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Bedrohung durch Russland, KI und Klima: Deutschland braucht mehr als eine Zeitenwende

Дата публикации: 01-07-2026 11:43:35

Verteidigung, Klimaschutz und Cybersicherheit: Kluge Politik darf da nicht priorisieren. Alle drei verdienen dasselbe Maß an Aufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft.

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Wenn russische Panzer in die Ukraine rollen, liegt es nahe, eine „Zeitenwende“ auszurufen, die Schuldenbremse aufzuweichen und massiv in die Verteidigung zu investieren.

„Whatever it takes“, „Koste es, was es wolle“: Das hatte in der Euro-Krise bereits der damalige EZB-Präsident Mario Draghi gesagt.

Daran knüpfte CDU-Chef Friedrich Merz vor gut einem Jahr an, als er während der Sondierungsgespräche mit der SPD sagte: „Angesichts der Bedrohungen unserer Freiheit und des Friedens auf unserem Kontinent muss jetzt auch für unsere Verteidigung gelten: Whatever it takes.“

Seitdem wird modernisiert und aufgerüstet. Auch über die Wiederinstandsetzung der Wehrpflicht wird nachgedacht. Heute die Ukraine, morgen das Baltikum, Georgien oder gar Polen? Diverse Szenarien werden analysiert.

Wie wahrscheinlich sie sind, ist unklar. Militärisch erfolgreich scheint die russische Armee in der Ukraine bei sehr hohen eigenen Verlusten nicht zu sein. Entscheidet sich im Donbas wirklich das Schicksal Europas?

Viele Sicherheitspolitiker bejahen das. Dabei geraten sie in ein Paradox: Je erfolgreicher die Ukraine, desto begründungsbedürftiger sind weitere Aufrüstungsappelle. Warnungen vor russischem Imperialismus klingen dann schnell alarmistisch.

Wo die Debatten noch theoretisch sind, bleibt die Hilfe konkret: Die Ukraine soll beim Nato-Gipfel in dieser Woche ein neues Versprechen für milliardenschwere Militärhilfen erhalten. Vorgesehen ist offenbar über zwei Jahre hinweg eine Mindestfinanzierung von 70 Milliarden Euro pro Jahr für militärische Ausrüstung, Unterstützung und Ausbildung.

Whatever it takes: Warum gilt das nicht im selben Maße für den Kampf gegen die globale Erderwärmung? Deren Folgen spüren die Menschen jedes Jahr aufs Neue und jedes Jahr umfassender. Tausende Hitzetote sind zu beklagen infolge von Überschwemmungen, Dürren, extremen Wetterereignissen.

All das wird immer noch in weiten Teilen der Politik als schicksalhaft hingenommen. Auch früher war es heiß und es gab Wärmegewitter, außerdem kann ein einzelnes Land nicht viel machen: Mit solchen Sätzen wird relativiert, verdrängt, nivelliert. Die Realität klimakatastrophal verursachter Temperaturen, steigender Meeresspiegel und Wüstenbildungen wird ausgeblendet.

In den vergangenen zehn Jahren mussten 250 Millionen Menschen durch klimabedingte Katastrophen innerhalb der Grenzen ihres Landes fliehen. Das sind Zahlen der Vereinten Nationen.

Demnach verließen im Jahr 2024 rund 45,8 Millionen Menschen ihre Heimat aufgrund von Katastrophen und klimabedingten Ereignissen sowohl kurz- als auch langfristig – das ist fast doppelt so hoch wie der Jahresdurchschnitt im vergangenen Jahrzehnt. Schlimmeres ist zu befürchten. Die Tendenz ist eindeutig.

Es fehlt nicht an Warnungen

Whatever it takes: Warum gilt das nicht im selben Maße für den Schutz vor den negativen Folgen Künstlicher Intelligenz? Deren Vorteile sind vielfältig. Es geht auch längst nicht mehr allein um Arbeitsplätze, die vernichtet (oder geschaffen) werden. Sondern es geht um Cyberangriffe, Biowaffen, das Eindringen von Cyberkriminellen in Bereiche der kritischen Infrastruktur.

Keiner weiß, welche Gefahr am größten ist – ob russische Aggression, Klima oder KI. Kluge Politik darf daher nicht priorisieren, sondern muss mehrgleisig fahren.

Malte Lehming

An Warnungen fehlt es nicht. Sie erfolgen im Wochenrhythmus und von alleroberster Stelle, etwa vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Das vom US-Unternehmen Anthropic entwickelte KI-Modell „Mythos“ zum Auffinden verborgener Softwareschwachstellen könnte erhebliche Auswirkungen auf die Cyberbedrohungslage haben, heißt es dort.

Denn „Mythos“ findet annähernd jede Schwachstelle. Laut Anthropic sei davon auszugehen, dass mit dem schnellen Fortschritt bei Künstlicher Intelligenz die Fähigkeiten von „Mythos“ bald auch Online-Angreifern zur Verfügung stehen könnten. Wer Fantasie hat, den gruselt es.

Noch eindringlicher liest sich die Warnung von mehr als 60 Vorstandsvorsitzenden und Spitzenmanagern aus KI, Biotechnologie und Sicherheitsbereich. Sie schreiben in einem offenen Brief an die US-Regierung und den Kongress: Es bestehe die „reale Gefahr, dass sich die Wissensbarrieren auflösen, die bisher Kriminelle daran gehindert haben, in den Besitz biologischer Waffen zu gelangen“.

Die Unterzeichner wissen, wovon sie reden und wovor sie warnen. Sie sind Experten. Zu ihnen gehören Sam Altman (OpenAI), Dario Amodei (Anthropic) und Demis Hassabis (Google DeepMind). Ihnen zufolge droht eine neue, KI-gestützte Ära von Biowaffen.

Whatever it takes: Keiner weiß, welche Gefahr am größten ist – ob russische Aggression, Klima oder KI.

Kluge Politik darf daher nicht priorisieren, sondern muss mehrgleisig fahren. Klimaschutz und Cybersicherheit verdienen dasselbe Maß an Aufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft wie die Ukrainepolitik. Das Wort „Zeitenwende“ braucht endlich einen Plural.

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