Vor den Kommunalwahlen lobte der Forbacher Bürgermeister die Nationalbühne, doch danach setzte er den Rotstift an. Das Carreau, auch auf deutscher Seite geschätzt, verliert fast zehn Prozent seines Budgets – Fördervereine sehen das Theater in Gefahr.
Forbach · Vor den Kommunalwahlen lobte der Forbacher Bürgermeister die Nationalbühne, doch danach setzte er den Rotstift an. Das Carreau, auch auf deutscher Seite geschätzt, verliert fast zehn Prozent seines Budgets – Fördervereine sehen das Theater in Gefahr.
Die Lichter werden beim Forbacher Carreau zwar noch nicht ausgehen, aber es muss mit unerwarteten harten Budgeteinschnitten im laufenden Kalenderjahr leben.
Foto: Silvia BussVor den französischen Kommunalwahlen im März hatte der Forbacher Bürgermeister Alexandre Cassaro (Les Républicains) die Bedeutung der Nationalbühne Le Carreau für die Stadt noch hervorgehoben und betont, man dürfe sie nicht in Frage stellen. Doch schon kurz nach den Wahlen, die er gewann, setzte er den Rotstift an: Statt wie bisher 300.000 Euro jährlich wird das Carreau in diesem Jahr nur noch 250.000 Euro von der Stadt erhalten. So beschloss es Cassaro im April bei der Verabschiedung des städtischen Haushalts mit seiner Mehrheitsfraktion.
Weitere Zuschüsse gehen verloren
Und dabei bleibt es nicht. Dem Carreau, das unter den 78 Nationalbühnen Frankreichs eines der kleinsten Budgets hat, gehen auch von anderer Seite Zuschüsse verloren: Da sich zudem der Zweckverband für Kulturarbeit ACBHL auflöst – womit dem Carreau 40.000 Euro verloren gehen – und auch die Region Grand Est ihren Zuschuss von 300.000 Euro auf 270.000 Euro gekürzt hat, schlägt der Verein der Carreau-Zuschauer (Association des spectateurs) nun Alarm.
In einem Brief an die lokale Forbacher Presse, der auch der SZ nun vorliegt, mahnt der Verein: „Diese verschiedenen Mittelkürzungen summieren sich zu einem Verlust von 120.000 Euro.“ Hinzu komme noch, dass der Staat trotz Inflation seinen Zuschussanteil von 500.000 Euro seit einem Jahrzehnt nicht erhöht habe, so Michelle Razpotnik, die Vorsitzende des Zuschauervereins. Nicht nur dieser Verein sieht das Carreau, das neben dem Angebot an Theater, Tanz, Musiktheater und Zirkus für alle auch eine Vermittlungsaufgabe wahrnimmt, in Gefahr.
Sogar der Vorsitzende des Carreau-Trägervereins AATEM, Romain Kotik, meldete sich gegenüber dem Républicain Lorrain zu Wort. Das ist um so ungewöhnlicher, als im Verein AATEM just jene öffentlichen Finanzpartner vertreten sind, die die Mittel gekürzt haben. Er bedauere den mangelnden Dialog mit der Stadt Forbach, die den Trägerverein im April ohne Vorankündigung vor vollendete Tatsachen gestellt habe. „Seitdem hat uns der Bürgermeister zwar empfangen, aber der Schaden ist angerichtet, da unser Programm für 2026-2027 bereits feststeht“, sagte Kotik, der als Vertreter der Zivilgesellschaft zum Vorsitzenden von AATEM ernannt wurde.
Für Oppositionsführer ist Mittelkürzung „eine politische Entscheidung“
Kotik will jetzt die Ochsentour durch die Umlandgemeinden antreten, um sie zu überzeugen, die ACBHL doch nicht aufzulösen, und das Carreau, von dem sie ja auch profitieren, weiter zu unterstützen. Gegenüber dem Républicain Lorrain begründete Bürgermeister Cassaro, zugleich Präsident des ACBHL, die Kürzung mit den Worten: „Wir sind gezwungen, Einsparpotenziale zu finden“. Das gekürzte Budget bedeute keinen Rückzug und bleibe eine bedeutende Summe, versichert er dem RL. Für den Forbacher Oppositionsführer Abdah Griffete („Forbach Place à l’Action“) ist die Mittelkürzung der Stadt fürs Carreau ganz eindeutig „eine politische Entscheidung“. Die seine Fraktion übrigens abgelehnt hatte.
Das Carreau sei nicht bloß eine städtische Institution, sondern eben eine staatlich ausgezeichnete Bühne, Hauptakteur des künstlerischen Schaffens, der kulturellen Bildung und grenzüberschreitenden Ausstrahlung von Forbach. „Es ist ein enormer Hebel für die Attraktivität, es zu schwächen bedeutet, das Image und den Ehrgeiz unserer Region zu schwächen“, erklärt er im SZ-Gespräch. Diese Kürzung sei umso schwerer zu verstehen, als die städtische Mehrheitsfraktion zugleich mehrere Hunderttausend Euro in neue Projekte wie das „Maison des Cultures Numériques (MCN)“ stecke.
Das „Haus der digitalen Kulturen“ MCN, ein künstlerisch orientierter Lern- und Experimentierort, an dem Jugendliche digitale Werkzeuge wie KI, VR und Musiksoftware für kreative Projekte nutzen können, gilt als Cassaros großes Prestigeprojekt. Das Ende 2025 im renovierten Gebäude der ehemaligen städtischen Musikschule eröffnete MCN erhält durch einen Sondervertrag von der Stadt nun drei Jahre lang je 250.000 Euro Betriebskostenförderung – genau so viel wie das Carreau. Zusätzlich finanziert die Stadt 2026 mit 620.000 Euro aus dem Investitionshaushalt die Anschaffung der nötigen High-Tech-Geräte.
Unterstützung von Saarbrücker Verein
„Ich bin nicht gegen digitale Entwicklung“, betont Griffete. Sehr wohl aber sei er gegen Alleingänge, die zu Doppelstrukturen führen: In Schoeneck am Lycée Condorcet habe der Gemeindeverband nämlich schon so etwas Ähnliches aufgebaut.
Inzwischen springt noch ein ganz anderer Akteur dem Carreau bei: Der in Saarbrücken ansässige Verein zur Förderung der Zweisprachigkeit vereint deutsche und französische Mitglieder von beiden Seiten der Grenze, die das Haus seit Jahren im Abonnement nutzen. In einem offenen Brief erinnert der Verein Bürgermeister Cassaro an sein eigenes Lob zur regionalen Ausstrahlung der Bühne. Da ein Viertel der Zuschauer aus dem Saarland anreist, profitiere Forbachs Handel direkt von dieser Kaufkraft. Als Kulturmotor verbindet die Einrichtung die Region weit über die Grenze hinweg: Neben den Festivals Loostik und Perspectives sichert das Carreau über eine Kooperation mit dem Saarländischen Staatstheater auch französischem Publikum Opernabende in Saarbrücken mit Übertiteln zum Vorzugspreis. Deswegen ruft der Verein nun die politischen Chefs des Eurodistricts SaarMoselle sowie den französischen Generalkonsul im Saarland auf, sich für den Fortbestand der nationalen Bühne einzusetzen. (loz/hem)
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