Mit einer bewegenden Gala endete das 79. Festival. Auch der deutsche Film durfte sich feiern – mit gleich drei Auszeichungen.
Viele Tränen, eine Gleichplatzierung, zweimal zwei Darstellerpreise und eine Goldene Palme für „Fjord“ von Cristian Mungiu, der einen Tag zuvor schon den Preis der Ökumenischen Jury sowie den der Filmkritiker gewonnen hatte: Die Gala zum Ausklang des 79. Filmfestivals in Cannes am Samstagabend hatte vieles zu bieten - und wurde gerade darin der Vielfalt und Qualität der diesjährigen Filmschau an der Croisette gerecht.
Selten gab es so viele nachdenkliche Statements von Laudatoren wie Preisträgern zu hören, in denen das Wissen um die Bedrohungen der Gegenwart nicht in aktivistischen Parolen erstarrte. Sondern wie in „Fjord“ als harte Wirklichkeit eher benannt denn wohlfeil gelöst wurden. Das erste nicht-rumänischsprachige Drama des Filmemachers, der 2007 mit „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ schon einmal die Goldene Palme gewonnen hatte, seziert am Beispiel einer evangelikalen Einwandererfamilie die Grenzen westlich-liberaler Toleranz; der Konflikt um körperliche Züchtigung in der Erziehung, hinter dem sich grundlegend unterschiedliche Vorstellungen über das Zusammenleben abzeichnen, lässt sich nicht auflösen, weshalb die rumänisch-norwegische Familie am Ende das Wohlstandsparadies wieder verlässt.

Regisseurin Valeska Grisebach nimmt den Preis der Jury entgegen.© Andreea Alexandru/Invision/AP/dpa | Andreea Alexandru
Entscheidend ist dabei die Perspektive des Films, der auf die Kehrseite einer vermeintlich offenen Gesellschaft schaut. Denn diese hat sehr wohl Grenzen, obwohl sie das Gegenteil zu behaupten scheint. Insbesondere der institutionelle Aspekt in Gestalt sozialer Mechanismen oder juristischer Verfahren erweist sich in „Fjord“ als illiberaler Abgrund, der an Hartleibigkeit und Kommunikationsverweigerung keinem Fundamentalismus nachsteht.
Auch wenn man in dem Preisregen durchaus einen gewissen Hang zum Proporz erkennen kann, der möglichst viele Gruppen und Richtungen repräsentiert, gehen zumindest die Schauspieler-Doppelungen in Ordnung, die sowohl bei „All of a Sudden“ als auch bei „Coward“ die Leistungen der Hauptfiguren-Duos würdigen.
Bemerkenswert ist auch der neuerliche Preis der Jury für eine deutsche Produktion. Nach der Ehrung von „In die Sonne schauen“ vor einem Jahr ist es jetzt „Das geträumte Abenteuer“ von Valeska Grisebach, das mit der begehrten Trophäe ausgezeichnet wurde. Dazu kommt der Ex-aequo-Regiepreis für Pawel Pawlikowski und seine polnisch-deutsche Ko-Produktion „Vaterland“ über die Rückkehr von Thomas und Erika Mann aus dem US-amerikanischen Exil mit Hanns Zischler und Sandra Hüller. Plus den Hauptpreis der „Un certain regard“-Nebenreihe für Sandra Wollners außergewöhnliche Trauer-Studie „Everytime“, die viele als den besten Film des ganzen Festivals galt. Man muss dafür gar nicht sonderlich patriotisch gestimmt sein, um das als Bestärkung des deutschen Filmschaffens zu empfinden.
Die Mitglieder der Internationalen Jury waren Park Chan-wook (Präsident), Demi Moore, Ruth Negga, Laura Wandel, Diego Céspendes, Isaach de Bankolé, Paul Laverty, Chloé Zhao, Stellan Skarsgård. KNA
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