Der Aalener AfD-Landtagsabgeordnete Chris Hegel galt als Favorit für den Vorsitz – am Ende setzte sich jedoch ein anderer durch.
Stand: 22.06.2026, 12:45 Uhr

Der Aalener AfD-Landtagsabgeordnete Chris Hegel galt als Favorit für den Vorsitz – am Ende setzte sich jedoch ein anderer durch.
Donzdorf. In Donzdorf im Kreis Göppingen hat sich am Sonntag (14.06.) der baden-württembergische Landesverband der neuen AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“gegründet. Es gab Partei-Prominenz, Proteste – und eine faustdicke Überraschung bei der Wahl des Vorstands. Auch der Rems-Murr-Kreis ist vertreten.
Man konnte am Morgen schon von Weitem sehen, dass etwas Außergewöhnliches vorgeht in Donzdorf. Straßensperren, ein Großaufgebot der Polizei, Menschen, die mit bunten Bannern Richtung Stadthalle ziehen. Im Ort gibt es an diesem Tag vor allem ein Thema: Die Gründung des letztens Landesverbands der „Generation Deutschland“ (GD) in der Stadthalle und die Gegenproteste, an denen laut Polizei insgesamt etwa 750 Menschen teilnahmen. An der Halle waren im Vorfeld zwei Scheiben eingeworfen worden.
„Es ist nur echte Presse zugelassen Herr Roth“, sagt der Bundestagsabgeordnete Lars Haise aus Schorndorf, als ich die Halle betreten will. „Und Sie sind keine echte Presse.“ Tatsächlich werde ich nach einer erfolgreichen Sicherheitskontrolle von den Brüdern Chris und René Hegel wieder aus der Halle geschickt. Ich stehe nicht auf der Liste, hätte mich akkreditieren müssen. Auf den Hinweis, dass die AfD weder Presseinformationen an unsere Redaktion geschickt noch öffentlich überhaupt groß zur Veranstaltung kommuniziert hatte, sagt Chris Hegel: „Ich diskutiere da jetzt nicht. Sie haben ja auch hergefunden.“ Berichterstattung von drinnen? An diesem Tag nicht möglich.
Chris Hegel ist frisch gebackener AfD-Landtagsabgeordneter aus Aalen. Davor war er Polizist beim Polizeipräsidium Aalen. Hegel hat schon vor Wochen signalisiert, dass er die neue AfD-Jugend anführen will – und unsere Fragen dazu ignoriert. Wir hatten beispielsweise wissen wollen, warum er einem ehemaligen Führungsmitglied der „Identitären Bewegung“ auf Instagram folgt. Außerdem ist Hegel der Wunschkandidat des AfD-Landesvorsitzenden Markus Frohnmaier. Oder sagen wir besser: War es.
Denn trotz all der Werbung, der Unterstützung, den Anbiederungsversuchen ans rechtsextreme Vorfeld der Partei in den letzten Wochen, scheiterte Chris Hegel am Sonntag überraschend bei der Wahl zum GD-Vorsitzenden. Er erreichte 38 Stimmen, sein Gegner Benjamin Götz kam auf 40. Götz, stellvertretender Kreissprecher der AfD Hohenlohe/Schwäbisch Hall war bis zu ihrer Auflösung stellvertretender Landessprecher der „Jungen Alternative“ (JA) Baden-Württemberg. Ein ehemaliger Vorstand der JA führt damit nun auch ihre Nachfolgeorganisation an.
Ungewöhnlich ist das nur auf den zweiten Blick: Das Führungspersonal der ehemaligen JA und ist auch in anderen Landesverbänden ähnlich bis nahezu identisch mit dem der „Generation Deutschland“. Aber in Baden-Württemberg gibt es eine Vorgeschichte, die es anderswo so nicht gibt. Hier hatte in den letzten Jahren ein erbitterter Machtkampf zwischen AfD-Chefin Alice Weidel und dem ehemaligen AfD-Bundestagsabgeordneten Dirk Spaniel getobt. Spaniel stand dem rechtsextremen Parteiflügel um Björn Höcke nahe – und die AfD-Jugend weitestgehend hinter ihm. Auch Benjamin Götz hielt große Stücke auf Spaniel.
Dazu kommt: Die „Junge Alternative“ in Baden-Württemberg galt selbst für AfD-Verhältnisse als radikal. Sie war besonders eng mit der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ verbunden. 2024 wählte sie mit Jannis George sogar jemanden in den Vorstand, der zuvor aktiv bei der IB in Erscheinung getreten war und wegen mindestens einer Aktion der rechtsextremen Organisation vor Gericht stand.
Alice Weidel hat den Machtkampf in Baden-Württemberg am Ende gewonnen, Spaniel verließ die Partei. Die „Junge Alternative“ wurde aufgelöst. Zur IB versuchte die AfD zuletzt stärker auf Distanz zu gehen. Dass Benjamin Götz nun Chef der GD ist, dürfte dem Weidel-Lager, das den AfD-Landesverband dominiert daher eher nicht gefallen.
Es ist eine Niederlage, die so nicht unbedingt zu erwarten war. Chris Hegel, so haben es Teilnehmer der Versammlung erzählt, schien jedenfalls ehrlich überrascht gewesen zu sein. Im Saal wurd es laut „Südwest-Presse“ kurz still.
Götz ist nicht der einzige ehemalige JA-Vorstand, der es auch in den Vorstand der GD geschafft hat. Tim Demuth, zeitweise Ansprechpartner für die JA im Rems-Murr-Kreis, wurde zum zweiten Stellvertreter gewählt. Auf Fragen dazu hatte er „keine Lust“.
Erster Stellvertreter wurde der Reutlinger AfD-Landtagsabgeordnete Maximilian Gerner, der auf Instagram kürzlich den in der rechtsextremen Szene beliebten Hashtag „White Boy Summer“ verwendete. Schlagzeilen machte er zuletzt vor allem damit, dass er den wohl radikalsten prominenten Vertreter seiner Partei, Björn Höcke, zum Landtagswahlkampf nach Reutlingen einlud. Auch Gerner wollte nicht mit mir über seine Wahl sprechen.
Wer weniger Berührungsängste hatte: Dennis Wittmann, AfD-Kreisrat aus dem Rems-Murr-Kreis. Er kandidierte am Sonntag für einen Posten im GD-Landesvorstand. Zum Zeitpunkt des Gesprächs stand seine Wahl aber noch bevor. Und nach drinnen, um die Abstimmung zu verfolgen, kam ich nicht.
Draußen lieferten sich junge Neonazis derweil ein hitziges Wortgefecht mit ein paar Gegendemonstranten. Dass sie als „rechtsextrem“ bezeichnet wurden, konnte eine junge Frau aus der Gruppe kaum fassen – während keine zwei Meter neben ihr ein junger Mann, mit dem sie da war, eine „Thor Steinar“-Jacke trug. Auf die Frage, ob sie für die Gründung der AfD-Jugend oder zum Beobachten der Gegendemos da seien, sagten sie sinngemäß: beides.
Drinnen wurden Vertreterinnen und Vertreter der Presse auf Schritt und Tritt verfolgt. So erzählten es Kolleginnen und Kollegen, die eingelassen wurden. Selbst beim Gang auf die Toilette habe jemand vor der Tür auf sie gewartet. Keine fünf Minuten, nachdem mir das erzählt wurde, werde ich von einem Teilnehmer durch die Glasfront der Stadthalle fotografiert oder gefilmt. Die übliche Pressefeindlichkeit großer Teile der AfD(-Jugend).
Fairerweise sei an dieser Stelle gesagt: Der Landtagsabgeordnete Sandro Scheer hatte sich zwischenzeitlich dafür eingesetzt, dass ich doch noch aus der Halle berichten kann – es wurde aber nichts daraus.
Am Ende lässt sich festhalten: Auch in Baden-Württemberg ist der propagierte „Neuanfang“, der mit der „Generation Deutschland“ angeblich versucht wird, von Kontinuitäten gezeichnet. Die ehemalige „Junge Alternative“ ist an zwei zentralen Positionen im Landesvorstand vertreten. Ob die frisch gegründete Organisation wie ihr Vorgänger als „Radikalisierungsmotor“ der rechtsextremen AfD fungieren wird, bleibt abzuwarten. Vieles, was am Sonntag zu beobachten war, spricht jedenfalls dafür.
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