Von der Poliklinik über Parteisekretäre bis zu Materialmangel: Tausende Menschen arbeiteten zu Mauerzeiten für Westmark in einem DDR-Betrieb.
Die Reichsbahn kämpfte in West-Berlin mit niedrigen Fahrgastzahlen.
Foto: Wikimedia/Lothar Weber
Marianne ist der heimliche Star. Sie, die nach ihrer Ausbildung 1972 einen Arbeitsvertrag als Elektrikerin unterschrieb. Sich in der Männerdomäne durchbiss, bis sie nicht nur auf Bahnhöfen und in Stellwerken Lampen reinigen, Leuchtmittel tauschen und Steckdosen kontrollieren durfte, sondern auch Starkstromanlagen oder medizinische Geräte in der Poliklinik reparieren. Die bis in die Betriebsgewerkschaftsleitung aufstieg, wo sie laut eigenen Worten als »Kontrahäschen« bekannt war und schließlich ihren Posten 1983 niederlegte.
Marianne war Reichsbahnerin. Reichsbahnerin in West-Berlin. Eine dieser vielen Kuriosa der Zeit der Teilung Deutschlands und Berlins. Denn die Deutsche Reichsbahn war ein DDR-Betrieb, dem nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten auch die Zuständigkeit für den Eisenbahnbetrieb in den Westsektoren der Stadt übertragen worden war. Ein Status, an dem im Kalten Krieg nicht zu rütteln war, ohne dass man schwerste Turbulenzen im fragilen Verhältnis zwischen Ost und West ausgelöst hätte.
Die Fotografin Ines de Nil hat zusammen mit dem Kameramann und Filmemacher Detlef Fluch den Reichsbahnern in West-Berlin ein filmisches Denkmal gesetzt. »Wer bei der Reichsbahn war, war ein roter Hund« lautet der Titel des einstündigen Dokumentarfilms, in dem sechs Beschäftigte über den Alltag und die Besonderheiten ihrer Tätigkeit und der äußeren Umstände berichten. 2004 entstanden die Interviews – zehn Jahre nach Verschwinden der Reichsbahn durch Fusion mit der westdeutschen Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG und 20 Jahre nach Übernahme des S-Bahn-Betriebs in West-Berlin durch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Der Film wurde erst 2013 fertig.
1991 hatte Ines de Nil die Beschäftigten des damals kurz vor der Abwicklung stehenden Reichsbahn-Ausbesserungswerks Tempelhof erstmals fotografisch porträtiert. Das war rund ein Jahrzehnt später für sie und Detlef Fluch der Anlass, strukturierte Interviews mit einigen der Protagonisten zu führen, um diese besondere Situation zu dokumentieren. Der Film kam nie in die Kinos, nie ins Fernsehen, deswegen ist er nahezu unbekannt.
Ende Juni zeigte der Bildungsverein Helle Panke, der Berliner Ableger der linksparteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung, den Film in seinen Räumlichkeiten in Prenzlauer Berg. Noch bis 4. September sind dort Fotos von Ines de Nil zu sehen. Hauptsächlich Porträts aus der Berliner Queer-Szene, mit denen die Fotografin bekannt wurde – aber auch Bilder der Reichsbahner.
»Das war eben wirklich ein DDR-Betrieb, der auch so geführt wurde wie in der DDR«, sagt einer der Protagonisten des Dokumentarfilms. Mit Parteisekretären, Betriebsgewerkschaftsleitung, Materialmangel, Mittagessen für 60 Pfennige, eigener Poliklinik am Schöneberger Ufer und für westliche Verhältnisse vergleichsweise niedrigem Arbeitsdruck. Zuletzt rund 2000 Menschen arbeiteten in dieser realsozialistischen Insel in der selbsternannten Frontstadt.
»Das war eben wirklich ein DDR-Betrieb, der auch so geführt wurde wie in der DDR.«
West-Berliner Reichsbahner
Die Motive der West-Berliner, bei diesem Ostbetrieb zu arbeiten, waren sehr unterschiedlich. Für manche war es die einzige Möglichkeit, bei ihrer Liebe, der Eisenbahn zu arbeiten, andere taten es aus politischer Überzeugung, wollten in einem sozialistischen Betrieb arbeiten und waren auch Mitglieder des SED-Ablegers Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW). Dies betraf jedoch laut Aussagen der Protagonisten vor allem die Führungsebene.
»Es war auf den Dienststellen grundsätzlich immer nur so ein kleiner, harter Kern von SEW-Mitgliedern«, schildert ein Protagonist. »Wenn die ein Bier zu viel hatten, waren das auch nicht mehr so linientreue SEW-Mitglieder. Also da waren ein Haufen Leute dabei, die nur wegen gewisser Vorteile in diesem Verein drin gewesen sind.«
Viel Sympathie ist den Reichsbahnern in West-Berlin nicht entgegengebracht worden. Seit dem Mauerbau 1961 gab es zahlreiche Boykottkampagnen gegen die S-Bahn, weil man damit den Stacheldraht finanziere, wie es unter anderem hieß. Waren besoffene Fußballfans unterwegs, flogen auch öfter mal Flaschen gegen die Beschäftigten.
Und dann war da immer die politisch heikle Lage. Ein Stellwerker berichtet, dass ein Betriebsunfall an einem 17. Juni als gezielte Sabotage zum Jahrestag des Volksaufstands von 1953 angesehen worden ist. »Innerhalb von zehn Minuten war damals erst die Bahnpolizei und dann die Transportkriminalpolizei, da, und die haben das Stellwerk abgeschlossen und mir verboten, mit der West-Berliner Polizei die Umstände zu besprechen«, schildert er.
Als dann die West-Berliner Staatsanwaltschaft ermittelte und ihm bei Aussageverweigerung, wie es seine Dienststelle von ihm verlangte, eine Strafe von 1500 DM androhte, brach er sein Schweigen. »Das hat die Reichsbahn mir ein bisschen übel genommen.« Wegen des Personalmangels war die Strafversetzung jedoch nach wenigen Monaten Geschichte und er war wieder auf seinem alten Posten.
Bezahlt wurden die Beschäftigten in Westmark, aber sozialversichert waren sie in der DDR, was dank des Pauschalsatzes nur Abzüge von 60 DM zur Folge hatte. »Wir hatten fast brutto gleich netto.«
Ein großer Einschnitt war der Reichsbahnerstreik von 1980. Bereits Anfang des Jahres wurden Dutzende Menschen entlassen, was für Aufruhr sorgte, denn Entlassungen passten nicht zu einem sozialistischen Betrieb. Später im Jahr kam es zu dem Streik. Warum genau es dazu kam, sorgte bei vielen für Rätselraten.
»Da waren damals schon ganz viele Kollegen der Meinung, dass der Streik irgendwie von der DDR lanciert wurde. Auf jeden Fall haben die kräftig nachgeholfen«, weil seit Jahren versucht worden sei, den mangels Fahrgästen hochdefizitären S-Bahn-Betrieb in West-Berlin loszuwerden. »Dann konnten man Alliierten beweisen, dass man keine Leute mehr dafür hat.« Nach langen Verhandlungen zwischen Ost und West übernahm 1984 die BVG den Betrieb.
Nach der Wende wurde das RAW Tempelhof bis 1994 abgewickelt. Marianne, gerade mal 40 Jahre alt, fand woanders keine Anstellung als Elektrikerin und machte eine Ausbildung zur Aerobic-Trainerin. Doch eine dauerhafte Anstellung bekam sie nicht. Den späteren Job als Altenpflegerin musste sie wegen einer »gebrochenen Hüfte« aufgeben. Was aus Marianne geworden ist, kann Ines de Nil nicht sagen, Kontaktversuche seien gescheitert.
Andere blieben bei der Bahn und warteten ICEs in Rummelsburg. »Vergleichsweise langweilig« sei der Beruf geworden, wegen der vielen Elektronik drücke man fast nur noch Knöpfchen.
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Liegenschaften in Brandenburg | Der Frieden muss angeblich bewaffnet sein | 0 | 5 | 06-07-2026 |
| 2 | Песков: канал RT может сам решать об отправке сотрудников работать в других местах | 0 | 0 | 02-09-2020 |
| 3 | Предприниматели Северной Осетии займутся трудоустройством работников "Электроцинка" | 0 | 0 | 23-11-2018 |
| 4 | Переобучение работников "Электроцинка" организуют во Владикавказе после остановки завода | 0 | 0 | 25-10-2018 |
| 5 | Более 2 тыс. связистов приняли участие в радиотренировке на западе России | 0 | 0 | 05-02-2019 |
| 6 | Уволенным сотрудникам пермского завода "Ремпутьмаш" предложат трудоустройство в РЖД | 0 | 0 | 09-10-2018 |
| 7 | Крупнейший перевозчик Пскова задолжал сотрудникам почти 8 млн рублей | 0 | 0 | 15-10-2018 |
| 8 | Сокращенным работникам завода в Орске выплатят 285 млн рублей | 0 | 0 | 21-08-2019 |
| 9 | "Русский Уголь": для сотрудников компании проведено более 3 тысяч тестов на COVID-2019 | 0 | 0 | 03-08-2020 |