In Schmöckwitz fürchten Anwohner die Einstellung der Linie 68 wegen kaputter Gleise. In Karlshorst ist der Zehn-Minuten-Takt endlich in Sichtweite.
Ist in der Vetschauer Allee in Karolinenaue bald die letzte Tram abgefahren? Peer Hauschild fürchtet das.
Foto: Nicolas Šustr
»Wir müssen aufpassen, dass hier in Karolinenhof und Schmöckwitz nicht dasselbe passiert wie vergangenes Jahr mit der Linie 21 am Ostkreuz. Dass die Straßenbahnstrecke einfach stillgelegt wird, weil die Gleise kaputt sind«, sagt Peer Hauschild. Er ist Mitglied des Ortsvereins Schmöckwitz und hat zum Ortstermin an den letzten Abschnitt der »Uferbahn« genannten Straßenbahnlinie 68 geladen.
Der Abschnitt zwischen dem S-Bahnhof Grünau und der Endhaltestelle in Alt-Schmöckwitz, der auf weiten Teilen direkt am Ufer der Dahme verläuft, ist wohl die schönste Tramstrecke Berlins. Und wegen vergleichsweise geringer Fahrgastzahlen außerhalb der Badesaison eine der bedrohtesten.
Man muss kein ausgewiesener Eisenbahnexperte sein, um zu erkennen, dass die Gleise im rund zwei Kilometer langen Abschnitt zwischen den Haltestellen Schappachstraße und Am Seeblick in die Jahre gekommen sind. Im Schotterbett entlang der Vetschauer Allee in Karolinenhof hat sich üppige Vegetation breitgemacht. Zusätzlich zu den alten Holzschwellen in der Kurve halten stählerne Spurstangen die beiden Schienen zusammen. Im Mittelstreifen des Adlergestells schaukeln die Züge auf den welligen Gleisen auf und ab.
»Hier an der Einmündung von der Vetschauer Allee in das Adlergestell ist eine besonders schlimme Stelle«, sagt Peer Hauschild. »Nicht nur wegen des Bewuchses, sondern man hört auch an den Fahrgeräuschen, dass die Gleise teilweise hohl liegen.« Seine Diagnose: »Die Holzdübel in den Schwellen sind nach 30 Jahren einfach fertig.« Sie halten die Schrauben für die Klemmplatten, mit denen die Schienen fixiert werden.
Die Gleise im Adlergestell sind erneuerungsbedürftig.
Foto: Nicolas Šustr
»Die BVG hat inzwischen reagiert und eine Langsamfahrstelle mit Tempo 10 angeordnet«, sagt Hauschild und zeigt auf das an den Tragseilen der Oberleitung hängende gelbe Schild, auf dem eine schwarze Eins prangt.
Man erkennt es an den Ausführungen: Peer Hauschild weiß einiges über Schienenverkehr. Der ehemalige Reichsbahner begann seine Laufbahn als Eisenbahnschlosser, später arbeitete er als Streckenläufer und Lokführer bei der S-Bahn. Danach wechselte er ins journalistische Fach – Lieblingsthema Eisenbahn. Inzwischen ist er in Rente.
Die kleine Tour führt weiter ins Adlergestell. Hauschild zeigt plötzlich auf eine Schiene. »Hier sieht man die Walzmarke«, sagt er. Schwach hebt sich seitlich die Zahlenfolge 77 ab. Das bedeutet, dass die Schiene im Jahr 1977 produziert worden ist. »Das heißt, dass die Gleise im nächsten Jahr 50 Jahre alt werden. Damit handelt es sich wahrscheinlich um die ältesten befahrenen Streckengleise im Berliner Straßenbahnnetz«, so Hauschild weiter.
»Die Straßenbahnanlagen in Karolinenhof und Schmöckwitz wurden zuletzt Mitte der 80er Jahre instandgesetzt«, erklären die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) auf Anfrage von »nd«. »Derzeit arbeiten wir intern an der Abstimmung und Vorbereitung der nächsten Sanierungsmaßnahmen«, heißt es weiter von der BVG. Einen Termin dafür nennt das Landesunternehmen nicht. Man werde »selbstverständlich informieren«, sobald die »Planungen ausreichend konkret sind und belastbare Informationen vorliegen«.
»Die Infrastruktur geht schneller kaputt, als sie saniert wird.«
Peer Hauschild Ortsverein Schmöckwitz
Solche maximal unkonkreten Antworten sorgen nicht unbedingt für Vertrauen. »Ende 2021 hatte man schon die damals schlimmsten rund 500 Meter Doppelgleis erneuert. Und hat uns gleichzeitig damals erzählt, die große Erneuerung solle im Jahr 2022 stattfinden. Aber die fand nicht statt«, berichtet Hauschild.
»Die müssen an die Gleise ran – das haben sie ja selber erzählt. Aber sie machen einfach nichts«, sagt Peer Hauschild. Als Daumenregel gilt, dass Tramgleise spätestens nach etwa 40 Jahren getauscht werden müssen.
Kurven verschleißen schneller, Geraden halten länger. Und dann kommt es noch darauf an, wie dicht der Straßenbahnverkehr ist. Fahren Bahnen im Minutentakt wie am Alexanderplatz, müssen die Gleise früher getauscht werden. Die Linie 68 fährt zwischen Grünau und Alt-Schmöckwitz nur alle 20 Minuten.
Seit Jahren kommt die BVG nicht mit der Sanierung des Schienennetzes hinterher. Knapp 25 Kilometer Tramgleis sind zwischen 2023 und 2025 erneuert worden, obwohl es rechnerisch etwa 36 Kilometer hätten sein müssen. »Die Infrastruktur geht schneller kaputt, als sie saniert wird«, konstatiert Hauschild.
Dass man in Schmöckwitz, Karolinenhof und Grünau für seine Uferbahn kämpfen kann, hat man schon mehrmals unter Beweis gestellt. Mitte der 2000er Jahre wollte der damalige BVG-Betriebsvorstand Thomas Necker die Axt an das Berliner Tramnetz legen. Zahlreiche aus seiner Sicht »nicht straßenbahnwürdige« Strecken wollte er zur Kostenreduzierung stilllegen – unter anderem die Uferbahn.
»Als öffentliches Unternehmen ist es unsere Aufgabe, in erster Linie die Betriebsergebnisse zu optimieren«, zitierte ihn die Zeitschrift »Signal« des Berliner Fahrgastverbands IGEB im Jahr 2006. Das »Maximieren von Fahrgastzahlen« schloss er aus. Das vom aktuellen BVG-Chef Henrik Falk ausgerufene derzeitige Unternehmenscredo »Stabilität vor Wachstum« weckt durchaus Erinnerungen an die Zeit vor 20 Jahren. Auch wenn Falk stets betont, dass es nicht »statt Wachstum« heißt.
Bereits 2006 organisierte Peer Hauschild den Widerstand gegen die Stilllegungspläne der Uferbahn mit. Damals entschied sich die BVG für eine Notreparatur, weil sie billiger war als die Gleise rauszureißen. Doch damit war der Betrieb nur für fünf Jahre gesichert.
»Wir haben große Protestaktionen gemacht. Unter anderem im April 2011 mit einer großen Menschenkette, die tatsächlich von Grünau bis Alt-Schmöckwitz reichte«, berichtet Peer Hauschild. Daraufhin habe das Abgeordnetenhaus die Sanierung der schlimmsten Teile der Strecke beschlossen. »2011 war schließlich ein Wahljahr.« Und auch diesen Herbst wird wieder in Berlin gewählt.
Komplett stilllegen wollte die BVG in den 2000er Jahren auch die Tramlinie 21. Seit vergangenem Jahr ist das tatsächlich der Fall bei einem rund einen Kilometer langen Abschnitt in Friedrichshain und Rummelsburg. Weil die Strecke neu direkt über den Bahnhof Ostkreuz geführt werden soll, wollten Senat und BVG nicht in die Reparatur der verschlissenen Gleise investieren.
Weiter südlich, in Karlshorst, laufen aber die Bauarbeiten am Blockdammweg und in der Ehrlichstraße, und zwar »bislang planmäßig«, wie die BVG auf Anfrage von »nd« mitteilt. Rund 1400 Meter Gleis werden grunderneuert. Es ist der letzte längere Streckenabschnitt im Berliner Netz in sogenannter Budapester Bauweise. Dabei sind die Schienen nicht mit Schwellen verbunden, sondern liegen in Vertiefungen von Betonplatten. Fixiert sind sie mit dicken Gummiprofilen.
Auch hier drohte die Stilllegung wegen des schlechten Zustands der rund 40 Jahre alten Konstruktion. Ersetzt wird sie durch sogenanntes Rahmengleis. Es sieht aus wie eine überdimensionale Leiter und liegt auf einer dicken Asphaltschicht. Am Ende kommen noch weitere Lagen Asphalt darauf.
Der erste über 400 Meter lange Abschnitt zwischen Blockdammweg und Liepnitzstraße ist bald geschafft, weiter bis zur Heiligenberger Straße wird ab 10. Juli gearbeitet. Fertig sollen diese Arbeiten am 6. September sein. Dann sollen auch wieder Straßenbahnen statt Ersatzbusse auf der Linie 21 zwischen Marktstraße und Schöneweide fahren.
Das letzte lange Stück seiner Art in Berlin: Gleise in sogenannter Budapester Bauweise in der Karlshorster Ehrlichstraße.
Foto: Nicolas Šustr
Die Freude wird aber nicht allzu lange währen. Denn vom 12. Oktober bis 1. November fahren erneut Busse statt Bahnen. Das hängt mit einer weiteren Baumaßnahme zusammen: Im Blockdammweg entsteht ein neues Wendegleis für Straßenbahnen aus Richtung Rummelsburg. »Nach aktuellem Stand gehen wir davon aus, dass der vorgesehene Zeitplan eingehalten werden kann«, so die BVG.
Damit wird es dort die kuriose Situation geben, dass aus Südosten kommende Züge in der schon bestehenden Wendeschleife kehren können, aus dem Nordwesten dagegen in einem stumpf endenden Kehrgleis.
Gebaut wird die neue Wendemöglichkeit, um das Angebot entlang der in den letzten Jahrzehnten von intensivem Wohnungsbau geprägten Achse entlang der Spree zu verdichten.
Einbau neuer Gleise in der Karlshorster Ehrlichstraße
Foto: Nicolas Šustr
»Eine Aufnahme des Verkehrs im Zehn-Minuten-Takt zwischen Blockdammweg und Marktstraße ist zum Fahrplanwechsel am 13.12.2026 vorgesehen«, schreibt die BVG.
Eigentlich sollte eine neue Linie 22 ab Blockdammweg Richtung Norden entlang großer Teile der Linie 21 das Angebot auf einen Zehn-Minuten-Takt verdichten. Sie soll in der Herzbergstraße nicht Richtung Bahnhof Lichtenberg abbiegen, sondern weiter über den S-Bahnhof Springpfuhl bis zur Haltestelle Allee der Kosmonauten/Poelchaustraße führen.
Doch solange die rund 1,2 Kilometer Neubaustrecke über den Bahnhof Ostkreuz nicht fertig ist, wird die Linie nicht eingeführt. Noch ist nicht einmal absehbar, wann das im November 2017 eingeleitete Planfeststellungsverfahren abgeschlossen werden kann.
Erstaunlich ist, dass das Verfahren bisher nicht geteilt worden ist. Denn der Ostabschnitt bis zum Bahnhof Ostkreuz ist unstrittig und könnte sofort Baurecht bekommen. Damit wären zunächst wenigstens Rummelsburg und Karlshorst direkt an den Verkehrsknotenpunkt angebunden. Das hätte auch keinen Einfluss auf mögliche Bundesfördermittel, denn das Projekt ist insgesamt zu klein für Zuschüsse nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz.
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