Wie geht man gegen eine Superkolonie von Tapinoma magnum vor? Karlsruhe-Neureut ist von der invasiven Ameise bevölkert. Stadt und Anwohner testen verschiedene Methoden.
Der städtische Ameisenbekämpfer Richard Blantz wühlt in Karlsruhe-Neureut mit einem Messer in einem Loch in der Erde herum. Heraus sprudeln in einem gleichmäßigen Strom kleine schwarze Ameisen. Dabei handelt es sich vermutlich nicht um eine gewöhnliche Art, sondern um die invasive Tapinoma magnum.
Besonders typisch für sie sei der Geruch, wenn man die Ameise zwischen den Fingern zerreibe, erzählt Richard Blantz. "Wenn man das einmal gerochen hat, dann vergisst man den Geruch nicht mehr." Chemisch, süß, ein bisschen nach Aceton, Lakritze und muffigem Keller, beschreibt ihn Richard Blantz.
Die invasive Ameisenart hat sich großflächig in Neureut ausgebreitet. Nach Angaben von Karen Eßrich, Koordinatorin für invasive Arten der Stadt Karlsruhe, sei inzwischen eine Fläche von über 70 Hektar betroffen. Grünflächen wie Gärten und Spielplätze wimmelten vor Ameisen. Sie seien deswegen nicht mehr zu benutzen.
Neureut ist nicht der einzig befallene Stadtteil. Es gibt mindestens acht bekannte Großkolonien invasiver Ameisen in Karlsruhe. Die organisierte Bekämpfung hat schon im Mai begonnen. Täglich acht Stunden seien die Ameisenbekämpfer in mehreren Stadtteilen im Einsatz. Dennoch stehe man gerade am Anfang, so Karen Eßrich. Der Kampf werde noch Jahre dauern.
In Neureut sei das Ziel momentan nicht, die Kolonie auszurotten. Sie soll geschwächt und begrenzt werden, sodass zumindest manche Bereiche wieder betretbar seien, sagt sie. Beim Kampf gegen die invasive Ameisenart sei es wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger aktiv mithelfen.
Bisher erreiche die Stadt nicht alle Eigentümerinnen und Eigentümer der betroffenen Grundstücke, erklärt die Koordinatorin. Über die Website der Stadt Karlsruhe oder mit der Hilfe von anderen Medien, mit Flyern, Hauswurfsendungen, Schildern oder Infoveranstaltungen, sollen die Anwohner auf das Problem hingewiesen werden.
In Neureut werden verschiedene Methoden im Kampf gegen die Ameisen getestet. Unter anderem die von Andreas Martens erfundenen Lochstein-Methode. Der Professor für Biologie an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe hat dieselben Steine bereits in einem Projekt eingesetzt, das sich mit dem Kalikokrebs beschäftigt hat.
Anders als beispielsweise in der Schweiz könne in Deutschland die Ameise nicht mit Giften bekämpft werden. Denn die Hauptvorkommen der Tapinoma stammten ursprünglich aus der Toskana und die invasive Art sei dadurch EU-Bewohnerin, so Andreas Martens.
Wir können keine Art in einem Land der EU bekämpfen, wenn sie in einem anderen Land zu Hause ist. Und das ist ein juristisches Problem.
Die Lochsteine haben Hohlräume und ein Dach aus Folie. Für die Ameise sei das ein trockener Raum, der für sie besonders wichtig werde, wenn es anfängt zu regnen, erzählt der Professor. Dann werde der Erdboden zu nass und das Risiko steige, dass ihre Brut ertrinkt. Die Steine mit den gefangenen Ameisen und der Brut werden dann in einem Eimer mit Wasser und Spülmittel versenkt.
Obwohl die invasive Ameisenart eigentlich aus dem Mittelmeerraum stammt, kommt sie laut dem Professor nicht mit der Hitze klar. Damit sie sich trotzdem in den Steinen einnistet, wurde die schwarze Folie bei einigen der Lochsteine mit einer weißen ausgetauscht.
Auch Lars Conzelmann probiert die Lochsteine seit etwa einer Woche bei sich im Außenbereich aus. Er sehe regelmäßig eine Ameisenstraße mit Eiern in den Stein wandern. Den Befall habe er seit etwa zwei Wochen. Er wollte auf dem Weg zur Arbeit Müll wegbringen und habe eine Mülltüte etwa eine Stunde unbeaufsichtigt vor der Haustür stehen lassen. Als er wiederkam, habe er da etwa 1.000 Ameisen sitzen sehen.
Als es heiß war und er durchlüften wollte, seien einige der Tiere auch schon in den Eingangsbereich gelangt. Inzwischen habe er auch vor den Ameisen Angst. Sein erster Gang am Morgen sei nicht mehr an die Kaffeemaschine, sondern direkt zur Haustür - um zu schauen, ob die Ameisen wiedergekommen seien.
Man merkt schon: Wenn es zunehmend näher an das Eigenheim geht, hat man Angst.
Dadurch gehe ein Stück Lebensqualität verloren. Zum Beispiel sei es auch nicht mehr so einfach, in Urlaub zu fahren. Lars Conzelmann hat schon mitbekommen, wie bei anderen währenddessen die Ameisen eingezogen waren. Die Küche, die Vorratsräume, die Badezimmer - alles war voll mit Ameisen.
Kann ich meinen nächsten Urlaub sorgenlos planen oder muss ich hierbleiben, um die Ameisen abzuwehren?
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