Öffentliche Kritik, Bankplatz-Debatten und Zweifel am Teamgeist: Jude Bellingham reiste mit viel Ballast zur WM. Nun ist er der Spieler, der bei England vorangeht.
Zwei Jahre ist es her, dass Jude Bellingham das nahezu Unmögliche gelang. Es lief das EM-Achtelfinale in Gelsenkirchen und die englische Fußball-Nationalmannschaft stand mit dem Rücken zur Wand. Doch dann kam Bellingham und glich per Fallrückzieher in der fünften Minute der Nachspielzeit gegen die Slowakei aus. Anschließend schrie der damals gerade 21 Jahre alt gewordene Bellingham die Worte „Who else?“ (Wer sonst?).
Es war der vorläufige Höhepunkt einer Darbietung, die nicht nur aus sportlicher Sicht Fragen aufwarf. Bellingham, der ein Jahr zuvor von Borussia Dortmund zu Real Madrid gewechselt war, spielte ein durchwachsenes Turnier, ebenso wie der Rest der englischen Mannschaft. Während dafür trotz der Finalteilnahme vor allem Trainer Gareth Southgate kritisiert wurde, kam Bellingham ungeschoren davon. Immer wieder huldigten die englischen Fans ihrem aufstrebenden Star mit Sprechchören oder indem sie den Beatles-Klassiker „Hey Jude“ anstimmten.
Manchmal sieht man die Wut, man sieht den Hunger und die Wut und das Feuer, und das kommt auf eine Art und Weise zum Vorschein, die ein bisschen abstoßend sein kann.
Thomas Tuchel über Jude Bellingham im Juni 2025
Dabei war Bellingham im Spiel gegen die Slowakei und auch schon zuvor vor allem mit Unsportlichkeiten und Starallüren aufgefallen. So schnauzte er Mitspieler an oder bezeichnete die englische Berichterstattung als „Blödsinn“. Später soll sich sogar die Mutter des aktuellen Nationaltrainers Thomas Tuchel bei ihrem Sohn über das Verhalten Bellinghams beschwert haben.
„Manchmal sieht man die Wut, man sieht den Hunger und die Wut und das Feuer, und das kommt auf eine Art und Weise zum Vorschein, die ein bisschen abstoßend sein kann – zum Beispiel für meine Mutter, wenn sie vor dem Fernseher sitzt“, sagte Tuchel im Juni 2025 bei „TalkSport“ dazu.
Und auch vor diesem Turnier, der WM in Nordamerika, stand Bellingham in der Kritik. Mitunter wurde öffentlich über einen Bankplatz, wenn nicht sogar über eine Nicht-Nominierung diskutiert. In einer schwierigen Saison bei Real schien sich der englische Nationalspieler im Theater des spanischen Weltklubs verfangen zu haben. Hinzu kam eine Schulterverletzung, durch die Bellingham die Länderspiele im September gegen Andorra und Serbien verpasste. Im Oktober wurde er dann trotz Comeback nicht nominiert und das englische Team lieferte auch ohne seinen Mittelfeldstar ab.
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Tuchel musste anschließend mehrmals versichern, dass er kein persönliches Problem mit Bellingham habe. „Jude hat einfach diesen Biss, was eine sehr gute Sache ist, denn man braucht einen gewissen Biss, um die Höhen zu erreichen, die er erreicht hat, und ich denke, wir alle müssen ihm helfen und ihn ermutigen oder ein Umfeld schaffen, in dem er diesen Biss gegenüber dem Gegner und gegenüber den Zielen, die wir als Mannschaft verfolgen, ausleben kann. Das ist das Hauptziel.“
Aus dieser Entwicklung resultierte schließlich die Frage, ob Jude Bellingham England tatsächlich besser macht. Ob er seinen Teil zu einem funktionierenden Teamgefüge beitragen kann. Besonders, nachdem er sich bei den Länderspielen im November noch über einen Bankplatz und eine Auswechslung aufgeregt hatte. Seine Auftritte bei dieser WM und spätestens seine Leistung beim Achtelfinalsieg gegen Mexiko dürften eine eindeutige Antwort geliefert haben: Er kann.
Bellingham brachte England gegen Mexiko nicht nur mit zwei Toren in Führung, er verhinderte auch eines kurz vor der Halbzeit mit einer Klärung in letzter Sekunde. Er gewann zudem 60 Prozent seiner Zweikämpfe, lief den Gegner unermüdlich an und Räume zu, die nach der Roten Karte für seinen Mitspieler Jarell Quansah in der 54. Minute entstanden. Schon in den Spielen zuvor war der mittlerweile 23-Jährige mit seiner großen Einsatzbereitschaft aufgefallen und der Art und Weise, wie er seine Mitspieler zu Höchstleistungen antrieb.
Er erfüllte nicht nur die Vorstellung seines Trainers, als verkappter Zehner seine Defensiv- ebenso wie seine Offensivaufgaben zu vereinen. Sondern auch die Vorgabe, Stürmer Harry Kane zuzuarbeiten.

© dpa/Natacha Pisarenko
Neben seinen vier Toren bei diesem Turnier bereitete er seinem Offensivpartner einen Treffer vor und öffnete ihm mit seinen tiefen Läufen immer wieder Räume am Sechzehner. Weder die Befürchtungen namhafter Experten, die beiden könnten nicht harmonieren, noch die Zweifel an Bellinghams Verhältnis zu Tuchel bewahrheiteten sich.
„Noch nie war ich stolzer auf eine Mannschaft“, sagte Bellingham nach dem Sieg gegen Mexiko. „Das heute war eine Leistung, die das ganze Land möglich gemacht hat.“ War er bei der EM vor zwei Jahren noch besonders mit selbstbezogenen Aussagen aufgefallen, kann er dieser Tage nicht oft genug betonen, wie wichtig das Team ist.
Und das dürfte nicht nur die englischen Fans hoffnungsvoll auf das Viertelfinal-Duell mit Norwegen am Samstag (23 Uhr, MagentaTV) blicken lassen, sondern auch die Mutter von Thomas Tuchel zufriedenstellen.