Der "Fall Balogun" hat sich zum WM-Skandal entwickelt. Der internationale Aufschrei ist groß, auch Experten aus dem Südwesten kritisieren die FIFA scharf.
Der Skandal um eine aufgehobene Rotsperre beim Gastgeber-Team überschattet die Fußball-Weltmeisterschaft. Der in der WM-Geschichte beispiellose Vorgang beschäftigt den Fußball längst über den Fall Folarin Balogun hinaus. Nach der Einmischung von US-Präsident Donald Trump gerät der Fußball-Weltverband FIFA um Präsident Gianni Infantino massiv unter Druck, die Kritik ist groß - auch im Südwesten. "Unfassbar", findet es der dreimalige Weltschiedsrichter Markus Merk. "Ohne Worte. Jeder, der den Fußball liebt, kann nur erschüttert sein", findet der Kaiserslauterer im SWR-Interview.
Der Präzedenzfall "Balogun" scheint die schlimmsten Befürchtungen rund um die Endrunde zu bestätigen und sorgt weltweit für eine Erschütterung der Glaubwürdigkeit der gesamten Sportart - sogar von Manipulation ist die Rede. Der langjährige Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, Hans E. Lorenz, zeigte sich gegenüber dem SWR schockiert: "Ich bin aus allen Wolken gefallen", so der Rheinhesse. "Es ist eine Attacke auf die Integrität des Wettbewerbs", sagt Lorenz.
Fest steht: Balogun darf trotz seiner Roten Karte gegen Bosnien-Herzegowina am Dienstag (2.00 Uhr MESZ/ARD) in Seattle im Achtelfinale eingesetzt werden. Seine Sperre wurde auf Bewährung ausgesetzt - eine Begründung dafür gibt es bislang nicht. Am Montag bestätigte US-Präsident Donald Trump, dass er FIFA-Chef Gianni Infantino angerufen und um eine "Überprüfung" gebeten habe. Angeblich sogar mehrmals. Auch andere Mitglieder der Trump-Administration sollen beteiligt gewesen sein.
Der belgische Verband forderte von der FIFA schriftlich eine Erklärung. Dies habe der Weltverband als formalen Einspruch gewertet und diesen als unzulässig abgewiesen, teilten die Belgier wenige Stunden vor Anpfiff des Spiels mit. "Damit wird eine Welle losgetreten, die zu bremsen außerordentlich schwierig sein dürfte", befürchtet Lorenz.
Die Causa Balogun könnte als Präzedenzfall bis in den Amateurfußball hineinwirken: "Die Folge könnte sein, dass auch in der Bezirksliga jetzt Vereine sagen 'die FIFA hat doch genauso entschieden. Wir wollen jetzt auch, dass unsere gesperrten Spieler weiterspielen können.'"
Eine Gefahr, die auch Markus Merk sieht: "Das wird uns ab August verfolgen - in der Bundesliga, in der zweiten Bundesliga, ja bis in die Kreisklasse. Wie behandelt man diese Platzverweise in Zukunft, wie geht man mit Sperren um? Also es ist insgesamt weltweit ein Fass ohne Boden." Diese Vorgehensweise zerstöre den Fußball, findet Merk.
Auch international sorgt der Fall weiter für große Wellen: "Der schamlose Donald Trump und seine unterwürfige Marionette Gianni Infantino haben diese Weltmeisterschaft in eine Jauchegrube gezogen", schrieb "Daily Mail" in Großbritannien besonders plakativ. Laut der Europäischen Fußball-Union UEFA wurde mit der Entscheidung "eine rote Linie überschritten". Der designierte deutsche Bundestrainer und ehemalige Mainz-Coach Jürgen Klopp zeigte sich bei MagentaTV erzürnt: "Diese beiden Menschen, die beide keine Ahnung von Fußball haben, sollten gar nichts damit zu tun haben."
Nach Ansicht der UEFA stehen Integrität und Glaubwürdigkeit auf dem Spiel, "wenn die Rechtssicherheit der Regeln nicht mehr von ihren Hütern gewährleistet wird", hieß es in der Stellungnahme. Für den ehemaligen DFB-Richter Hans E. Lorenz steht fest: "Die einzige Lösung könnte darin bestehen, dass der amerikanische Fußballverband sagt: 'Um das Gebot der Fairness wiederherzustellen, verzichten wir auf den Einsatz von Balogun." Denn: Rechtsmittel gegen die Entscheidung gebe es keine mehr.
KaiserslauternDie bisherigen Äußerungen aus dem US-Team sorgen dahingehend aber für wenig Grund für Optimismus. Trainer Mauricio Pochettino begrüßte die Entscheidung öffentlich: "Ich denke, wir müssen feiern, dass das eine faire Entscheidung ist, uns nicht noch mehr zu bestrafen", so der Coach des WM-Co-Gastgebers. Eine im internationalen Fußball derzeit eher exklusive Sichtweise.