Ab 2027 will der Staat die Zinsen für Steuernachzahlungen von 1,8 auf 3,6 Prozent verdoppeln. Begründung: Marktzinsen. Wahrheit: Bis 2031 fließen 600 Millionen Euro extra in die Staatskasse.
Stand: 16.07.2026, 07:17 Uhr
Von: Martin Wald
Ab 2027 will der Staat die Zinsen für Steuernachzahlungen von 1,8 auf 3,6 Prozent verdoppeln. Begründung: Marktzinsen. Wahrheit: Bis 2031 fließen 600 Millionen Euro extra in die Staatskasse.
Berlin – Der Staat will Berichten der Bild zufolge an der Zinsschraube drehen, und zwar kräftig. Ab Januar 2027 sollen sich die Zinsen für Steuernachzahlungen von 1,8 auf 3,6 Prozent jährlich verdoppeln.
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Finanzminister Lars Klingbeil verkauft das als Anpassung an gestiegene Marktzinsen. Die Wahrheit: Der Bund rechnet bis 2031 mit Mehreinnahmen von über 600 Millionen Euro. Eine Anpassung, die sich für die Staatskasse mehr als lohnt.

Der monatliche Vollverzinsungszins nach Paragraf 233a Abgabenordnung steigt von 0,15 auf 0,3 Prozent. Betroffen sind alle Fälle, bei denen zwischen Jahresende und Steuerfestsetzung längere Zeit vergeht. Die Regelung gilt in beide Richtungen: Wer nachzahlen muss, zahlt mehr Zinsen.
Wer Geld zurückbekommt, erhält ebenfalls höhere Zinsen. Klingt fair, ist aber vor allem eines: lukrativ für den Fiskus. Allein 2027 plant der Bund mit 60 Millionen Euro Mehreinnahmen, wie aus dem Entwurf zum Jahressteuergesetz 2026 hervorgeht.
Bis 2022 verlangte der Staat satte sechs Prozent Jahreszins – ein Relikt aus Zeiten, als Sparbücher noch Rendite brachten. Das Bundesverfassungsgericht kippte diese Regelung als verfassungswidrig.
Die Niedrigzinsphase rechtfertigte keine derart hohen Sätze mehr. Der Gesetzgeber senkte daraufhin rückwirkend ab 2019 auf 1,8 Prozent. Jetzt, wo die Zinswende längst vollzogen ist, zieht Berlin nach – und verdoppelt prompt.
Parallel präsentieren Kanzler Merz und Finanzminister Klingbeil zwei Reformvarianten für die Einkommensteuer. Modell 1 verspricht 28 Milliarden Euro Entlastung, finanziert über höhere Vermögensteuern. Der Reichensteuersatz klettert auf 49 Prozent ab einem zu versteuernden Einkommen von 200.000 Euro.
Modell 2 kommt mit 17 Milliarden Euro Entlastung aus, verzichtet auf Erbschaftsteuererhöhungen und setzt den Spitzensteuersatz bei 44 Prozent ab 75.657 Euro an. Die Reichensteuer liegt hier bei 48 Prozent ab 200.000 Euro. Für Einkommen zwischen 40.000 und 60.000 Euro bedeutet das je nach Variante 400 bis 900 Euro mehr netto.
Der Grundfreibetrag steigt auf 12.900 Euro, das Kindergeld auf 272 Euro monatlich bis 2028. Der Arbeitnehmerpauschbetrag erhöht sich um 200 auf 1.430 Euro. Klingt nach Entlastung, ist aber Augenwischerei. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet vor: Für einen vollständigen Ausgleich der kalten Progression bräuchte es 15 Milliarden Euro. Die Regierung plant nur 10 Milliarden.
Die Differenz zahlen Steuerzahler aus der eigenen Tasche. Noch brutaler wird es bei den Sozialabgaben. Der Rentenbeitrag steigt bis 2028 auf 19,9 Prozent, dazu kommen höhere Beitragsbemessungsgrenzen in der Kranken- und Pflegeversicherung.
Finanzwissenschaftler Frank Hechtner von der FAU warnt: Für mittlere und höhere Einkommen fressen diese Mehrbelastungen die Steuervorteile komplett auf. Kinderlose Singles haben am Ende sogar weniger netto.
Juli stellten Justiz- und Finanzministerium einen Aktionsplan gegen Steuerbetrug vor. Die strafbefreiende Selbstanzeige wird eingeschränkt, führt künftig nicht mehr automatisch zur Straffreiheit. Kryptowährungen rücken stärker in den Fokus der Besteuerung.
Der Bund erhofft sich dadurch Mehreinnahmen von rund einer Milliarde Euro. Weitere Änderungen: Der Handwerkerbonus sinkt von 20 auf 15 Prozent, die Pauschalsteuer für Minijobs steigt von 2 auf 5 Prozent. Die KfW soll 2027 und 2028 jeweils 500 Millionen Euro Gewinn an den Bundeshaushalt abführen.
Die Regierung verkauft Zinserhöhungen als Marktanpassung und Steuererleichterungen als Entlastungspaket. Die Realität sieht anders aus: Der Staat optimiert seine Einnahmen, während Steuerzahler real Kaufkraft verlieren. Die kalte Progression wird nur teilweise ausgeglichen, gleichzeitig steigen Sozialabgaben massiv.
Für Selbstständige und kinderlose Singles bedeutet das unterm Strich: weniger Geld trotz angeblicher Entlastung. Die beiden Steuermodelle sind politisches Theater. Modell 1 mit Reichensteuer von 49 Prozent wird die Union nie mittragen.
Modell 2 ist zu zahnlos für echte Entlastung. Am Ende kommt vermutlich ein Kompromiss, der niemandem wirklich hilft. Die Zinsverdopplung dagegen ist fix – und spült garantiert Hunderte Millionen in die Staatskasse. Wer jetzt smart agiert, optimiert seine Steuererklärung konsequent.
Jeder Euro Nachzahlung kostet ab 2027 doppelt so viel Zinsen. Selbstständige sollten Vorauszahlungen präzise kalkulieren und Fristen penibel einhalten. Die Zeit der Nachlässigkeit ist vorbei. Der Staat kassiert künftig härter – da hilft nur akribische Steuerplanung.
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