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Frankreichs hässlichste Kunst?: Wenn Kaffee nicht mehr hilft – die Autobahn, auf der bunte Pyramiden vorbeiflitzen

Дата публикации: 30-06-2026 04:00:00




810.000 Francs gegens Wegdümpeln: Früher hatte Frankreich Angst um die Autofahrer, die vom Saarland nach Paris fuhren. Resultat: „Harlekin-Kostüme“ auf der A4. Von hehren Zielen, verspotteter Kunst und gesetzlicher Promille.



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Frankreichs hässlichste Kunst? Wenn Kaffee nicht mehr hilft – die Autobahn, auf der bunte Pyramiden vorbeiflitzen

Reims · 810.000 Francs gegens Wegdümpeln: Früher hatte Frankreich Angst um die Autofahrer, die vom Saarland nach Paris fuhren. Resultat: „Harlekin-Kostüme“ auf der A4. Von hehren Zielen, verspotteter Kunst und gesetzlicher Promille.

Es gibt Autofahrten, die sind schon vor Fahrtantritt lang und werden unterwegs noch länger. Die Fahrt nach Paris auf der A4 ist so eine. Hinter Metz zieht die Autobahn nach Frankreich rein, Richtung Verdun und Reims. Spätestens ab dem Département Meuse befällt auffällige Beschaulichkeit die Reisenden: Hügel, Felder, Hügel. Wer die Strecke kennt, packt eine extra Thermoskanne ein, mit extrastarkem Kaffee. Der ist nach zwei Stunden alle – und dann fängt es an. Zum Glück. Autofahrerinnen und (noch wache) Beifahrer erleben ihr buntes Wundern. Kugeln kleben am Straßenrand, Pyramiden schießen aus dem Gras, Platten lümmeln hinter der Leitplanke, vor Brücken ragen Pfähle hoch. Da sind sie, Exemplare jener Autobahnkunst, die schon als hässlichste Kunst Frankreichs verspottet wurde. Irgendwo hinter Verdun, zwischen Feldern und Hügeln.

Frankreichs hässlichste Kunst? Übersehen unmöglich!

Mit den Händen am Steuer wundert man sich, seit wann die Gebilde hier schon stehen. Aquarellfarbig, manche verwittert, manche von hohem Gras umkuschelt. Übersehen unmöglich. Das stille Spektakel zwischen Sainte-Menehould und Châlons-en-Champagne währt ganze 30 Kilometer lang. Heute sind die kultigen Kugeln und Pyramiden von der Autobahn nicht mehr wegzudenken. Aber seinerzeit fiel die Begeisterung bescheiden aus. „Verwaschenes Harlekin-Kostüm“, „Gekleckse“, „fragwürdiger Kubismus“ – Artikel im „Républicain Lorrain“ vom Sommer 1977 geben eher verhaltene Reaktionen wieder. „Man nimmt es wahr, ohne es wirklich zu sehen. Man erträgt es, ohne es wirklich zu ertragen“, wird ein Autofahrer zitiert.

Kunst, die alle kennen, ohne sie zu kennen: Über 30 Kilometer erstrecken sich die geometrischen und farbigen Körper auf der A4. Die Autobahnkunst auf dem Weg nach Paris gilt als positives Beispiel der Gattung. Als eines von wenigen?

Foto: Sophia Schülke

Aber um’s Ertragen ging’s nie. Das Ziel war von jeher ein höheres: Bloß nicht wegzudümpeln. Der Betreibergesellschaft Apel (Autoroutes Paris-Est Lorraine, Vorläufer der Sanef) formulierte es damals gewählter: „eine neue Ebene der sinnlichen und emotionalen Wahrnehmung in die zweckorientierte Welt einbringen“. Und das war ihr 810.000 Francs wert (umgerechnet etwa 559.000 Euro laut Insee-Kaufkraftrechner, Inflation berücksichtigt).

In Schlaghosen zur Einweihung

Die „Autoroute de l’Est“ entstand zu Beginn der 70er Jahre. Eingeweiht wurde sie 1976. Bei Apel misstraute man Frankreichs tiefem Osten – und fürchtete, die Nutzer der nagelneuen Autobahn könnten, ob so viel gediegener Ländlichkeit, am Steuer wegdösen. Kunst sollte sie wachhalten. „Pour chasser l’ennui“ titelte die Regionalzeitung am 14. September 1977. Die Wahl war auf Guy de Rougemont (1935-2021) gefallen. Den französischen Maler, Bildhauer und Möbeldesigner, den alle kennen, ohne ihn zu kennen. Also zumindest alle, die schon mal mit dem Auto Richtung Paris gefahren sind.

Autobahnkunst im Languedoc: Auf der Loupian-Raststätte werden Reisende von dem Chansonnier Georges Brassens begrüßt. Die Skulptur an der A9 stammt von dem Bildhauer Thierry Delorme.

Autobahnkunst im Languedoc: Auf der Loupian-Raststätte werden Reisende von dem Chansonnier Georges Brassens begrüßt. Die Skulptur an der A9 stammt von dem Bildhauer Thierry Delorme.

Foto: Vinci Autoroutes/Alain Tendero

Im karierten Anzug und in Schlaghosen kommen die Apel-Verantwortlichen am 13. September 1977 zur Einweihung. Apel, so zitiert die Regionalzeitung, wollte ein neues Konzept für die Gestaltung von Autobahnachsen: „durch Farbe mehr Menschlichkeit schaffen, die Wahrnehmung des Geländes aufbrechen, um die Autobahn zu beleben“. Seitdem hat de Rougemonts „art autoroutier“ dort den regelmäßigsten Besucherverkehr – davon kann so manches Kunstwerk in einem Museum nur träumen.

Kunst ja, aber nicht zum Erschrecken

So kommt es, dass bunte Gebilde aus Holz, Beton, Blech und Emaille zu beiden Seiten die A4 säumen. Allein 60 Kugeln und 200 Bleche. Die Farben sind übrigens keine Macke der damaligen Mode, sondern haben ihren Sinn: Harmonisch gehalten, sollten die Autofahrer nämlich nicht „erschrecken“.

Wer jetzt denkt, dass rote Totempfähle am Straßenrand doch gruselig sind, ist gedanklich zu schnell abgebogen. Den Architekten zufolge sind die Farben aus unterschiedlichen Entfernungen wahrnehmbar. Quasi um der Harmonie willen. Rot aus fünf Kilometer Entfernung, Grün aus vier Kilometer, Weiß aus drei Kilometer, Gelb aus 1,6 Kilometer und Blau sowie Violett aus 0,8 Kilometer.

Zwischen Pop Art und Minimalismus

Auch wenn damals mit einer Geschwindigkeit von 100 Kilometer pro Stunde gerechnet wurde, fällt auch heute bei den stellenweise zulässigen 130 auf: Die Kunst betont das Relief der Autobahn und ihrer Umgebung. Würfel auf geraden Linien, Kugeln an Hängen, Zylinder auf Hügeln. Was erst überrascht, passt letztlich.

Die Pariser Galerie „Diane de Polignac“, die mit de Rougemont zwischen 2011 und 2021 zusammengearbeitet hat, zählt das Projekt zu seinen Aushängeschildern. „Sein farbenfrohes und verspieltes Werk bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Pop Art und Minimalismus. (…) er nutzt seine Malerei als Ausgangspunkt, um den Raum zu erforschen“, schreibt die Galerie über diesen Kommandeur der Künste und Literatur. De Rougemont setzte seine „Environnement pour une autoroute“ (Umwelt für eine Autobahn) mit dem Pariser Architekturbüro „Sopha architectes“ um.

Kunst oder „Kunst“?

Die Stunde von Frankreichs Autobahnkunst schlägt zu Beginn der 80er. Kultur- und Verkehrsministerium beschließen im Sommer 1980, die Vorgabe des Kunst-Prozents auch auf konzessionierte Autobahnen auszuweiten. Zum Hintergrund: Seit 1951 muss beim Bau öffentlicher Bauten ein Prozent der Kosten in Werke von lebenden Kulturschaffenden investiert werden. Für Autobahnen wird ein Tausendstel gesetzt, sozusagen eine Kunst-Promille. Das entsprechende Rundschreiben ergeht im Juli 1982 an die Präsidenten der Betreibergesellschaften.

Auf der A9 nach Spanien: Diese Skulptur stellt den Sänger und Dichter Charles Trenet („La Mer“) dar und lacht Reisende auf der Raststätte Narbonne-Vinassan Sud an. Geschaffen wurde sie von Pascale und Thierry Delorme.

Foto: VINCI Autoroutes

So entstehen in den 80ern und 90ern rund 65 Autobahnkunstwerke. Ein Bericht der Bron-Mission, die Autobahnbetreiber in unregelmäßigen Abständen abfragt, zählt zwischen den 60ern und 2002 rund 75 Werke auf dem konzessionierten Netz. Für 50 Objekte wurden demnach insgesamt 75 Millionen Francs ausgegeben (umgerechnet zwischen elf und 20 Millionen Euro, je nach Inflationsrate).

Nur wenige „interessante“ Werke

Doch sei das Ergebnis der Höhe der investierten Summen „nicht immer gerecht geworden“, bilanziert der Experte Gilbert Smadja 2003 in seinem Bericht für den Generalrat für Brücken- und Straßenbau. Aber: Das Werk von Guy de Rougemont zählt er zu den „wenigen“, vor 1995 entstandenen „interessanten“ Werken – auch wegen seiner Zurückhaltung, seiner künstlerischen Eigenständigkeit und seines landschaftlichen Charakters.

Andererseits könnten „viele der realisierten Werke, selbst unter den kostspieligsten, oft anekdotisch, manchmal etwas bombastisch wirken und künstlerisch als fragwürdig angesehen werden“, bemängelt Smadja. Vorgaben der Betreiber – etwa inhaltliche Bezüge zur Umgebung und technisch-materielle Kriterien – hätten „vielleicht“ verhindert, dass alle Projekte „ihre Größe erreichen“. Das Ausleuchten der „formal und plastisch oft sehr reichen und starken Beziehung“ von Straße, Autobahn und Natur käme zu kurz. Der Bericht bilanziert: Es sei nicht wirklich gelungen, den richtigen Platz für Kunst an Straßen und Autobahnen zu finden.

Zwar ist neue „art autoroutier“ auch angesichts von Kürzungen seltener geworden, aber komplett aus der Mode ist sie nicht. 2017 zum Beispiel hat der Betreiber Vinci Autoroutes auf der A9, auf der Raststätte Narbonne Vinassan-Sud, einen großen, lachenden Bronzekopf aufgestellt – mit den Gesichtszügen des Chansonniers Charles Trenet, der aus der Region stammt. (hem)

Der Bildband „Art d’autoroute“ mit Fotos von Julien Lelièvre versammelt 71 Autobahnkunstwerke in Frankreich. 2019 im Building Books Verlag erschienen, rund 200 Seiten. Weitere Autobahnkunst unter www.vinci-autoroutes.com/fr/decouvertes/kilometre-art

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