Seit 1966 wartet England auf den WM-Titel. Unter Nationaltrainer Thomas Tuchel soll es jetzt klappen. Dabei wäre dieser früher beinahe in der Stuttgarter Hip-Hop-Szene hängen geblieben.
Thomas Tuchel könnte der erste sein. Noch nie zuvor hat ein ausländischer Trainer ein WM-Team zum großen Titel geführt. Dabei hat der 52-jährige Erfolgstrainer aus dem bayerisch-schwäbischen Krumbach schon reichlich Trophäen gewonnen. Champions-League-Sieger mit dem FC Chelsea, Deutscher Meister mit dem FC Bayern München, zwei Mal französischer Meister mit Paris Saint-Germain. Umso verrückter klingt es aus heutiger Sicht, dass der FIFA-Welttrainer 2021 in jungen Jahren als Barkeeper in Stuttgart sein Brot verdiente. Es klingt wie die perfekte Hollywood-Geschichte "vom Tellerwäscher zum Millionär", die ausgerechnet bei der Fußball-WM in den USA ihren Höhepunkt erreichen könnte.
Tuchels Fußballer-Karriere endete vorzeitig mit 24. Grund: Ein Knorpelschaden im Knie. Kurz darauf machte er seinen Trainerschein. Um sich während seines parallel laufenden BWL-Studiums in Stuttgart etwas hinzu zu verdienen, jobbte er in der legendären "Radio-Bar". Diese war zwischen 1996 und 2000 der Anlaufpunkt für die deutsche Hip-Hop-Szene, erzählte der Stuttgarter Sport- und Eventmanager Johannes "Strachi" Strachwitz 2011 dem SWR. Strachwitz und Tuchel sind bis heute Freunde.
Entstanden war der kulturelle Treffpunkt, nachdem das bekannte Musikgeschäft "Radio Barth" Insolvenz anmeldete. Der klobige Sechziger-Jahre-Bau am Rotebühlplatz in der Stuttgarter City stand zunächst leer. Niemand wusste, was man damit anfangen soll. Kurzerhand entfernten einige junge Leute zwei Buchstaben aus dem Firmennamen "Radio Barth". Sie gründeten mit der "Radio-Bar" einen Hot-Spot für alle, die sich an neuer Musik ergötzen wollten. Carlos Coelho war einer dieser Jungs. Er wird in der Stuttgarter Zeitung zitiert: "Dort, wo sie einst an ihre Blockflöten kamen, hatten sie nun Sex auf dem Klo." Mittendrin in diesem wilden Treiben: Der 25-jährige Thomas Tuchel.
Dem englischen Nachrichtensender BBC erzählte der heutige Nationalcoach Österreichs, Ralf Rangnick, kürzlich die absurde Geschichte, wie er seinerzeit den jungen Trainer Thomas Tuchel in Stuttgart aufspürte. Rangnick war damals Cheftrainer des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart. Er kannte Tuchel noch aus gemeinsamen Zeiten beim SSV Ulm. Dort hatte Rangnick seinen Spieler Tuchel sechs Monate gecoacht und dessen zum Karriereende führende Verletzung hautnah miterlebt. "Als ich dann herausfand, dass er (Tuchel, Anm. d. Red.) in einer Bar arbeitete, um sein Geld zu verdienen, konnte ich es kaum glauben. Ich rief ihn an und fragte ihn, was er da mache."
Die trockene Antwort Tuchels: "Ich verdiene dort mein Geld." Offenbar schien Rangnick schon damals in dem "ehrgeizigen, neugierigen und lustigen" jungen Tuchel besondere Qualitäten gesehen zu haben. Kurzerhand machte er Tuchel zum Jugendtrainer beim VfB Stuttgart. Dort arbeitete Tuchel von 2000 bis 2005 als Jugend- und U19-Coach. Danach nahm seine beeindruckende Trainer-Laufbahn richtig Fahrt auf. Beim 1. FSV Mainz 05 schaffte Tuchel den Sprung zum Chef-Coach eines Bundesligisten, erreichte mit dem Verein alsbald die erstmalige Qualifikation für die Europa League. Der Beginn einer Weltkarriere.
Der WM-Titel 2026 mit England wäre deren Krönung.