Die EU verpflichtet Google, Android für KI-Assistenten von Fremdanbietern zu öffnen. Sie sollen die gleichen Zugriffsrechte wie Gemini erhalten.
Die EU-Kommission hat am Donnerstag verbindliche Spezifikationsmaßnahmen veröffentlicht, die beschreiben, wie Fremdanbieter ihre KI-Alternativen zu Gemini in Android integrieren dürfen. Sie sollen im Sinne der Interoperabilitätsvorgaben des Digital Markets Acts (DMA) nach Artikel 6 Absatz 7 die gleichen Zugriffsrechte erhalten wie Googles eigener KI-Assistent. Android gilt seit 2023 unter dem DMA als Gatekeeper und muss für Mitbewerber geöffnet werden.
Ende Januar hatte die EU-Kommission das Feststellungsverfahren begonnen und Google eine Frist von sechs Monaten gesetzt, um etwaige technische Hürden für KI-Assistenten der Mitbewerber auf Android abzubauen. Die Aufsichtsbehörden der Europäischen Union prüften, ob Google die EU-Vorgaben nach dem Gesetz über digitale Märkte (DMA) einhält und konkurrierende KI-Software in Android fair behandelt. Im April stellte die EU dann Maßnahmen vor und bat um Stellungnahmen interessierter Parteien. Nun hat die EU-Kommission anhand des Feedbacks sowohl von interessierten Unternehmen als auch von Google weitere Details der Integration veröffentlicht, die Google umsetzen muss. Google kann der EU zufolge immer noch gegen die Vorgaben vorgehen.
Nach den Ausführungen der EU-Kommission sollen KI-Chatbots von Fremdanbietern im Android-Betriebssystem den gleichen Funktionsumfang respektive Schnittstellenzugang haben, wie Googles eigener Chatbot Gemini zurzeit besitzt. Zurzeit lassen sich Chatbots in Android installieren und zum Teil auch gegen Gemini austauschen. Den vollen Funktionsumfang, über den Gemini in Android verfügt, haben sie jedoch nicht. Das soll sich ändern. Die EU-Kommission fordert die vorgegebenen Maßnahmen, damit Gemini nicht zur dominierenden KI-Plattform auf Android werden kann.
Funktionen, die Google in Android für Fremdanbieter öffnen muss.
(Bild: EU)
Neben der Möglichkeit, den Chatbot mit einem Aktivierungswort zu öffnen, müssen Nutzerinnen und Nutzer mit den Anwendungen ebenso Essen oder Fahrdienste per Befehl bestellen können. Überdies sollen Fremdanbieter-Apps genauso wie Gemini den Kontext eines Bildschirms erfassen können und die Inhalte analysieren. Die Gemini-Alternative soll zudem permanent im Hintergrund arbeiten und auch auf weitere Fremdanbieter-Apps zugreifen können, um Aufgaben für den Nutzer zu erledigen. Das heißt: Fremdanbieter-KI-Apps sollen genauso wie Gemini agentische, mehrstufige Funktionen ausführen können, erklärt die EU-Kommission in einem Q&A-Dokument.
Das bedeutet letztlich, dass Googles Mitbewerber im KI-Markt Android zu ihren eigenen KI-Gadgets nutzen können. Für OpenAI, Perplexity und weitere Unternehmen dürfte dies eine willkommene Öffnung des Betriebssystems sein.
Damit KI-Fremdanbieter den tiefen Systemzugriff nicht missbrauchen, gelten sämtliche „EU-Vorschriften, die Standards für Datenschutz und Sicherheit festlegen, insbesondere die DSGVO und das Gesetz zur Cyber-Resilienz“.
Überdies sollen die Nutzerinnen und Nutzer durch Einwilligungsmechanismen entscheiden, welche KI-Dienste sie nutzen möchten und welche KI-Dienste auf welche Funktionen ihrer Geräte zugreifen dürfen.
Laut der EU könne Google „unter außergewöhnlichen Umständen“ [...] „angesichts der Sensibilität einiger dieser Funktionen objektive und nichtdiskriminierende Zugangsvoraussetzungen festlegen, um den Zugriff auf Dritte zu beschränken, die bestimmte Datenschutz-, Sicherheits- und Integritätsstandards erfüllen“, heißt es. Jedoch dürfe Google Fremdanbietern keine weiteren kommerziellen Anforderungen auferlegen.
Neben Google sollen zudem unabhängige Dritte bestätigen, dass eine Drittanbieter-KI-App die Sicherheitskriterien erfülle. Der vorgegebene Zeitrahmen sieht vor, dass Google den „Entwurf der Bedingungen für das Zulassungsprogramm zur Konsultation durch Dritte und die Kommission“ zum 1. Februar 2027 veröffentlichen muss.
Anschließend muss Google bis zum 1. Mai 2027 die endgültigen Bedingungen des Programms veröffentlichen. Ab dem 1. Mai 2027 muss Google schließlich Anträge auf die Zertifizierung entgegennehmen. Google darf sich dabei nicht zu viel Zeit lassen: Die Prüfung, ob ein bestimmter KI-Dienst die Kriterien erfülle, müsse innerhalb von vier Wochen nach Antragseingang abgeschlossen sein. Nicht-KI-Dienste können den Zugang zu den Funktionen über ein separates Verfahren beantragen. Ab Juli 2027 sollen Nutzer dann von den Änderungen an Android profitieren. Die Anpassungen dürften mit dem Update auf Android 18 umgesetzt werden.
„Die Gesellschaft durchläuft derzeit einen tiefgreifenden digitalen Wandel. Wir müssen dafür sorgen, dass dieser Prozess fair verläuft und dass unsere Bürger Wahlmöglichkeiten haben. Unsere Entscheidung wird kleineren Wettbewerbern, Suchmaschinen oder KI-Assistenten dabei helfen, im Wettbewerb zu bestehen und diese Wahlmöglichkeiten zu bieten, während gleichzeitig die Privatsphäre der Nutzer geschützt wird“, sagte Teresa Ribera, Executive Vice-President for Clean, Just and Competitive Transition, zu den Maßnahmen.
Henna Virkkunen, Executive Vice-President for Tech Sovereignty, Security and Democracy, ergänzt: „Mit den heutigen Maßnahmen wollen wir Innovation und Vielfalt in der Europäischen Union fördern und einen fairen Wettbewerb auf den Märkten für KI-Assistenten für Android-Geräte und Suchmaschinen ermöglichen. Wir hoffen, dass dank dieser Maßnahmen neue Alternativen zur Google-Suche und zu Googles KI-Diensten wie Gemini entstehen und dass die Nutzer in der EU von einer größeren Auswahl an Diensten profitieren können.“
Auch Google äußert sich zu den Maßnahmen: „Die heutigen Entscheidungen aus Brüssel zum Digital Markets Act (DMA) bergen die Gefahr, wesentliche Schutzmechanismen für die Privatsphäre und Sicherheit von Millionen Europäern zu untergraben. Wir haben wiederholt Lösungen vorgeschlagen, um Nutzerinnen und Nutzer zu schützen und gleichzeitig die Ziele des DMA zu erfüllen; doch diese Entscheidungen lassen umfangreiche Belege für Schäden für die Nutzer außer Acht.“
Zudem sagt Google, dass KI-Assistenten „längst sicher auf die Funktionen von Android“ zugreifen. Hier spielten die Smartphone-Hersteller bei deren Überprüfung eine Schlüsselrolle. „Der heutige Beschluss zu Android gefährdet jedoch die Gerätesicherheit, indem er externen Apps sensible und weitreichende Berechtigungen einräumt – und das ohne besagte Schutzmaßnahmen.“ Google ergänzt, dass diese Öffnung zu einem Zeitpunkt geschehe, „an dem die EU-eigene Cybersicherheitsagentur warnt, dass ‚grundlegende Sicherheitsaspekte im Zeitalter von KI wichtiger sind denn je’“.
Während Google Android weiter öffnen muss, scheint Mitbewerber Apple das KI-Thema in der EU auszusitzen. Der neue KI-Assistent Siri AI wird zunächst nicht auf hiesigen iPhones angeboten. Apple und die EU befinden sich zwar im Dialog, ein Ergebnis stehe aber noch aus. Apple sperrt in der EU übrigens seit 2024 einige Funktionen wie iPhone-Mirroring, die für den Konzern zu einer Öffnung seines Betriebssystems iOS für Fremdanbieter führen würden.
(afl)
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