Nach dem Willen der schwarz-roten Koalition sollen Arbeitnehmer künftig ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen. Telefonisch sollen sie die aber nicht mehr bekommen können. Wer davon proftitieren soll - und wer Nachteile hat.
FAQ Reformvorschlag von Schwarz-Rot Was es mit der Krankschreibung ab Tag 1 auf sich hat
Die Bundesregierung will die Regeln für Krankschreibungen verschärfen. Künftig soll nach den Plänen ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) Pflicht sein. Die telefonische Krankschreibung soll dabei entfallen. Was sich dadurch ändern würde.
Die schwarz-rote Koalition hat sich im Rahmen ihres Reformpakets darauf geeinigt, dass künftig ab dem ersten Tag der Erkrankung die verpflichtende Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) gesetzlich vorgeschrieben sein soll. Die telefonische Krankschreibung hingegen soll künftig nicht mehr möglich sein. Zuvor war in der Regel ab dem 4. Krankheitstag eine Krankschreibung vonnöten. Seit Corona konnten Arbeitnehmer mit ansteckenden Krankheiten sich auch telefonisch krankschreiben lassen.
Die genaue Ausgestaltung der Änderung ist noch offen. Kanzler Friedrich Merz (CDU) verwies außerdem bereits darauf, dass Unternehmen durch tarifliche oder Betriebsvereinbarungen davon abweichen können. Und: Arbeitgeber können bereits heute in Einzelfällen eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag verlangen.
Die Krankschreibung via Online-Videosprechstunde beim eigenen Hausarzt oder einem Telemedizin-Anbieter sollen offenbar weiterhin möglich sein.
Die genaue Ausgestaltung der neuen Regelungen ist noch offen.
Ein konkreter Starttermin steht noch nicht fest. Laut Kanzler Merz soll im Herbst 2026 im Bundestag über die Pläne beraten werden. Merz betonte auf der Pressekonferenz des Koalitionsausschusses, dass die gesamte Gesetzesarbeit für das Reformpaket bis Ende des Jahres 2026 abgeschlossen sein soll.
Bis das reguläre Gesetzgebungsverfahren dann durchlaufen ist, gelten die bisherigen Regelungen. Eine Umsetzung der neuen Regeln ist frühestens für Anfang 2027 zu erwarten.
Das klare Ziel sei es, so Merz, die hohen Krankenstände in Deutschland zu senken und so die Wirtschaft anzukurbeln [tagesschau.de].
Durch die Pflicht zur Vorlage eines Attests ab dem ersten Krankheitstag werde sich die Zahl der Krankmeldungen von Arbeitnehmerinnen und -nehmern reduzieren, sagte Jens Spahn (CDU) am Freitag im ZDF. "Wer tatsächlich vielleicht an dem jeweiligen Morgen nicht wirklich krank ist, aber noch überlegt, ob er hingehen sollte, der entscheidet sich dann im Zweifel vielleicht doch fürs Arbeiten."
Die Krankenkasse DAK-Gesundheit warnt vor negativen Effekten. "Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung steigert die Zahl der Arztkontakte und damit auch die Belastung der Beschäftigten in den Praxen", sagte Vorstandschef Andreas Storm der Deutschen Presse-Agentur. "In Kombination mit dem Zwang zur Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag drohen überfüllte Hausarztpraxen." Auch der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Frank Werneke, bezeichnete die Entscheidung als Misstrauensvotum - und als eine Katastrophe für die Arztpraxen.
Jakob Maske, Berliner Kinderarzt und Bundespressesprecher vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ), warnte in der Frankfurter Rundschau, die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung treffe "Kinder mit voller Härte", wenn ihre Eltern ab Krankheitstag eins "wegen jeder Bagatelle" sofort in die Praxis müssten. Oder aber mit dem sich in schlimmem Zustand befindenden Kind.
In Frankreich, Italien und Polen muss ein Arbeitnehmer ab dem ersten Krankheitstag eine Krankschreibung vom Arzt vorlegen.
In Dänemark ist eine Krankschreibung vom Arzt nicht zwingend ab einem bestimmten Tag vorgeschrieben. Arbeitgeber haben aber das Recht, ab dem ersten Krankheitstag ein Attest zu verlangen.
In Schweden müssen Arbeitnehmer ab dem 8. Krankheitstag eine ärztliche Krankschreibung haben. In Spanien wird ab dem vierten Krankheitstag ein ärztliches Attest verlangt.
Die Lohnfortzahlung ist in all den genannten Ländern unterschiedlich. Zum Teil gibt es für die ersten Krankheitstag(e) kein Geld.
Sendung: rbb|24, 03.07.2026, 17:05 Uhr
Audio: rbb|24, 03.07.2026, Julian von Bülow
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