Eine feierliche Übergabe von 18 Objekten fand am Montag in Nigeria statt. Es ist eine Heimkehr, mit der noch vor kurzem niemand gerechnet hatte.
Anthony Anex / Keystone
Eine feierliche Übergabe von 18 Objekten fand am Montag in Nigeria statt. Es ist eine Heimkehr, mit der noch vor kurzem niemand gerechnet hatte.
Das schlechte Gewissen ist um die 5 Kilo schwer, 52 Zentimeter gross und blickt mit stoischer Grimmigkeit in die Welt. Der Ahnenkopf des Königs von Benin – aus Messing gegossen, genaues Alter unbekannt – war einst Teil eines heiligen Ortes: eines Ahnenschreins, in dem die Geschichte und Erinnerung eines ganzen Volkes seit Jahrhunderten konserviert war. 1897 wurde er von britischen Soldaten geraubt, auf verschlungenen Wegen gelangte er in die Schweiz.
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Nun, an diesem Montag, ist er nach fast 130 Jahren nach Hause zurückgekehrt. Und sogar eine Bundesrätin hat er mitgebracht.
Lagos, Nigeria, eine der grössten Städte der Welt. Verkehrschaos, über 20 Millionen Menschen. Heimat von reichen Ölmagnaten und armen Slumbewohnern, Standort der drittgrössten Filmindustrie der Welt. Hierhin flog in der Nacht von Sonntag auf Montag der Schweizer Bundesratsjet. Darin: Kulturministerin Elisabeth Baume-Schneider (SP).

Bilder Anthony Anex / Keystone


Für die Rückgabe des Ahnenschädels und 17 weiterer geraubter Objekte reiste sie extra nach Nigeria – jenem Land, auf dessen Gebiet sich das Königreich Benin einst befand. In einer Zeremonie am Nachmittag übergab die Bundesrätin die Objekte offiziell dem nigerianischen Staat. Sie gehören zu den Benin-Bronzen, den bekanntesten Raubgütern der Kolonialzeit.
Bis vor kurzem lagerten die meisten in Zürich, im universitären Völkerkundemuseum und im städtischen Museum Rietberg. Eine Rückgabe der Objekte – seit gut hundert Jahren gefordert – schien tabu. Dann jedoch, innert weniger Jahre, änderten die Museen und ihre politischen Schirmherren ihre Meinung.
Die Übergabe in Lagos, an der auch die nigerianische Kulturministerin teilnahm, ist die Kulmination dieses Prozesses. Es ist der Versuch eines Landes, das nie eigene Kolonien besass, sich vom Gefühl einer kolonialen Mitschuld zu befreien. Und der nigerianischen Bevölkerung einen verlorenen Teil ihrer Geschichte zurückzugeben.
Kulturgüter wie die Benin-Bronzen seien mehr als blosse physische Objekte, sagte Baume-Schneider anlässlich der Übergabe. «Sie verbinden Menschen mit ihrer Vergangenheit, ihrer Gemeinschaft und mit künftigen Generationen.» Eine Restitution könne die «Ungerechtigkeiten der Vergangenheit» nicht ungeschehen machen. Sie sei jedoch ein wichtiger erster Schritt.
Anlässlich ihres Besuchs unterzeichnete Baume-Schneider auch ein bilaterales Abkommen über die Rückgabe von Kulturgütern. Damit wie auch mit der Restitution würden «Brücken zwischen Völkern gebaut», verkündete die Magistratin.

Anthony Anex / Keystone

Pitt Rivers Museum, University of Oxford
Ganz so harmonisch, wie die Bundesrätin die Sache darstellt, ist sie allerdings nicht. Denn so unbestritten der historische Unrechtskontext der Benin-Bronzen ist, so umstritten ist in Nigeria und darüber hinaus die Zukunft der Objekte.
Wie andere europäische Staaten – Deutschland, die Niederlande – hat die Schweiz die Benin-Bronzen offiziell dem nigerianischen Staat übergeben. Der jedoch wird die Eigentumsrechte nicht bei sich behalten, sondern einem Privatmann übertragen: an Seine Königliche Hoheit Ewuare II., den heutigen Oba von Benin. Mit ihm schloss der damalige nigerianische Präsident Muhammadu Buhari 2023 eine entsprechende Vereinbarung – entgegen den Wünschen nigerianischer Museumsvertreter.
Der Grossteil der Objekte aus Schweizer Museen soll nun als königliche Leihgabe an staatliche nigerianische Museen gehen, während ausgewählte Stücke mit besonderer spiritueller Bedeutung in den Palast des Oba wandern. Das ist der Deal. Nicht alle sind damit zufrieden.
Es ist erst ein paar Jahre her, dass eine Gruppe nigerianischer Kulturschaffender in Benin-Stadt ein Museum errichten liess, das die aus aller Welt restituierten Bronzen beherbergen sollte. Es war ein Vorzeigeprojekt, von einem Stararchitekten gebaut, von westlichen Geldgebern finanziert. Kosten: rund 25 Millionen Dollar. Allein der deutsche Staat unterstützte das Unterfangen mit 8,7 Millionen Euro.
Das Museum of West African Art (Mowaa) sollte westlichen Sorgen über den Zustand örtlicher Museen etwas entgegensetzen. Die Benin-Bronzen, so die Idee, sollten darin der lokalen Bevölkerung zugänglich gemacht werden, statt im Palast zu verschwinden.
Allein: Die Initianten und ihre Geldgeber hatten die Rechnung ohne den Oba gemacht. Er war ob des neuen Museums in seinem Hinterhof empört und verweigerte die Zustimmung zur Ausstellung der Bronzen an einem Ort, den er nicht kontrollierte. Stattdessen erklärte er, ein eigenes Museum bauen zu wollen. Auch wer es bezahlen sollte, wusste er: Museen und Regierungen aus dem Westen.
Statt das unabhängige Museum zu fördern, hätten sie ihm sein eigenes bezahlen sollen, klagte er in einem seltenen Interview in der «New York Times». «All das Geld, das die bekommen haben, war für uns gedacht!»
Als das Mowaa im vergangenen Herbst dennoch (ganz ohne Benin-Bronzen) seine Pforten öffnete, wurde die Festivität von einem wütenden, Holzkeulen schwingenden Mob unterbrochen. Anwesende Diplomaten mussten evakuiert werden. Seither öffnet das Museum nur noch auf Anfrage. Der Direktor gibt keine Interviews mehr.

Akpobasaha Oghenemaro Godspower / AP

Anthony Anex / Keystone
Weiter verkompliziert wird die Restitution durch Kritik aus einer ganz anderen Richtung: Aktivistische Splittergruppen aus den USA stören sich nämlich ebenfalls an der Rückgabe an den Oba.
Das Argument hier: Das Messing, aus dem die Objekte einst gegossen wurden, kauften die Könige von Benin unter anderem mit Einkünften aus dem Sklavenhandel. Die Opfer des Raubzugs von 1897 – sie sind aus der Sicht der Nachfahren afrikanischer Sklaven noch etwas anderes: Täter, eng in den transatlantischen Handel mit Menschen verknüpft.
Dass das Umfeld des Oba diese Darstellung empört zurückweist, versteht sich von selbst. In Zürich wiederum führten die Vorwürfe zu Kritik an zwei Ausstellungen im Museum Rietberg und im Völkerkundemuseum, die den Sklaverei-Kontext nur am Rand erwähnten. In einem Fall kam es zu einer nachträglichen Ergänzung.
Mit der Übergabe der Bronzen in Nigeria sind diese Debatten aus Schweizer Sicht erledigt. Das Mantra unter Museumsverantwortlichen lautet seit dem Restitutionsentscheid: «Das ist jetzt eine innernigerianische Angelegenheit.» Eine Aussage, in der jeweils eine gewisse Erleichterung mitschwingt.
In Nigeria wiederum steht die Auseinandersetzung mit den Kulturgütern erst am Anfang. Lokale Künstler, Kulturschaffende und Bronzegiesser erwarten ihre Rückkehr seit Jahren sehnlichst.
Olugbile Holloway, der Vorsitzende der nationalen Museumskommission, erinnert dabei gerne daran, dass das erste Museum in Nigeria bereits 1945 errichtet wurde – vier Jahre vor der Etablierung des Museums Rietberg. Und daran, dass auch Deutschland, als es nach 1815 von Napoleon geraubte Kulturgüter zurückerhielt, erst noch geeignete Museen für sie bauen musste.
Klar ist, was die Rückgabe nicht wird wiederherstellen können: die genau durchdachte Zusammenstellung der Ahnenschreine im 1897 zerstörten Palast des Oba. Sie waren eine Art visuelles Archiv, in dem mittels Figuren, Messingtafeln und beschnitzter Elfenbeinzähne die Geschichte von Königen und ihren Taten erzählt wurde. Eine Geschichte, die durch die achtlose Zerstörungswut der Kolonialisten für immer verloren ist.

Museum Rietberg
Auch im Kopf des stoischen Ahnenschädels, der am Montag mit einer Bundesrätin nach Nigeria zurückkehrte, klafft ein rundes Loch, in dem sich einst ein kunstvoll verzierter Elfenbeinzahn befand. Wo er heute ist und was auf ihm zu sehen war, weiss niemand.
In einem Gedicht, das die nigerianische Dichterin Akan Ruth dem Gedenkkopf widmete, lässt sie das Objekt diese Worte sagen: «Meine Brüder und ich – wir sind fragmentiert, verloren, zerstückelt. Unter dem Schatten der Plünderungen wandern wir, weiter und immer weiter.»
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