Die NOAA prognostiziert mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit ein starkes bis sehr starkes El-Niño-Ereignis zum Jahreswechsel. Fachleute warnen vor Überschwemmungen in Südamerika und Dürren in Australien und Indonesien. Aber worauf beruht die Vorhersage?
Vorhersagen des tropischen Klimaphänomens sind schwierig – doch die Wahrscheinlichkeit für ein sehr starkes Ereignis ist hoch.

Kommt das Christkind, oder kommt es nicht? Und wenn es kommt – wie heftig werden die Folgen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich meist im Mai/Juni zahlreiche Erdsystemforscher, denn das Christkind ist Namensgeber für El Niño, eine wiederkehrende natürliche Klimaschwankung im tropischen Pazifik. Peruanischen Fischern fiel das Phänomen zuerst auf, bei dem sich das Meerwasser insbesondere in der Zeit vor Weihnachten ungewöhnlich erwärmt. Sie gaben ihm damals den Namen El Niño de Navidad – der Junge von Weihnachten. Auch heute noch hat das Phänomen Konsequenzen für Millionen Menschen. Diesmal könnte es besonders stark ausfallen.
Das Grundprinzip hinter El Niño lässt sich relativ leicht beschreiben: Normalerweise treiben kräftige Passatwinde warmes Oberflächenwasser von Südamerika Richtung Indonesien und Australien. Dadurch staut sich im Westpazifik warmes Wasser, während vor Peru und Ecuador kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser aufsteigt, um die Lücke zu füllen. Durch El Niño schwächen sich die Passatwinde ab oder kehren sich sogar um. Dann schwappt das warme Oberflächenwasser ostwärts zurück in den zentralen und östlichen Pazifik. Vor Südamerika wird das Meer ungewöhnlich warm, der Auftrieb kalten Tiefenwassers lässt nach. Dafür entsteht in der Atmosphäre über dem warmen Wasser mehr Auftrieb, was die Passatwinde weiter abschwächt.

All das hat Folgen, insbesondere in Zyklen, in denen El Niño besonders stark ausgeprägt ist, wie Nils Brüggemann vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen erläutert: „Die Fischerei an der Westküste Südamerikas leidet darunter, dass während eines El-Niño-Ereignisses die Fischvorkommen auf Grund des fehlenden nährstoffreichen Wassers in den Auftriebsgebieten stark zurück gehen. Das wärmere Wasser vor Peru verdunstet stärker, wodurch in Peru und Ecuador mehr Niederschläge fallen und Überflutungen zunehmen.“ Auf der anderen Seite des Pazifiks fehle hingegen das warme Wasser, weshalb sich zum Beispiel vor den Küsten von Indonesien und Australien die Verdunstung reduziere, was in diesen Regionen zu verstärkten Dürren und Waldbränden führen kann. Eine aktuelle Studie zeigt sogar, dass El Niño bewaffnete Konflikte antreiben kann.
„Auf das Wetter in Europa hat El Niño kaum Auswirkungen, da unser Klimasystem stark vom Atlantik geprägt ist“, sagt Brüggemann. „Andere Effekte beeinflussen die Temperaturen bei uns stärker und überlagern die Folgen von El Niño.“
Während die Öffentlichkeit meist nur von El Niño spricht, ist das Phänomen für die Wissenschaft Teil eines größeren Systems, der El Niño Southern Oscillation, kurz ENSO. Denn auf El Niño folgt zunächst eine Phase der Ruhe, dann häufig La Niña, eine Zeit, in der sich die Temperatureffekte genau umgekehrt verhalten wie bei El Niño. Nach einer weiteren Ruhephase beginnt dann irgendwann mit El Niño der nächste Zyklus. „Man kann aber nicht sagen, dass auf einen starken El Niño sofort eine starke La Niña folgt“, erklärt Brüggemann. Es gebe sogar El Niños, auf die gar keine La Niña folgt.
Schwierig vorherzusagendes Phänomen„Es ist ein System, das uns in der Forschung komplett herausfordert, weil es ganz verschiedene Aspekte der Dynamik mit einbezieht“, sagt Brüggemann über ENSO. Neben der atmosphärischen und der ozeanischen Zirkulation werde etwa vermutet, dass einzelne Zyklone darüber entscheiden könnten, wie stark El Niño wird.
Für die Vorhersage nutzen Fachleute Computermodelle, die mit aktuellen Wetter- und Ozeandaten gefüttert werden. Die große räumliche Skala, auf der sich El Niño bewegt, und die kleinskaligen Prozesse, die El Niño auslösen können, erschweren eine genaue Vorhersage einzelner El-Niño-Ereignisse, da der exakte Atmosphären- und Ozeanzustand auch mittels moderner Messsysteme nicht hinreichend genug bekannt ist. Deshalb rechnen die Modelle mehrere Szenarien mit stets leicht variierten Ausgangsbedingungen und definieren so Korridore von Wahrscheinlichkeiten, ob ein leichter, starker oder sehr starker El Niño zu erwarten ist.
Der wichtigste Indikator ist dabei die Oberflächentemperatur in bestimmten Teilen des äquatorialen Pazifiks. Eine Reihe von Bojen misst dazu die Bedingungen oberhalb der Meeresoberfläche bis in eine Tiefe von etwa 500 Meter. Hinzu kommen Satellitendaten, die ebenfalls die Temperatur, aber auch die Höhe des Wasserstands erfassen und einen flächendeckenden Eindruck von der Ozeanoberfläche geben. Ab Mai oder Juni sind dann erste belastbare Prognosen möglich, die zum Ende des Sommers hin noch deutlich genauer werden, ob und in welcher Stärke sich ein El Niño entwickelt.
Inzwischen spricht die maßgebliche US-Behörde NOAA von einem gesicherten El-Niño-Ereignis. Auch global weisen die Weltmeere Rekordtemperaturen auf. Derzeit liegt die Wahrscheinlichkeit bei fast 90 Prozent, dass um den Jahreswechsel ein starker oder sehr starker El Niño zu erwarten ist. „Das hängt aber noch stark vom Wetter ab, und das Wetter ist auf langen Zeitskalen kaum vorhersagbar“, erläutert Brüggemann. Mit etwa zwei Prozent Wahrscheinlichkeit ist selbst ein sehr schwacher El Niño immer noch möglich.

„In einigen Regionen wird es vermutlich zu drastischen Wetterereignissen kommen, während die Konsequenzen an anderen Orten deutlich milder ausfallen könnten“, ordnet Brüggemann ein. Generell gilt: Ein sehr starker El Niño erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Extremereignisse eintreten, bedeutet aber keinen Automatismus, dass dies auch geschieht.
„Die Entwicklung erinnert an die Situation im Frühjahr 2023, als die globalen Meerestemperaturen begannen, die Höchstwerte früherer Jahre mit immer größerem Abstand zu übertreffen“, erinnert sich Helge Gößling vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Sollte sich tatsächlich ein starkes El-Niño-Ereignis entwickeln, sei es wahrscheinlich, dass der globale Temperaturrekord von 2024 nach nur drei Jahren im Jahr 2027 übertroffen werde.
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