Ein riesiges Atelier mit Fensterfront, überall Gemälde, Kunst und Erinnerungen. Seit 50 Jahren wohnt Jutta Leyendecker hier. Jetzt will sie dieses besondere Haus verkaufen.
Ein Atelier mit riesiger Fensterfront, Illusionismus im Badezimmer, Glaskunst und ein Biedermeier-Zimmer. Eigentümerin Jutta Leyendecker möchte das Künstlerhaus im Jugendstil verkaufen und verlässt nach 50 Jahren ihre Heimat. Von Karlsruhe-Grötzingen zieht es sie nach Frankfurt.
Wenn Jutta Leyendecker jeden Morgen in das Atelier ihres verstorbenen Mannes hinaufsteigt, läuft sie an hunderten seiner Werke vorbei. Ein großes Gemälde aber sticht hervor. Es zeigt ihren Mann, Horst Leyendecker, gemalt von seinem Neffen. Normalerweise stehen hier Blumen, erzählt sie. Die würden bei der Hitze derzeit aber nicht lange halten.
Kein Wunder, denn durch die riesige Fensterfront im Atelier kommt massig Licht. Die Sonne scheint aber nicht direkt hinein. Denn die Auslassung in der Wand ist nach Norden ausgerichtet. Bewusst.
Damit ist das Atelier zwar hell, die Sonne wirft aber keine Schatten. Das habe auch ihrem Mann bei der künstlerischen Arbeit geholfen, erzählt Jutta Leyendecker. Sie und ihr Mann hatten das Zimmer aber auch für Familienfeste genutzt.
1901 ließ der Maler Otto Fikentscher das Haus direkt neben der Grötzinger Augustenburg bauen. Hier war das Zentrum der Grötzinger Malerkolonie, einer Künstlergemeinschaft, die sich vor allem auf Landschaftsmalerei konzentrierte. Zu ihr gehörten auch Fikentscher und seine Frau. Im Haus wollte er vor allem malen. Deshalb hatte er die Fensterfront des Ateliers nach Norden ausrichten lassen. 1977 verkauft es Fikentscher. Horst Leyendecker, Jutta Leyendeckers Mann, entdeckt es auf einem Spaziergang. Er möchte es sofort haben und kauft es.
Das Haus wurde im Stil des zweckbezogenen Jugendstils errichtet. Das erkenne man etwa an den spezifischen Einkerbungen der Holzbalken und an den Beschlägen im Haus. Außerdem finden sich auch bunte Fensterscheiben, die sich dieser Epoche zuordnen lassen.
Aus der Reihe tanzt Jutta Leyendeckers Arbeitszimmer. Es sei ihr Lieblingsraum. Ihr Mann war großer Fan des Jugendstils, sie finde sich aber mehr im Biedermeier wieder. Außerdem sind die meisten Möbel hier Erbstücke ihrer Familie. Etwa der alte Schreibtisch ihrer Großtante. Wie alt genau er ist, das weiß Jutta Leyendecker nicht.
Die liebsten Möbelstücke sind jetzt hier in diesem Zimmer versammelt. Deswegen fühle ich mich da so heimisch, weil die früher auch schon in meinem Elternhaus standen.
Wer vor dem Badezimmerspiegel steht, ist schnell versucht etwas auf der Wandnische abzustellen. Die existiert aber nur in der eigenen Wahrnehmung. Die Wand ist flach. Der Künstler hinter dieser Illusion ist Hans Peter Reuter. Er war bekannt für seine illusionistischen Bilder und befreundet mit Horst Leyendecker.
Auch das Fenster im Bad ist eine Besonderheit. Unter anderem für Kirchen hatte Horst Leyendecker schon Fenster entworfen. In einer Karlsruher Gießerei deckte er sich mit unterschiedlichsten Fenstern im Jugendstil ein, brach diese und fügte sie zu seinem eigenen Badfenster wieder zusammen.
Das Paar baute das Schlafzimmer damals aus. Bis zu ihrem Einzug war es das damalige Materiallager von Otto Fikentscher. Das besondere Fenster war damals noch nicht hier. Jutta Leyendecker und ihr Mann fanden es zufällig in einem Antiquitätengeschäft, wollten es sofort haben und bauten es ein. Wie Jutta Leyendecker später von einem Kunsthistoriker erfuhr, handelt es sich bei dem Fenster um ein Werk von Hermann Billing, einem bekannten Karlsruher Architekten.
Jeden Morgen, wenn ich aufwache, schaue ich mich um und denke mir, wie schön, hier aufzuwachen. Du bist schon privilegiert, dass du hier so schön schlafen und aufwachen kannst.
An diesem Zimmer hänge ihr Herz, erzählt sie. Auch weil es 50 Jahre lang ihr gemeinsames Schlafzimmer war, bis ihr Mann Horst letztes Jahr verstarb.
Für Jutta Leyendecker beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt. Es gebe mehrere Gründe das Haus nun zu verkaufen, sagt sie. Rund 260 Quadratmeter seien einfach zu groß für sie.
In diesem Haus atmet jeder Zentimeter Horst Leyendecker.
Außerdem würde sie gerne in der Nähe ihrer Familie in Frankfurt wohnen. Das Haus zu verkaufen, falle ihr dennoch sehr schwer. Zu viele schöne Erinnerungen an 50 gemeinsame Jahre mit ihrem Mann stecken in diesem Haus.
Interessenten für das Künstlerhaus gebe es bereits einige. Ihr Wunsch: Das Haus in Hände von Menschen geben, die diesen besonderen Bestand und seine künstlerische Tradition wertschätzen und es vielleicht sogar als kulturelles Zentrum weiterführen.
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