Er war Marxist, der Jaguar fuhr und Avantgardist, der Tradition bewahrte: An seinem 100. Geburtstag weist Hans Werner Henzes Werk weit über die Widersprüche seines Lebens hinaus.
Das Leben von Hans Werner Henze steckt voller existenzieller Widersprüche, aufgespannt in einem Jahrhundert der Katastrophen. Gegen alle Anfechtungen bewahrte Henze jedoch eine zeitlose Wahrheit: Kunst ist kein Erziehungsinstrument, kein Steigbügel für Ideologen. Seine Musik schöpft aus der Tradition. Und sie legt Zeugnis dafür ab, dass Kunst nur als Fortschreibung ihrer eigenen Geschichte existieren kann.
Dabei hatte Henze allen Grund zu Radikalität und Einseitigkeit – und war später auch nicht frei von ideologischer Vereinnahmung. Traumatisch war die Erfahrung, dass sich der eigene Vater vom Linken in einen Nazi verwandelt hatte. Selbst den erwachsenen Sohn ließ er noch wissen: Homosexuelle wie er „gehörten eigentlich ins KZ“. Der Vater sollte Henze noch bis ins hohe Alter verfolgen.
„Ich finde seitdem die Deutschen suspekt und schrecklich“, sagte Henze 2006 im Interview mit SWR Kultur, wenige Jahre vor seinem Tod. Einzig seine Mutter und einige Klassenkameraden hätten ihm in diesen Gütersloher Jugendtagen geholfen. Er habe von der Existenz von Konzentrationslagern gewusst und Leute gekannt, die dort hingebracht worden seien.
„Zugehörig einer Nation voller Killer und Rassisten“ – das wollte er nicht länger sein. Nach ersten Ausflügen mit den Künstlerpaar Grete Weil und Walter Jokisch nach Ischia reifte der Entschluss, nach Italien auszuwandern. Gemeinsam mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die er 1952 bei einem Treffen der „Gruppe 47“ kennengelernt hatte, verbrachte er den darauffolgenden Sommer auf der Insel. Bis zu ihrem tragischen Tod verband beide eine innige Freundschaft und künstlerische Arbeitsbeziehung.
So feiert Italien Hans Werner Henze
Henze vertonte mehrere von Bachmanns Gedichten, darunter „Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen“. Als die Sopranistin Gloria Davy diese hochdramatische Partie 1957 bei den Donaueschinger Musiktagen zum ersten Mal sang, verließen Pierre Boulez, Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen als Wortführer der Neuen Musik demonstrativ den Saal. Sie fanden Henzes Kompositionsstil romantisch und reaktionär.
Durfte nur noch atonal komponiert werden? Sollte man „aufräumen“ mit allem, was nicht auf Schönbergs Zwölftonmusik aufbaute? Henze hat gegen diese Ideologisierung der Musik zeitlebens die künstlerische Freiheit verteidigt. Er stehe in einem „ständigen Gedankenaustausch mit der Frühromantik und der Klassik“, erklärte er 2006 im SWR-Interview, „ebenso zu Bach, zur Musik des Barocks und des Vorbarocks“.
Schon in Schönberg selbst steckte „die ganze deutsche Tradition“. Man müsse „mit der Geschichte leben und arbeiten“. Dabei verwendete auch Henze atonale Elemente in seinen Werken. Doch für ihn stand außer Frage, dass Musik nicht nur „Struktur“ ist, sondern etwas aussagt, ein Anliegen vorträgt, mit dem sie sich an Menschen richtet. „Wer sind wir, wenn wir das abschaffen wollen? Dann bleibt nichts übrig. Tote Hose.“
Wohl auch deshalb komponierte Henze vor allem für die Bühne. Dabei habe er sich eine „Agora“, den Marktplatz einer „Polis“ vorgestellt, sagt der Psychologe Jens Brockmeier, der die Essays und Gespräche des Komponisten herausgegeben hat. Musik und Theater sollten Menschen zusammenbringen und zur Entwicklung ihrer Gemeinschaft beitragen.
Allerdings ist fraglich, ob Henze darüber nicht zumindest zeitweilig doch zum Ideologen geworden ist. Früh war er der kommunistischen Partei Italiens beigetreten. Demonstrativ übernahm er 1969 und 1970 einen Lehrauftrag in Cuba. Und die Uraufführung seines Oratoriums „Das Floß der Medusa“ endete in Hamburg 1968 im offenen Tumult, weil die West-Berliner Mitwirkenden nicht unter einem Porträt von Che Guevara und einer roten Fahne auftreten wollten.
Ohnehin schien das kommunistische Bekenntnis zum Lebenswandel des hochdotierten Künstlers schlecht zu passen. Der „Spiegel“ verspottete damals den Komponisten, der für das „Floß der Medusa“ 80.000 D-Mark vom NDR erhalten hatte. Henze sei ein „gern gesehener Gast der Hochfinanz“, der im selben Atemzug die „Weltrevolution“ als größtes Kunstwerk der Menschheit beschwöre.
Wie ging das zusammen, ein Marxist, der sich exquisit kleidete und im Jaguar durchs Land fuhr? Ein Mann, der für seine Werke unvergleichlich hohe Preise verlangen konnte – und zugleich wochenlang Rudi Dutschke nach dem Attentat auf den Studentenführer in seiner Villa in den Albaner Bergen versteckte?
„Konfektion steht mir nicht“, hatte Henze in einem berühmten Interview 1992 mit der „Vogue“ festgestellt. Von seiner agitatorischen Bühnenmusik war er da allerdings schon abgerückt. Wie sein Freund Jens Brockmeier später feststellte, waren die Widersprüche seines Lebens für den Komponisten kein Ausdruck von Inkonsequenz, „sondern das, was das Ganze angetrieben hat.“
Henze habe begriffen, dass ein Künstlerleben von den Konflikten der eigenen Zeit handle, sagt Brockmeier. Daran habe er als romantischer Idealist festgehalten – selbst als die späten Lebensjahre des Komponisten durch Schwächeanfälle und den frühen Tod seines Lebensgefährten Fausto Moroni verdüstert wurden. „Das Leben im Widerspruch hat er für sich als programmatisch angesehen.“
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