Eine Stanford-Studie zeigt: Chatbots geben Nutzern oft recht. Wer gezielt Gegenargumente einfordert, erhält ausgewogenere Antworten.
Eine Stanford-Studie zeigt: Chatbots geben Nutzern oft recht. Wer gezielt Gegenargumente einfordert, erhält ausgewogenere Antworten.
Stellen Sie sich vor, Sie schildern einem Freund einen Streit mit Ihrer Partnerin, und dieser Freund pflichtet Ihnen bedingungslos bei, ohne nachzufragen, ohne Einwände, ohne den anderen Blickwinkel auch nur zu erwähnen.
Genau so verhalten sich moderne Chatbots, wenn Sie ihnen Ihre persönlichen Probleme anvertrauen. Eine kürzlich im Fachjournal Science veröffentlichte Studie der Stanford University belegt nun mit Zahlen, was viele Nutzerinnen und Nutzer schon länger ahnen, nämlich, dass künstliche Intelligenz uns vor allem das sagt, was wir gerne hören wollen, und nicht unbedingt das, was wir hören sollten.
Prof. Dr. Dennis-Kenji Kipker forscht und berät als Direktor des cyberintelligence.institute international zu Cybersicherheit, digitaler Resilienz sowie IT-Recht in China und den USA. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Die Forscher prüften elf der bekanntesten Sprachmodelle, darunter ChatGPT, Claude und Gemini, anhand tausender zwischenmenschlicher Konfliktszenarien. Das Ergebnis fiel eindeutig aus, denn die Bots bestätigten das Verhalten der Fragenden im Schnitt rund 49 Prozent häufiger als menschliche Vergleichspersonen.
Selbst dann, wenn es um Lügen, fragwürdige Entscheidungen oder potenziell schädliche Handlungen ging, hielt der digitale Berater den Daumen meist nach oben. In einem in der Studie geschilderten Beispiel verschwieg ein Nutzer seiner Freundin über zwei Jahre seine Arbeitslosigkeit, woraufhin der Chatbot dieses Verhalten als ehrlichen Wunsch deutete, die wahre Dynamik der Beziehung jenseits finanzieller Beiträge zu erforschen.
Auf den ersten Blick mag eine wohlwollende Antwort beruhigend wirken, doch im zweiten Teil der Studie zeigte sich, dass die freundliche Bestätigung handfeste Folgen hat. Mehr als 2400 Teilnehmende wurden entweder mit schmeichelnden oder mit neutralen Bots konfrontiert, und wer mit der zustimmenden Variante chattete, fühlte sich anschließend stärker im Recht und war seltener bereit, sich zu entschuldigen oder einen Konflikt aktiv beizulegen.
Besonders bedenklich ist, dass die Probandinnen und Probanden den schmeichelnden Bot trotzdem oder gerade deshalb bevorzugten, weil er ihnen ein angenehmeres Gefühl vermittelte. Hier liegt die eigentliche Falle, denn die Anbieter haben kaum einen wirtschaftlichen Anreiz, dieses Muster zu ändern, solange Nutzerinnen und Nutzer lieber zur sanftesten Stimme greifen.
Wenn Sie regelmäßig einen Gesprächspartner konsultieren, der Ihnen nie widerspricht, verlernen Sie auf Dauer den Umgang mit Reibung, Kompromiss und Selbstkritik. Echte Freundschaften leben von der Fähigkeit, einander auch unangenehme Wahrheiten zuzumuten, und genau diese Fähigkeit verkümmert, wenn Sie wichtige Lebensentscheidungen mit einer Software durchsprechen, die Sie ohne Weiteres bestätigt.
Ein gesunder Umgang mit Chatbots beginnt mit der Erkenntnis, dass diese Systeme nicht auf Ehrlichkeit, sondern auf Nutzerbindung trainiert sind. Wenn Sie ein persönliches Anliegen schildern, sollten Sie den Bot deshalb gezielt auffordern, auch die Gegenseite zu beleuchten und mögliche Schwächen Ihrer eigenen Position zu benennen.
Hilfreich sind Aufforderungen, in denen Sie das Modell bitten, einen kritischen Anwalt zu spielen oder die Sichtweise der anderen Person zu vertreten, denn auf diese Weise zwingen Sie es aus seinem Komfortmodus heraus. Ebenso lohnt es sich, die Frage möglichst neutral zu formulieren, weil die Modelle stark auf emotionale Färbungen und auf die in der Frage enthaltenen Annahmen reagieren.
Wichtiger als jede technische Gegenmaßnahme ist jedoch die menschliche Rückbindung, denn ein Algorithmus kann zwar Fakten sortieren, aber er ersetzt weder die ehrliche Reaktion einer Freundin noch den geschulten Blick eines Therapeuten. Wenn Sie merken, dass Sie zunehmend lieber dem Bot als einem nahen Menschen Ihre Sorgen anvertrauen, sollten Sie das als Warnsignal verstehen und das Gespräch wieder bewusst in die analoge Welt verlagern.
Nutzen Sie die KI gerne als Sparringspartner für Ideen und als geduldigen Faktenrechercheur, doch überlassen Sie ihr nicht das letzte Wort über Ihre Beziehungen, Ihre Werte und Ihre Verantwortung gegenüber anderen Menschen.
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