche Förderung ausrichten. 89 Prozent der allgemeinbildenden Programmschulen setzen gezielte Fördermaßnahmen in Deutsch und Mathematik um oder planen sie konkret. Zusätzliche Lehr- und Lernmaterialien nennen 80 Prozent, den Ausbau individueller Lernförderung 75 Prozent. Rund zwei Drittel sehen den Auf- oder Umbau von Räumlichkeiten vor.
Auch die Zusammenarbeit wird teilweise positiv bewertet: 81 Prozent berichten von einer gut funktionierenden Kooperation mit der Schulaufsicht, 74 Prozent von verlässlichen Ansprechpersonen. Ein interviewter Grundschulleiter hebt hervor, dass Schulträger, Schulleitung und Schulaufsicht durch das Programm miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam Entscheidungen treffen müssen.
Diese positiven Erfahrungen stehen neben einer hohen bürokratischen Belastung. 83 Prozent der allgemeinbildenden Programmschulen halten die Dokumentations- und Nachweispflichten für zu hoch. 75 Prozent sagen, Beantragungs- und Genehmigungsprozesse erschwerten die Umsetzung. Einen Mangel an qualifiziertem Personal nennen 64 Prozent.
Wie viel Eigenständigkeit das Programm ermöglicht, wird unterschiedlich bewertet. Zwar geben 77 Prozent an, dass die Schule eigenständig über die Mittelverwendung entscheidet. Ausreichenden Spielraum durch die Vorgaben sehen aber nur 54 Prozent. Eigene Entscheidungen und belastende Verfahren bestehen offenbar häufig nebeneinander.
Ein interviewter Grundschulleiter kritisiert, die Behörde mache aus dem ursprünglich von unten gedachten Ansatz „ein Top-down-Programm“. Seine Beschreibung des Alltags: „Jede Maßnahme muss beantragt werden, muss begründet werden.“
Besonders deutlich wird die Skepsis bei der erwarteten Zielerreichung. Das Programm soll den Anteil der Schülerinnen und Schüler, die die Mindeststandards in Deutsch und Mathematik nicht erreichen, an den teilnehmenden Schulen bis 2034 halbieren. 36,3 Prozent der befragten allgemeinbildenden Programmschulleitungen erwarten, dass dieses Ziel an ihrer Schule zumindest in weiten Teilen erreicht wird. Darunter sind lediglich 2,2 Prozent, die eine vollständige Zielerreichung erwarten. Rund 58 Prozent rechnen mit einer Zielerreichung in geringem Umfang, sechs Prozent mit gar keiner.
Das sind Erwartungen in einer frühen Programmphase, keine gemessenen Wirkungen. Sie zeigen jedoch, wie begrenzt das Vertrauen in die bisherige Umsetzung trotz der breiten Zustimmung zum Förderansatz ist.
Digitalpakt: Ausstattung braucht dauerhafte Finanzierung und QualifizierungBeim Digitalpakt 2.0 planen 72 Prozent der befragten Schulen einen Antrag, acht Prozent wollen keinen stellen, ein Fünftel ist noch unentschlossen. Die geplante Verwendung der Mittel richtet sich stark auf Ausstattung.
Unter den allgemeinbildenden Schulen mit Antragsplanung stehen mobile Endgeräte für Schülerinnen und Schüler mit 64 Prozent an erster Stelle. Es folgen digitale Lehr- und Lernmittel mit 58 Prozent, Endgeräte für Lehrkräfte mit 56 Prozent und digitale Infrastruktur mit 51 Prozent. Fort- und Weiterbildung nennen 45 Prozent.
Über zusätzliche Ausstattung hinaus sehen die Schulleitungen allgemeinbildender Schulen erheblichen Entwicklungsbedarf: 78 Prozent nennen die nachhaltige Finanzierung der Digitalisierung, 71 Prozent die digitale Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte und 70 Prozent die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler. Bei der digitalen Ausstattung melden 45 Prozent entsprechenden Bedarf.
Die Befunde zeigen damit, dass Anschaffungen nur einen Teil der Aufgabe lösen. Schulen benötigen ebenso verlässliche Finanzierung und Kompetenzen, um digitale Technik dauerhaft pädagogisch nutzen zu können.
Zudem verweisen die Antworten auf Abstimmungsprobleme. Unter den Schulleitungen, die noch nicht wissen, ob Mittel beantragt werden sollen, empfinden rund drei Viertel die Abstimmungsprozesse aufgrund der unterschiedlichen Zuständigkeiten von Schulaufsicht und Schulträger als mühselig.
Mehrere Programme gleichzeitig – längere ArbeitswochenWie anspruchsvoll die parallele Umsetzung ist, zeigt eine ergänzende Auswertung der Arbeitszeiten. Grundschulleitungen ohne Beteiligung am Startchancen-Programm und ohne Anpassungsbedarf beim Ganztagsrechtsanspruch arbeiten im Durchschnitt 45,1 Stunden pro Woche. Treffen beide Aufgaben an einer Schule zusammen, sind es 52,3 Stunden. Der Anteil der Leitungen, die ausreichend Zeit für die Umsetzung ihrer zentralen Themen sehen, sinkt dabei von 13,8 auf 6,3 Prozent.
Diese Unterschiede lassen sich allerdings nicht allein den Programmen zuschreiben. Startchancen-Schulen arbeiten bereits aufgrund ihrer sozialen Ausgangslage unter besonders herausfordernden Bedingungen. Die Programme treffen auf eine bestehende Belastung. Für die geplante Beantragung von Digitalpakt-Mitteln allein weist die Studie zum Befragungszeitpunkt noch keine eigenständige zusätzliche Belastung nach.

Die Ergebnisse machen dennoch deutlich, wie wenig Spielraum für weitere Aufgaben bleibt. Die Schulleitungen erkennen die Chancen der Reformen, verlangen aber Bedingungen, unter denen sie diese auch verwirklichen können.
Für Hurrelmann folgt daraus, dass Schulleitungen mehr als die organisatorische Abwicklung politischer Vorgaben zugestanden werden muss: „Schulleitungen sind nicht einfach die letzte Station einer politischen Umsetzungskette. Gute Schulleitungen sind Initiatoren, Antreiber und Gestalter von Veränderung.“ Sie entscheiden wesentlich mit darüber, ob zusätzliche Ressourcen tatsächlich bessere Bildung ermöglichen. Dafür benötigen sie Zeit und Gestaltungsspielräume – und müssen bei der Ausgestaltung der Reformen gehört werden.
Eine im Bericht zitierte Grundschulleitung richtet deshalb eine direkte Aufforderung an die Verantwortlichen: „Es ist gut gedacht, gemeint, aber es ist nicht gut ausgeführt und redet doch mit uns. […] sprecht doch bitte mit uns.“ News4teachers
Hier lässt sich die vollständige Studie herunterladen.
Hier geht es zu allen Beiträgen des Themenmonats “Schulbau & Schulausstattung”.
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