Der Neuseeländer überzeugte durch stille Grösse und unaufdringliche Präsenz in Filmen wie «The Piano» oder «The Hunt for Red October». Vor wenigen Monaten hatte Neill noch den erfolgreichen Ausgang seiner Krebstherapie verkündet.
Der Neuseeländer überzeugte durch stille Grösse und unaufdringliche Präsenz in Filmen wie «The Piano» oder «The Hunt for Red October». Vor wenigen Monaten hatte Neill noch den erfolgreichen Ausgang seiner Krebstherapie verkündet.

Mario Anzuoni / Reuters
Dr. Alan Grant, der Paläontologe mit einer deutlichen Abneigung gegen Kinder, ist kein leicht zu begeisternder Typ. Auf die Idee eines exzentrischen Milliardärs, geklonte Urzeitechsen auf einer Insel auszusetzen und diese in einen Freizeitpark zu verwandeln, reagiert er zunächst mit wissenschaftlicher Skepsis: «Dinosaurier und Mensch, zwei Arten, die durch 65 Millionen Jahre Evolution getrennt sind, zusammenzubringen – wie können wir nur die blasseste Ahnung haben, was uns erwartet?»
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Nur wenig später muss er – wörtlich – seinen Hut ziehen und die Sonnenbrille absetzen, als ein Brachiosaurus an dem Jeep vorbeistapft, in dem er mit seiner Forscherkollegin Ellie Sattler (Laura Dern) sitzt. Für einen Moment erstarrt der Mensch angesichts der Wunder der Technik. Dr. Grant ist ebenso verblüfft wie die Kinozuschauer 1993 angesichts des digitalen Dinozirkus in «Jurassic Park». Natürlich bleibt es bei Steven Spielberg nicht beim kindlichen Staunen: Die prähistorischen Schöpfungen werden zur lebensbedrohlichen Gefahr – und Grant mausert sich zum Retter, ausgerechnet von Kindern.

Murray Close / Moviepix via Getty
Für Sam Neill war die Rolle des Paläontologen die populärste seiner Karriere. Dreimal verkörperte er Alan Grant, zum letzten Mal, als er 2022 für den sechsten Ableger, «Jurassic World Dominion», zurückkehrte. Kurz danach machte er in seiner Autobiografie «Did I Ever Tell You This?» öffentlich, dass er wegen eines Non-Hodgkin-Lymphoms, einer seltenen Form von Blutkrebs, in Behandlung sei. Am Montag, 13. Juli, gab seine Familie über Instagram den Tod von Sam Neill in Sydney bekannt. Er kam überraschend; im April hatte der Schauspieler den Krebs als besiegt erklärt.
Mehr als fünf Jahrzehnte lang verkörperte der neuseeländische Schauspieler Männer, die kaum zum Helden geboren waren, aber im entscheidenden Moment über sich hinauszuwachsen vermochten. So wie 1990 in «The Hunt for Red October», wo er als loyaler Erster Offizier im kalten U-Boot-Krieg an der Seite von Sean Connery agierte.

Paramount / Everett Collection via Imago
Geboren 1947 im nordirischen Omagh, wuchs Nigel John Dermot «Sam» Neill in Neuseeland auf. In seiner Kindheit litt er an starkem Stottern. Nach einem Studium der englischen Literatur prägte er früh das aufstrebende neuseeländische Kino, unter anderem mit «Sleeping Dogs» (1977).
Seine erste grössere Hollywood-Rolle spielte er im dritten Teil von «Omen» als erwachsene Inkarnation des Teufelskindes Damien. Noch eindrucksvoller war seine Leistung im gleichen Jahr in Andrzej Zulawskis fiebrigem Ehe-Horror «Possession» (1981). An der Seite von Isabelle Adjani spielt Neill einen Mann, dessen vermeintliche Selbstkontrolle in Wahnsinn umschlägt.
Noch eindringlicher war Neill 1993 in Jane Campions «The Piano» als schottischer Siedler, der eine stumme Pianistin in arrangierter Ehe heiratet. Aus einer Figur, die leicht als blosser Tyrann erscheinen könnte, machte Neill das vielschichtige Porträt eines Mannes, der gefangen ist in den Zwängen des 19. Jahrhunderts und eigener emotionaler Unfähigkeit.

Miramax / Everett Collection via Imago
Auch im Fernsehen hinterliess er Spuren, zunächst als Merlin in der gleichnamigen Miniserie, später in «The Tudors» und «Peaky Blinders». Die lauten Auftritte waren nie seine Sache. Sam Neill überzeugte durch stille Grösse und unaufdringliche Präsenz. Selbst die Mächtigen spielte er mit einem leichten Lächeln, hinter dem oft Unsicherheit oder Verletzlichkeit durchschimmerte.
Abseits der Leinwand kultivierte Neill das Bild eines Mannes, der den Promi-Kult mit höflicher Distanz betrachtete. Auf seiner Farm in Central Otago widmete er sich dem Weinbau. Seine oft selbstironischen Auftritte in den sozialen Netzwerken machten ihn einer jüngeren Generation bekannt. Darin gab er sich nicht als unnahbarer Star, sondern als gebildeter, humorvoller Mensch, der liebevoll von seinen Schweinen schwärmte.
Im Kino wird es auch künftig beeindruckende Dinosaurier geben. Ein Schauspieler, der ihnen mit so viel Skepsis, Staunen und Menschlichkeit begegnete wie Sam Neill, wird fehlen.
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