Daten von Prognos zeigen, dass viele Industriebetriebe in Deutschland Produkte herstellen können, die sowohl zivilen Nutzen haben als auch von Interesse für Sicherheitsbehörden und Militär sind. Dabei gibt es große regionale Unterschiede – mit besonderen Stärken.
Eine Drohne von Rheinmetall im März 2025 bei einer Messe. Der Konzern wird von Prognos als klassisches Dual-Use-Unternehmen genannt. (Archiv)
Foto: Wolf von Dewitz/dpa/Wolf von DewitzBerlin · Daten von Prognos zeigen, dass viele Industriebetriebe in Deutschland Produkte herstellen können, die sowohl zivilen Nutzen haben als auch von Interesse für Sicherheitsbehörden und Militär sind. Dabei gibt es große regionale Unterschiede – mit besonderen Stärken.
Die deutsche Wirtschaft steckt in einer Krise. Gerade deswegen kann es für Unternehmen interessant sein, eigene Fähigkeiten und Produkte nicht nur für die zivile Nutzung anzubieten – sondern auch für Sicherheitsbehörden oder das Militär. Die Prognos AG hat in einer Studie untersucht, wie viele Betriebe in Deutschland solche sogenannten „Dual Use“-Güter herstellen und welche regionalen Unterschiede es dabei gibt. Im „Dual-Use-Atlas“, der auch dem „Handelsblatt“ vorliegt, hat das Forschungs- und Beratungsunternehmen die Daten veröffentlicht.
Daraus geht hervor, dass 2025 rund 3,5 Millionen Beschäftigte in Deutschland in Branchen arbeiteten, die grundsätzlich „Dual-Use-Güter“ herstellen können. Das sind fast die Hälfte aller 7,7 Millionen Beschäftigten (45 Prozent) im verarbeitenden Gewerbe und der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), wie Prognos schreibt.
„Die Grenzen zwischen militärischen, sicherheitsrelevanten und zivilen Märkten verschwimmen. Dual Use ist nicht als abgegrenzter Wirtschaftsbereich, sondern vielmehr als Querschnittsbranche zu verstehen“, sagt Prognos-Studienleiter Markus Mahle. Zu den klassischen Industriefeldern gehören neben dem Maschinen- und Fahrzeugbau, der Elektrotechnik und Informationstechnologie auch Bereiche wie Optik, Sensorik und diverse Software-Schmieden. Klassische Rüstungsunternehmen erhalten nach Angaben von Prognos so mehr potenzielle Partner – aber auch Wettbewerber. Zahlreiche Start-ups machten sich zuletzt im Bereich Rüstung einen Namen, etwa bei der Drohnenproduktion.
Angesichts der zunehmenden internationalen Bedrohungen stellt Prognos-Co-Autor Christian Schoon eine enorme Dynamik im Markt fest. „Hohe Verteidigungsbudgets und neue sicherheitspolitische Anforderungen sind wichtige Treiber für sicherheitsrelevante sowie verteidigungsorientierte Produkt- und Prozessinnovationen, weshalb sich Chancen für die industrielle Transformation bieten.“
Beim Blick auf die Deutschlandkarte schreibt Prognos dem Süden der Republik einen „industriellen Kernraum“ zu, genannt werden Städte wie Stuttgart, München oder Nürnberg. Aber auch abseits der Metropolen sei das Potenzial für „Dual Use“ hoch.
Der Westen Deutschlands liefere „Masse und Volumen“, in den Regionen an Rhein, Ruhr und in Westfalen gebe es „eine breite industrielle Basis mit hohen Beschäftigungszahlen entlang der Wertschöpfungsketten – von der Grundstoffindustrie über den Maschinenbau bis hin zu industriellen Dienstleistungen“. Der Konzern Rheinmetall wird von Prognos als klassisches „Dual Use“-Unternehmen genannt.
Der Osten Deutschlands profitiert nach Angaben von Prognos von hoch spezialisierten Clustern wie in Dresden, Chemnitz oder Ostthüringen. Der Norden sei geprägt durch „starke Leuchttürme“, wie die Studienautoren schreiben. In der Fläche gebe es weniger Potenzial, dafür aber an Standorten wie Hamburg, Bremen, Kiel und im Südosten von Niedersachsen, etwa im Fahrzeugbau, in der Luft- und Raumfahrttechnik oder bei sicherheitsrelevanten maritimen Technologien.
Aufgeschlüsselt nach den einzelnen Bundesländern stellt Prognos für NRW fest, dass dort die klassischen industriellen Kernbranchen besonders stark sind: Maschinenbau, Elektrotechnik, Fahrzeugbau sowie Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). In den 16 Regionen der Industrie- und Handelskammern in NRW arbeiten Prognos zufolge zusammen rund 654.880 „dual-use-fähige Beschäftigte“. Das entspricht laut Studie auf rund 18,7 Prozent des gesamtdeutschen „Dual-Use Beschäftigungspotenzials“.
Im bundesweiten Ranking belegt Köln als stärkste NRW-Region Rang 6, Düsseldorf kommt den Angaben zufolge auf Rang 13 bundesweit. 51.420 „dual-use-fähige Beschäftigte“ arbeiten Prognos zufolge in der Region der NRW-Landeshauptstadt. Prägend seien insbesondere unternehmensnahe Dienstleistungen, IKT, Cybersecurity sowie datenbasierte Steuerungs- und Plattformlösungen.
Aufgeschlüsselt nach den einzelnen Bundesländern stellt Prognos für Niedersachsen fest, dass in den sieben niedersächsischen Regionen der Industrie- und Handelskammern zusammen rund 279.370 „dual-use-fähige Beschäftigte“ arbeiten. Dies entspricht der Studie zufolge 41,8 Prozent der Beschäftigten in Niedersachsen im verarbeitenden Gewerbe und der Informations- und Kommunikationstechnik.
Besonders sichtbar sei Niedersachsen über die Regionen Hannover, Lüneburg-Wolfsburg und Braunschweig. „Hannover trägt hohes nationales Gewicht, Lüneburg-Wolfsburg und Braunschweig zeigen hohe regionale Bedeutung für ,Dual Use‘ insbesondere durch den Fokus auf die Fahrzeug- und Zulieferindustrie“, schreibt Prognos. Im Fokus steht dabei natürlich der Volkswagen-Konzern samt Zulieferern. Für küstennahe Regionen werden im Prognos-Atlas zudem Kompetenzen in Metall, Elektronik und Telekommunikation für den maritimen Sektor hervorgehoben.
Aufgeschlüsselt nach den einzelnen Bundesländern stellt Prognos für Hessen fest, dass sich insbesondere im Rhein-Main-Gebiet „industrielle Kompetenzen mit IKT, Software, Daten, Sensorik und Kommunikation“ verbinden, „also genau jenen Bereichen, die laut Atlas für die neue Sicherheitsökonomie zunehmend an Bedeutung gewinnen“. Hessen kommt den Prognos-Angaben zufolge in den zehn hessischen Regionen der Industrie- und Handelskammern zusammen auf rund 236.700 „dual-use-fähige Beschäftigte“.
Addiert entsprechen die hessischen Regionen rund 6,8 Prozent des „Dual-Use-Beschäftigungspotenzials“ in ganz Deutschland, so das Forschungs- und Beratungsunternehmen. Hessen sei im Ranking nicht nur über absolute Beschäftigtenzahlen sichtbar, sondern vor allem über hohe regionale Bedeutungen. Mit Lahn-Dill auf Rang vier und Offenbach am Main auf Rang fünf liegen Prognos zufolge zwei hessische Regionen bundesweit unter den Top 5 beim Regionalanteil.
Aufgeschlüsselt nach den einzelnen Bundesländern stellt Prognos für Rheinland-Pfalz und das Saarland fest, dass sie im „Dual-Use-Atlas“ nicht zu den großen industriellen Kernräumen mit Spitzenplatzierungen und einer hohen absoluten Bedeutung für den Bund gehören. „Beide Bundesländer zeigen aber ausgeprägte regionale Potenziale. Insbesondere die Region der IHK für die Pfalz und das Saarland liegen im Mittelfeld des Rankings, während Koblenz durch ein hohes absolutes Volumen und kleinere Regionen durch spezialisierte Strukturen auffallen“, heißt es in der Studie.
In Trier sind es den Angaben zufolge vor allem Branchen der Gummi- und Kunststoffherstellung, der Metallverarbeitung und des Maschinenbaus. Rheinhessen profitiere von einer starken Chemie und Pharmabranche sowie einem ausgeprägten und wachsenden IKT-Sektor. Rheinland-Pfalz kommt Prognos zufolge auf rund 134.000 „dual-use-fähige Beschäftigte“, das Saarland auf 42.000.
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