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Neustart für Arbeitslose im Tafel-Garten: „Sie war 19 und hatte keinen Bock”

Дата публикации: 10-07-2026 07:57:00

Obst, Gemüse und Kräuter von der Leipziger Tafel stammt zu Teilen aus dem eigenen Garten – angebaut von Langzeitarbeitslosen. Für sie geht es dabei um Mehr als nur Gärtnern.

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Obst, Gemüse und Kräuter von der Leipziger Tafel stammt zu Teilen aus dem eigenen Garten – angebaut von Langzeitarbeitslosen. Für sie geht es dabei um Mehr als nur Gärtnern.

André Witkowski war nicht immer langzeitarbeitslos. „Ich war eigentlich immer auf dem Bau“, erzählt der 62-Jährige. Doch dann kam ihm die Gesundheit dazwischen: zweimal Krebs, Epilepsie und Gicht.

Seitdem kann er nicht mehr arbeiten, zumindest nicht auf dem normalen Arbeitsmarkt. „Nur zu Hause rumsitzen will ich aber auch nicht“, stellt Witkowski klar. Auch wenn es nur zwei Euro pro Stunde gibt, arbeitet er deshalb unter der Woche in einem sogenannten Tafelgarten. „So kann ich mir ein paar Mark dazuverdienen.“ 

In den Tafelgärten in Leipzig bauen Langzeitarbeitslose vor allem Gemüse an, das dann über die Tafeln an Bedürftige ausgegeben wird. „Allein in Leipzig hat die Tafel etwa 25.000 Kundinnen und Kunden, da gibt es also ordentlich Bedarf“, erzählt der Leiter des Projekts, Helgo Schmolke. 

Die Gärten gibt es in Leipzig schon seit 2007. Der Kleingartenverein „Kultur“ im Leipziger Stadtteil Anger-Crottendorf stellte zum Anfang brachliegende Fläche zur Verfügung. Mittlerweile gibt es darauf Beete, Gewächshäuser, Lauben und Hochbete - eben alles, was man braucht, um Gemüse wie etwa Kohlrabi aber auch Kräuter und Obst anzubauen. 

Kohlrabi ernten, um Teil der Gesellschaft zu bleiben

In den Tafelgärten des Kleingartenvereins „Kultur” im Osten der Stadt ernten Langzeitarbeitslose die von ihnen im Frühjahr angepflanzten Gurken. Waltraud Grubitzsch/dpa

Im Sommer draußen, im Winter in der Werkstatt

Wer Teil des Projekts sein kann, bestimmt das Jobcenter. Es weist die Langzeitarbeitslosen für einige Monate zu. Zwei bis drei Mal in fünf Jahren bekommen die Menschen ohne Job die Chance, an solchen sogenannten Arbeitsgelegenheiten wie den Tafelgärten teilzunehmen. 

Im Sommer sind die mindestens seit zwölf Monaten arbeitslosen Gärtnerinnen und Gärtner draußen, kümmern sich dort um die Pflanzen, die Ernte und das Verladen der Lebensmittel in den Tafel-Laster. Im Winter ist Werkstatt-Dienst angesagt. 

„Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen hier an die Strukturen und die Flexibilität des Arbeitsmarkts herangeführt werden“, erklärt Schmolke. Deshalb arbeiteten sie nach Schichtplan, vier Stunden vormittags, dann löst die Nachmittagsschicht ab. Für die Arbeit gibt es eine sogenannte Mehraufwandsentschädigung. 

Es geht nicht nur um die bloße Arbeit

Witkowski findet diese Struktur gut und wichtig – nicht unbedingt für sich, er habe ja gelernt, wie es läuft, aber für andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer. „Wir haben hier mal eine junge Frau gehabt, gerade 19 Jahre, die wusste nicht, wie es läuft. Die hatte keinen Bock, die kam zu spät. Dann haben wir die hier mal zur Seite genommen und ihr erklärt, was wichtig ist. Später hat sie dann sogar einen Ausbildungsplatz gefunden.“ 

Kohlrabi ernten, um Teil der Gesellschaft zu bleiben

In den Tafelgärten des Kleingartenvereins „Kultur” im Osten der Stadt werden die von Langzeitarbeitslosen frisch geernteten Zucchini, Gurken und Kohlrabi für den Abtransport zur Tafel bereitgestellt. Waltraud Grubitzsch/dpa

25 Prozent des Tafel-Bedarfs 

Jedes Jahr werden in den Leipziger Tafelgärten mehrere Tonnen geerntet. Mit den rund 60 Arten Obst und Gemüse und den Kräutern könne etwa 25 Prozent des Bedarfs der Leipziger Tafel abgedeckt werden. 

Projekte wie die Tafelgärten richten sich vor allem an diejenigen, die sich in der Langzeitarbeitslosigkeit orientieren wollen, erklärt Schmolke. Außerdem sollen sie – wie etwa für Witkowski – eine Chance auf soziale Teilhabe sein. Das Projekt wird auch von Sozialarbeiterinnen begleitet, die sich um alle Fragen abseits vom Gärtnern drehen.

Für Witkowski kommen viele andere Arten von Mitarbeit aus gesundheitlichen Gründen mittlerweile nicht mehr infrage. Er ist froh darüber, dass das Arbeitsamt ihm nun schon zum achten Mal ermöglicht, für ein paar Monate Teil des Tafelgarten-Teams zu sein. Dort kann er sich hinsetzen, wenn er eine Pause braucht, trifft auf andere Arbeitslose, hat eine Aufgabe, sagt er. „Und ich kann meinem Sohn noch ein wenig Geld dazugeben. So soll es ja auch sein. Nicht andersrum: Der Sohn muss seinem Vater was abdrücken.“

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