Der Nobelpreisträger Isidor Rabi führte seinen Weg als Wissenschaftler auf eine Frage seiner Mutter zurück, die sie ihm täglich nach der Schule stellte.
Stand: 16.07.2026, 05:03 Uhr
Von: Andreas Apetz
Der Nobelpreisträger Isidor Rabi führte seinen Weg als Wissenschaftler auf eine Frage seiner Mutter zurück, die sie ihm täglich nach der Schule stellte.
Frankfurt – Es gibt viele Anekdoten über die großen Genies der Geschichte und ihre ungewöhnlichen Gewohnheiten. Meistens sind es skurrile Marotten wie Albert Einsteins zehnstündiger Schlaf oder Nikola Teslas tägliche Zehenübungen. Unscheinbarer, aber womöglich aufschlussreicher ist eine andere Geschichte: die des jüdischen Einwandererkindes Isidor Isaac Rabi, das 1902 aus Galizien nach New York kam und später den Nobelpreis für Physik erhielt. Dafür dankte er seiner Mutter, die ihn – „ohne es jemals beabsichtigt zu haben“ – zum Wissenschaftler gemacht habe. Anders als andere Eltern habe sie nach der Schule nicht gefragt, was er heute gelernt habe. Stattdessen erkundigte sie sich: „Izzy, hast du heute eine gute Frage gestellt?“
Laut „Izzy“ selbst trug die Angewohnheit seiner Mutter entscheidend zu seiner Karriere bei: „Dieser Unterschied – gute Fragen zu stellen – hat mich zum Wissenschaftler gemacht!“, sagte Rabi in einem Artikel in der New York Times, der 1988 kurz nach seinem Tod erschien. Vierundvierzig Jahre zuvor hatte er den Physiknobelpreis für seine Forschungen zum Atomkern erhalten und arbeitete zusammen mit Robert Oppenheimer am Manhattan-Projekt.

Das Stellen guter Fragen ist kein Selbstläufer. „Man muss das Fragenstellen lernen“, sagt Garvin Brod. Er ist Entwicklungspsychologe am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) und erforscht, wie Kinder lernen. Durch das richtige Nachhaken lerne ein Kind, sich bewusst Gedanken zu einem Thema zu machen und werde selbst aktiv. Es helfe Kindern, Informationen besser zu verstehen, zu verarbeiten und aufzunehmen. „Durch diese aktive Auseinandersetzung wird das Wissen am Ende besser behalten“, sagt Brod der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Natürlich merken wir uns auch Dinge, wenn wir sie stumpf auswendig lernen. Doch mit dem Stellen profunder Fragen ist auch etwas verknüpft, das beim Lernen häufig unterschätzt wird: Neugierde. Diese hat eine Voraussetzung, die erst einmal paradox klingt: Man braucht bereits Wissen, um überhaupt neugierig werden zu können. „Wir können nur neugierig auf ein Thema sein, wenn wir schon einiges darüber wissen“, sagt Brod. Das beruht auf der Idee der „Knowledge Gap Theory“: Neugier entsteht nur, wenn wir Lücken in unserem Wissen erkennen und diese schließen wollen.
Das klingt wie eine gute Nachricht für das klassische Schullernen. Doch der entscheidende Unterschied liegt im Antrieb: Auswendig gelerntes Wissen füllt Lücken von außen. Neugierde treibt die Beschäftigung mit dem Stoff von innen heraus an und weckt das Bedürfnis, die eigenen Wissenslücken zu schließen. Neugierde wird in der Wissenschaft deshalb nicht als Fähigkeit angesehen, die man trainieren kann. Vielmehr ähnelt sie einem Zustand, den man herbeiführt, indem man immer wieder mit etwas Unerwartetem belohnt wird. „Überraschung und Neugier hängen eng zusammen“, sagt Brod.
Brod nennt Dinosaurier als Beispiel. Kinder wissen vielleicht schon etwas über sie und haben entsprechend Ankerpunkte im Kopf. Präsentiert man ihnen nun eine überraschende neue Information dazu, entsteht Neugier fast automatisch. Bei einem fiktiven Marswesen hingegen funktioniert das nicht: Ohne Vorwissen gibt es keine Lücken, die sich auftun oder schließen können. Die Botschaft für Eltern und Lehrkräfte ist daher weniger kompliziert, als sie klingt: Anknüpfen, dann überraschen.
Im Idealfall wird der Wissensdurst so nie gestillt: Auf eine Frage folgt die nächste. So kann ein sich langfristig selbst verstärkender Prozess in Kraft treten, der in der Forschung auch „Matthäus-Effekt“ genannt wird. Er hält das Interesse und die Neugierde an einem Thema immer weiter aufrecht. Brod zieht hier die Parallelen zur Wissenschaft: „So entwickeln sich Kinder zu Experten. Man beginnt mit einer groben Frage, dann wird man immer feingliedriger.“
Rabis Mutter hatte es instinktiv verstanden, die Neugier ihres Kindes zu wecken. Ihre Frage – „Hast du heute eine gute Frage gestellt?“ – setzte genau dort an: Sie knüpfte an den Schulalltag ihres Sohnes an und öffnete gleichzeitig eine neue Lücke. Nicht „Was hast du gelernt?“, sondern „Was willst du noch wissen?“. (Quelle: New York Times, eigene Recherche)
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