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Sohn über Antifaschistin: „Sie wollte die Solidarität zurückgeben“

Дата публикации: 12-02-2026 10:55:00

Sohn der NS-Zeitzeugin Steffi Wittenberg richtet eine Erinnerungsveranstaltung aus mit Fokus auf die Veröffentlichung ihrer Biografie. mehr...

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Sohn über Antifaschistin: „Sie wollte die Solidarität zurückgeben“

Sohn der NS-Zeitzeugin Steffi Wittenberg richtet eine Erinnerungsveranstaltung aus mit Fokus auf die Veröffentlichung ihrer Biografie.

Steffi Wittenberg sitzt auf einem Stuhl mit Mikrofon im April 2014 Zeitzeugin: Steffi Wittenberg fesselt 2014 ihr Publikum mit ihrer Lebensgeschichte Foto: Yo Loew

taz: Herr Wittenberg, Ihre Mutter wäre dieses Jahr 100 Jahre alt geworden. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Andreas Wittenberg: Toll, dass durch dieses Buch der wechselvolle Lebensweg meiner Mutter dokumentiert ist. Die Dokumentation wäre ihr wichtig gewesen, weil vieles auch heute noch eine große Relevanz hat.

taz: Worauf bezieht sich der Titel „Man guckt ja schon durch eine Minderheitsbrille“?

Wittenberg: Mit dem Zitat meinte meine Mutter zum einen ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Minderheit in Deutschland, zum anderen ihr ausgewiesene linke Position innerhalb der Jüdinnen und Juden.

taz: Hat Sie bei der Recherche noch etwas überrascht?

Wittenberg: Ich war mit der Lebensgeschichte natürlich sehr vertraut. Beim erneuten Durchgucken der unüberschaubaren Menge von Unterlagen bin ich aber auf manches Detail gestoßen, das mir bis dahin nicht bekannt war.

Porträtfoto Andreas Wittenberg Bild: privat

Im Interview: Andreas Wittenberg

70, war bis zu seiner Pensionierung Vizepräsident des Sozialgerichts Hamburg. Sohn der NS-Zeitzeugin Steffi Wittenberg.

taz: War die Rolle als Zeitzeugin für Ihre Mutter eher Pflicht oder eher Herzensanliegen?

Wittenberg: Ab den 1980er Jahren ist meine Mutter zunehmend als Zeitzeugin aufgetreten. Anfänglich war sie sehr besorgt gewesen, ob sie die Fähigkeit dazu habe. In der Zeit empfand sie das auch fast als „anmaßend“, denn es lebten damals ja noch viele ehemalige Häftlinge aus KZs und Zuchthäusern, die nicht wie sie vor den Nazis hatten fliehen können und viel Schlimmeres erlebt haben. Sie hat das dann aber überwunden und wurde bei ihren Auftritten als Zeitzeugin im Laufe der Jahre immer souveräner. Sie hätte es nie zugegeben, doch ich kann sagen: Bei der Vermittlung ihrer Lebensgeschichte an junge Menschen, auch in Schulklassen, war sie gut, und es gelang ihr meist, ihre Zuhörerinnen und Zuhörer dabei zu fesseln.

taz: Wie machte sie das?

Wittenberg: Zum Beispiel nahm sie ihr altes Poesiealbum mit, in das viele ihrer Mitschülerinnen aus der jüdischen Mädchenschule eingetragen haben. Es macht sehr traurig darin zu blättern, denn viele der Mitschülerinnen fielen nach ihrer Schulzeit dem Massenmord zum Opfer. Das Poesiealbum nahm meine Mutter immer wieder mit in die Schulklassen, in denen sie als Zeitzeugin zu Besuch war, und ließ es dort herumgehen. Das sieht man dem Album natürlich an, aber das war es ihr wert. Eine für meine Mutter besonders wichtige Seite aus dem Poesiealbum ist in dem Buch auch abgedruckt.

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Zu den Eltern meiner Schulkameraden hielt sie eine gewisse Distanz

taz: Wie haben die Flucht nach Uruguay und später das Leben in den USA Ihre Mutter geprägt?

Wittenberg: Also einerseits: Mund aufmachen! Die Leichtfertigkeit, wie man inzwischen mit Fluchtschicksalen umgeht, war für sie unbegreiflich. In dem Buch haben wir ja ihr uruguayisches Visum von 1939 abgedruckt, und wenn ich das so angucke, dann denke ich: Meine Güte, an diesem Visum hing so viel. Ab den 70er Jahren beteiligte meine Mutter sich sehr aktiv an den Protestbewegungen gegen die lateinamerikanischen Militärdiktaturen, insbesondere in Chile und Uruguay. Es war ihr ein Herzensanliegen, die Solidarität und Hilfe zurückzugeben, die sie als Geflohene in dem kleinen Uruguay selbst erfahren hat. Und wenn sie den Eindruck hatte, Menschen würden wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder ähnlichem diskriminiert, rief sie das verlässlich auf den Plan.

taz: Wie wurde Ihre Mutter 1951 wieder in Deutschland empfangen?

Wittenberg: Sie wurde direkt am Hafen von der VVN, abgeholt, was ihr ein Gefühl des sicheren Ankommens ermöglicht hat. Dort konnte sie sich sicher sein, dass da keine Nazis unter ihnen waren. Bei den Eltern meiner Schulkameraden hingegen bewahrte sie immer eine gewisse Distanz.

Steffi Wittenberg, Erinnerungsveranstaltung mit Buchvorstellung, 15. Februar, 13 Uhr, Metropolis- Kino, Kleine Theaterstraße 10, Hamburg

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taz: Warum ist es gerade heute wichtig, Steffi Wittenbergs Geschichte zu erzählen?

Wittenberg: Meine Mutter sagte häufig: „Jedes Gedenken muss mit einer Konsequenz verbunden sein.“ So engagierte sie sich über mehr als 60 Jahre in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Doch wer in dem Buch ihren Lebensweg kennenlernt, der bzw. die wird an so vielen Stellen von ganz allein beginnen, einzelne Vergleiche zu unseren heutigen dramatischen Zeiten anzustellen.

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